Altstadt Bennos Platzhalter

Die Büste des Heiligen im Liebfrauendom ist derzeit nach Meißen ausgeliehen, es gibt erstaunlichen Ersatz

Von Jutta Czeguhn, Altstadt

"Der Heilige Benno, der ist grad nicht da, aber er kommt wieder", sagt der Kirchendiener im Liebfrauendom. Damit verrät er nichts Neues. In der Benno-Kapelle im südlichen Seitenschiff steht hinter dem abgesperrten Gitter ein Plakatständer, der mehr berichten kann über den Verbleib des Heiligen, respektive seiner Silberbüste aus dem Jahr 1601. Sie weilt noch bis zum 5. November als eine Leihgabe in Meißen, wo die Ausstellung "Ein Schatz nicht von Gold. Benno von Meißen - Sachsens erster Heiliger" zu sehen ist. Die Entsendung des Heiligen nach Hause geht in Ordnung, schließlich ist Benno seit 1580 auch Schutzpatron Münchens und Bayerns, und beide Bistümer sind in enger Verbindung, seit in den Wirren der Reformationszeit die sterblichen Überreste des Heiligen zusammen mit seinem Bischofsstab und der Mitra nach München gerettet wurden. Rätselhaft bleibt für Dombesucher das Objekt, das an Stelle der verzierten Silberbüste auf dem Ebenholzschrein genau über der Schädel-Reliquie des Heiligen sitzt.

Christoph Brechs Mauer-Reliquiar steht auf dem Schrein mit den Reliquien des Heiligen Benno im Dom.

(Foto: Thomas Splett)

Weil die Kapelle dauerhaft mit dem Gitter versperrt und auch alarmgesichert ist, muss man sich schon ziemlich verrenken, um diesen geheimnisvollen Platzhalter näher betrachten zu können. Es ist eine in ihren Umrissen an eine Sphinx erinnernde Plastik. Klar erkennbar sind die Schulterpartien, der Kopf allerdings hat nichts Menschliches mehr, hat er doch weder Augen, Nase noch Mund. Da sitzt nur - unergründlich anonym - eine Art Helm. Dort, wo in der Brust das kalte Herz dieses bleichen Gesichtslosen schlagen könnte, ist ein quadratisches Loch, eine Art Fenster, in dem liegt ein Stein.

Die silberne Büste ist derzeit in Meißen zu sehen.

(Foto: Erzbistum München und Freising)

Dieses, eine kalte Ruhe ausstrahlende Reliquiar mit seiner besonderen Reliquie ist eine frühe Arbeit des Münchner Künstlers Christoph Brech, der vor allem für seine Video- und Installationskunst bekannt ist. Dass man sie nun im Dom zu sehen bekommt, ist mit Blick auf Brechs bisheriges Schaffen naheliegend, in mehrfacher Hinsicht jedoch auch eine Fügung. Brech, Jahrgang 1964, war an der Akademie der Bildenden Künste in München Meisterschüler von Bernhard Weißhaar, einem Professor für christliche Kunst. Sakralräume haben den Künstler immer schon intensiv beschäftigt, vor allem während und nach seinem Aufenthalt als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom 2006, der ihm auch die Tür öffnete zu den Vatikanischen Museen, in denen er sich für einen Fotoauftrag frei bewegen konnte. Das ungewöhnliche Reliquiar ist jedoch schon während Brechs Studienzeit im Jahr 1990 entstanden, wenige Monate nach dem Fall der Berliner Mauer. Und so erschließt sich auch, was es mit dieser steinernen Reliquie auf sich hat, die vor allem in den Abendstunden im Dom, wenn am Benno-Schrein die Beleuchtung eingeschaltet wird, wie ein Goldklumpen leuchtet. Man blickt auf ein Stück Berliner Mauer. Heute ist die Installation in Privatbesitz, als Leihgabe findet sie sich nun in einem Kontext wieder, der so stimmig ist, dass es Christoph Brech selbst überrascht hat. Für den Künstler ist der Mauerstein keine Reliquie, die Verehrung einfordert, obwohl er ihn wie eine solche unmittelbar über den Schädelknochen des Heiligen Benno präsentiert. Brech begreift den groben Brocken als Mahnmal, das an die Mauertoten erinnern soll. "Das Interessanteste - und zugleich Überraschendste - war für mich die Kombination Schädel/Stein, die obwohl so grundverschieden, so stimmig zusammenpassen, nicht nur farblich, sondern auch von der Oberflächenstruktur", erzählt der Künstler. Seltsamer Zufall auch, dass die Farbe des Kunstharzes, den der Student Brech damals für seine Büste verwendete, nun mit der Farbe der Altarsäulen korrespondiert. Und dass seine formal sehr reduzierte Skulptur exakt auf den Unterbau passt, auf dem sonst das prunkvolle Silber-Reliquiar sitzt. "Man könnte meinen, die Büste sei extra für diesen Ort gemacht", sagt Brech.

Von all dem erfahren die Dom-Besucher leider kaum etwas, obwohl ein schön gestalteter Flyer in Hunderter-Auflage gedruckt worden ist, der die Hintergründe erhellen könnte. Ein Behälter für die Flyer am Kapellengitter ist zumeist leer. Im Flyer wäre auch zu lesen, dass Kardinal Julius Döpfner im Jahr 1958 als Bischof von Berlin den Heiligen Benno zum Schutzpatron aller Katholiken im geteilten Deutschland erklärt hatte. Und dass das Erzbistum München und Freising als Zeichen der Verbundenheit dem Bistum Meißen 1962 die Mitra des Heiligen quasi als Geschenk wieder zurückgegeben hat. Für Christoph Brech, für den Leihgeber und für die Dombesucher ist es bedauerlich, dass die Verantwortlichen im Ordinariat das Werk mit all seinen Bezügen quasi im Dunkeln lassen. Womöglich tut sich hier jemand schwer mit zeitgenössischer Kunst im altehrwürdigen Dom zu München.