Alibi-Agenturen "Für längerfristige Doppelleben haben wir Pauschalpakete"

Im Kölner Tatort organisiert ein Mann seine zwei Familien mithilfe einer Alibi-Agentur. Patrik Ulmer betreibt wirklich so eine Dienstleistung. Er bietet Kunden erfundene Einladungen, Schauspieler und machmal auch Hilfe beim Doppelleben. Im Gespräch erklärt er, wieso die meisten seiner Kunden Frauen sind.

Von Beate Wild

Der Kölner Tatort "Trautes Heim" zeigte am Sonntag, wie ein Vater sein Doppelleben mit Hilfe einer Alibi-Agentur jahrelang organisiert. Doch das war keine Erfindung des Drehbuchautors: Patrik Ulmer, 27, betreibt in Weyhe seit 2008 wirklich so eine Agentur. In den fünf Jahren hat er mit diskretes-alibi.de und 43 freien Mitarbeitern etwa 2000 Menschen eine professionelle Ausrede besorgt. Die meisten seiner Kunden sind aus München, deshalb eröffnet er demnächst eine Filiale in der Landeshauptstadt.

SZ: Herr Ulmer, im Tatort ging es um einen Mann mit aufwendig organisiertem Doppelleben. Hat einer Ihrer Kunden ein solches Doppelleben mit zwei Familien?

Patrick Ulmer: Das gibt es wirklich. Einige meiner Kunden stecken in einer solchen Situation. Ein Kunde aus der Schweiz etwa hat seit drei Jahren zwei Familien, die nichts voneinander wissen. Offiziell gibt er vor, in Köln zu arbeiten. In Wahrheit weilt er aber bei seiner zweiten Familie in München.

Und keine der beiden Familien weiß von der anderen?

Genau das ist unser Geschäft. Der Kunde hat eine Rufnummer in Köln, die auf sein Handy umgeleitet wird. Desweiteren spielt ein Mitarbeiter von mir ab und zu seinen Arbeitskollegen. Der ruft den Kunden dann hin und wieder in seinem Haus in der Schweiz an und fährt gelegentlich auch mit, damit die Frau ihn sehen kann.

Können Sie Ihren Kunden garantieren, dass das Alibi funktioniert?

In den fünf Jahren, in denen ich die Agentur betreibe, ist erst einmal ein Alibi geplatzt, und das war nicht unsere Schuld, sondern die des Kunden. Wenn ein Kunde zu uns kommt, lassen wir uns seinen Fall genau schildern und stricken dann gemeinsam mit ihm eine perfekt konstruierte Geschichte. Um diese Story aufrechtzuerhalten, schicken wir dann SMS und Einladungen, machen Anrufe oder schicken einen Schauspieler vorbei. Alles, was eben notwendig ist.

Geht es bei Ihren Kunden immer nur ums Fremdgehen?

In 40 Prozent der Fälle ja. Aber oftmals erfinden wir auch geschäftliche Ausreden. Wenn etwa unser Kunde nicht zu einem Geschäftstreffen kommen kann und ihm sonst ein Auftrag durch die Lappen geht.

Sind die meisten Ihrer Kunden Männer oder gibt es auch Frauen, die sich von Ihnen ein Alibi besorgen lassen?

Sie werden es nicht glauben, aber 80 Prozent unserer Kunden sind Frauen. Da geht es dann schon mal auch um Fremdgehen, aber es gibt auch andere Gründe. Eine Kundin etwa ist im Vorstand eines Dax-Unternehmens, und zwar alleine unter Männern. Einmal im Jahr möchte sie gerne für zwei Wochen ungestört Urlaub machen. Da sie sich diese Schwäche vor den Kollegen aber nicht eingestehen will, schaltet sie uns ein. Offiziell geht sie dann auf eine Fortbildung.

Gibt es eine Saison, in der das Alibi-Geschäft am besten läuft?

Sobald die ersten Sonnenstrahlen rauskommen, steht bei uns das Telefon nicht mehr still. Von April bis Oktober haben wir quasi Saison. Im Winter ist es ruhiger.

Wie oft kommt es vor, dass Schauspieler zum Einsatz kommen?

Öfter als man denkt. Da gibt es beispielsweise eine lesbische Kundin, die ihre sexuelle Orientierung vor ihren Freunden und ihrer Familie verheimlichen will. Ein Mitarbeiter von uns spielt dann ab und zu ihren Freund. Unser Service geht auch so weit, dass wir gebrauchte Männerklamotten in ihrer Wohnung deponieren, damit es so aussieht, als wohne tatsächlich ein Mann bei ihr.

Was sind das für Leute, die sich bei Ihnen ein Alibi besorgen?

Die Mehrzahl kommt aus dem Süden Deutschlands. In München und Umgebung haben wir die meisten Kunden, deshalb eröffnen wir jetzt auch Ende des Monats eine Filiale in München. Viele sind mittleren Alters, zwischen 30 und 50 Jahre, denn um unseren Service in Anspruch zu nehmen, braucht man ja auch ein bisschen Geld.

Und Rentner haben bestimmt auch nicht mehr so viel Bedarf nach einer Ausrede ...

Doch, hin und wieder kommt mal einer, der gerne mal eine Mountainbike-Tour ohne seine Frau machen will. Dem helfen wir dann auch.

Wie teuer kommt Ihr Service?

Eine SMS kostet etwa neun Euro, eine Einladung zwischen 60 und 100 Euro. Kommt ein Schauspieler dazu, kann es schon in den dreistelligen Bereich gehen. Für Kunden mit einem längerfristigen Doppelleben haben wir aber auch Pauschalpakete.

Haben Sie mit Ihrem Gewissen bei dem ständigen Lügen keine Probleme?

Nein, ich sehe das professionell. Ich habe nur einmal fast einen Fall abgebrochen. Da haben wir einer Frau in Geldschwierigkeiten einen Bankberater vorgespielt, der einen Kredit ablehnt. Die hat dann so geweint und war so verzweifelt, dass ich kein gutes Gefühl mehr hatte.

Kommen Sie privat öfter in Versuchung, ein Alibi vorzutäuschen?

Auf gar keinen Fall, das habe ich gar nicht nötig. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Kinder.