Alligatoah im Zenith Ist das noch Hip-Hop oder schon Nockherberg-Singspiel?

Alligatoah ist im Zenith aufgetreten - trotz großer Show denkt man ans Zappen vor dem Fernseher.

(Foto: Bastian Harting/oh)

Rapper Alligatoah wurde wiederholt zum Hip-Hop-Act des Jahres gekürt - aber beim Konzert in München denkt man eher an einen langweiligen Fernsehabend.

Konzertkritik von Dirk Wagner

Vier Engel ziehen auf der Bühne des nahezu ausverkauften Zeniths den römischen Streitwagen, auf dem Alligatoah mit goldenem Brustpanzer und Helm bekleidet den Himmel nach Gott absucht. "Mal sehen, wer von Euch für den richtigen Gott gestorben ist", sagt der Rapper zu den Engeln, die zugleich auch sein Schlagzeuger, Klarinettist, Gitarrist und DJ sind. Erst jetzt fallen die Sprenggürtel auf, die die Engel um ihre Hüften tragen. Alligatoahs Tournee steht unter dem Motto "Himmelfahrtskommando", und das darf man durchaus ernst nehmen.

Die Sprenggürtel-Engel seien noch neu im Himmel, erklärt Alligatoah, um dann einige Erkenntnisse über diesen Ort zusammenzufassen: Jungfrauen habe er bislang noch keine entdeckt, und Gott sei ihm hier auch noch nicht begegnet. Er trifft ihn dann im nächsten von insgesamt drei Bühnenbildern - in Form einer goldenen Kuh. Das goldene Kalb aus dem Alten Testament respektive aus der Tora ist offenbar zu einer großen Kuh ausgewachsen. Zweifel bleiben aber, der Euter wegen, so zieht sich das durch die Show.

Trotz Sprechgesang muten die Songs wie gewöhnlicher Deutsch-Pop an

Was Alligatoah da auf die Bühne stellt, ist zumindest visuell beeindruckend. Doch bei diesem Münchner Konzert stellt sich durchaus die Frage, ob das noch Hip-Hop ist. Auch dieses Musikgenre kennt Fundamentalisten, die jede Erneuerung verteufeln. Immerhin hat das Radioprogramm Eins Live Alligatoah bereits zum zweiten Mal zum Hip-Hop-Act des Jahres gekürt. Aber weder Reinhard Meys "Über den Wolken", das Alligatoah auf der goldenen Kuh sitzend zur akustischen Gitarrenbegleitung singt, noch der überdrehte Partyschlager "Es ist noch Suppe da" sind erkennbar Hip-Hop. Und auch Alligatoahs eigene Songs vom neuen Album "Musik ist keine Lösung" muten trotz des Sprechgesangs eigentlich nur wie gewöhnlicher Deutsch-Pop an.

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Gut getexteter Deutsch-Pop wohlgemerkt, der mit Wortwitz entlarvt. Den abgestürzten Promi beispielsweise - er darf nicht mehr in die VIP-Logen und muss darum nun in fragwürdigen Fernsehshows rohe Känguru-Hoden essen, bis ihm schließlich die Wohltäterrolle für sein Comeback einfällt, Ergebnis: ein neuer Schlager namens "Denkt an die Kinder".

Wahllos zwischen den Programmen switchen

Auch wenn Alligatoah in seinen Texten solche Maschen bloßstellt - er stellt die jeweiligen Rollen so detailverliebt dar, dass man leicht Gefahr läuft, den Rapper mit seinen Rollen zu verwechseln. Dann hört man allerdings tatsächlich Schlager, wenn es um Schlager geht. Und sodann hört man wieder Rock, und dann wieder etwas, was Hip-Hop sein könnte. Und letztlich also hört man von allem etwas, so, als würde man an einem langweiligen Fernsehabend wahllos zwischen den Programmen switchen.

Weil Alligatoah die unterschiedlichen Songs dennoch mit einer kleinen Rahmenhandlung vereinen mag, bietet sich auch ein Vergleich mit dem Singspiel auf dem Nockherberg an. Dessen Handlung ist allerdings in sich stimmiger. Immerhin: In Alligatoahs Setting ist der Einsatz der Klarinette besonders spannend. Wie dieses Instrument hier mal rockt, dann wieder Klezmer-Assoziationen weckt, und darüber hinaus einen wunderbaren Soundtrack zur Gottessuche bietet, erlebt man in solchem Kontext jedenfalls so schnell nicht wieder.

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