Altenheime in München Zu wenig Pfleger, zu viele Psychopharmaka

Der Bericht über die Situation in den Münchner Altenheimen beschäftigt demnächst den Stadtrat.

(Foto: Catherina Hess)

Halb nackt zum Bad, mangelhafte Körperpflege und ein leichtfertiger Umgang mit Psychopharmaka: Die Heimaufsicht stieß 2011 und 2012 bei jeder zweiten Kontrolle in Münchner Altenheimen auf teils gravierende Mängel. Daran ist vor allem ein Problem schuld.

Von Jakob Wetzel

Auf den ersten Blick sind es alarmierende Zahlen, die Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle am Donnerstag dem Stadtrat vorlegen wird. Bei jedem zweiten Kontrollbesuch in Altenheimen hat die Heimaufsicht 2011 und 2012 zum Teil gravierende Mängel festgestellt. Das geht aus dem Qualitätsbericht der Behörde hervor. Die Kontrolleure statteten den zuletzt 60 Einrichtungen in München 201 unangemeldete Besuche ab und überprüften die Situation von 1450 Bewohnern.

Dabei stellten sie insgesamt 440 Fälle von "gefährlicher Pflege" fest, 58 Fälle mehr als in den beiden Jahren zuvor. Die Spannweite reicht von mangelhafter Ernährung bis zu schlechter medizinischer Versorgung. Bewohner von Altenheimen werden zuweilen halb nackt zum Bad begleitet, ihre Körperpflege bleibt oft mangelhaft, und zum Teil werden sie leichtfertig mit Hilfe von Psychopharmaka ruhiggestellt.

Tatsächlich ist die Lage in Münchner Altenheimen besser, als diese Zahlen vermuten lassen. Die Kontrolleure legten zuletzt strengere Kriterien an als zuvor. Zudem überprüft die Heimaufsicht Einrichtungen, die in der Vergangenheit durch Mängel aufgefallen sind, häufiger als andere. Vorbildlich geführte Heime müssen seltener mit Kontrollen rechnen.

Und so hat sich 2011 und 2012 zwar manches in Münchner Altenheimen verschlechtert, dafür aber auch einiges verbessert. So mussten weniger Zwangsmaßnahmen verhängt werden als zuvor. Sechs Altenheime erhielten eine ordnungsrechtliche Anordnung der Heimaufsicht, weil ein Mangel nicht beseitigt worden war oder die Sicherheit der Bewohner auf dem Spiel stand. 2009 und 2010 waren es neun Anordnungen gewesen. Dreimal verhängte die Behörde einen Aufnahmestopp. In den beiden Vorjahren hatte sie zehnmal zu dieser Maßnahme greifen müssen.

Auch die Quote der beschäftigten Fachkräfte hat sich geringfügig verbessert, auf 2012 knapp 56 Prozent. Und immer seltener werden Bewohner von Münchner Altenheimen eingesperrt oder mit Bettgittern, Stecktischen oder Gurten in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sieben Prozent der Bewohner seien 2012 gefesselt oder eingeschlossen worden, heißt es im Qualitätsbericht - 2008 waren es in München noch 19 Prozent der Altenheimbewohner gewesen. Bundesweit liegt der Durchschnittswert zwischen 15 bis 25 Prozent.

Bedenklicher Umgang mit Psychopharmaka

Als "bedenklich" dagegen schätzt Kreisverwaltungsreferent Blume-Beyerle den Umgang mit Psychopharmaka ein. Während ohnehin mehr als die Hälfte der Altenheimbewohner solche Medikamente erhalten, würde jeder zehnte Bewohner zusätzlich "bei Bedarf" Psychopharmaka bekommen. Meist würden damit Schlafstörungen, Angst oder pauschal Unruhe behandelt - Leiden, die auch durch persönliche Betreuung gelindert werden könnten. Es würden "zu schnell zu viele Medikamente" verabreicht, schreibt Blume-Beyerle in seinem Bericht.

Grundsätzlich sei das Bewusstsein für Neben- und Wechselwirkungen sowie für das Suchtpotenzial der Medikamente zu gering ausgeprägt. Zudem würden "Bedarfs-Psychopharmaka" in zwei Dritteln der Fälle nachts verabreicht - also dann, wenn besonders wenig Personal im Einsatz ist. Der Verdacht liege nahe, dass Altenheime ihren Personalmangel durch Medikamente kompensieren.

Den Personalmangel kennzeichnet der Qualitätsbericht als "schwelendes Problem", ebenso wie häufige Personalwechsel auf der Führungsebene. 72 Mal wurden 2011 und 2012 Führungspositionen in Heimen neu besetzt, klagt der Bericht. Gründe seien hohe Verantwortung und geringe Bezahlung. In manchen Einrichtungen habe es jedes Jahr eine neue Leitung gegeben. Angemessene Pflege könne so kaum gewährleistet werden.