Akademiekonzert Evangelisten des Untergangs

Kongeniale Künstler: Christian Gerhaher (li.) und Kirill Petrenko.

(Foto: Wilfried Hösl)

Kirill Petrenko und Christian Gerhaher machen einen wahnsinnig

Von Egbert Tholl

Schon das einleitende Tremolo der Kontrabässe verheißt nichts Gutes. Unwohlsein breitet sich aus. Dann weht von weit her ein Walzer heran, legt sich wie ein Gerippe über den dunklen Todespuls, der schließlich verlöscht. Der Walzer steht allein nun da, und man kommt sich vor wie in einem weiten Garten, in dem ein Palais steht, in welchem gerade ein Ball stattfindet. Von Ferne hört man die Musik da drin, dann zoomt sich das Geschehen akustisch heran, es fühlt sich wirklich an wie eine akustische Kamerafahrt, bis man schließlich mitten im Geschehen steht. Dieses umgibt einen wie ein Tanz aus Fratzen. Verfall kündigt sich an, die Spiegel werden blind. Noch ist da Glanz, bald jedoch wird alles zugrunde gehen. Aber mit Macht gebietet das Schlagwerk dem Niedergang Einhalt, die Bläser formieren sich zum letzten Fest, noch einmal Herrlichkeit, noch einmal guter Rausch. Doch auf einmal sind die Farben weg, wird alles schwarz-weiß, oder grau, lemurenhaft, ein letzter Seufzer, noch einmal ein bisschen Schmäh, es wogt kurz hin und her, hier brutal, dort wehmütig. Doch so leicht lässt sich ein Jahrhundert nicht begraben, es wehrt sich, auch wenn es nichts hilft, am Ende ist es in Stücke gehauen, brutal, ohne Hoffnung, ohne Ausweg - Kirill Petrenko hat "La Valse" von Maurice Ravel dirigiert.

Dieses Akademiekonzert des Staatsorchesters im Nationaltheater ist ein Ereignis, das man so nur sehr selten erlebt. Schon nach den wenigen Minuten Ravel ist man verstört. Doch es kommt härter.

Mit Karl Amadeus Hartmann und dessen "Gesangsszene nach Worten aus ,Sodom und Gomorrha' von Jean Giraudoux". Formuliert Ravel 1920 ekstatisch den Niedergang einer Epoche, so kündet Hartmann 1963 vom Ende der Welt, selbstgeschaffen durch menschliche Hybris. Tief getroffen von der Erkenntnis, dass auch nach dem Zweiten Weltkrieg keine Vernunft, kein besseres Wissen einkehrt, dass der Mensch der Erde, der Natur und sich selbst der größte Feind ist und bleibt, schrieb Hartmann, bis er darüber verstarb, an diesem desillusionierten Schrei. Die letzten Worte werden nur gesprochen, die Zeit reichte Hartmann nicht mehr für die Noten. Aber wie man diese Worte sprechen kann, wie sie einen in ihrer hilflosen Erschütterung ergreifen können, das zeigt Christian Gerhaher. "Es ist ein Ende der Welt! Das Traurigste von allen!"

Gerhaher ist hier ein Evangelist des Untergangs, mit scharfen Anflügen von Sarkasmus, ein Rufer in der Wüste des Unverstands. Wo man bei Ravel noch Zeuge des Zerlegens wird, ist man bei Hartmann und Giraudoux' wilden Worten in der vollkommenen Hoffnungslosigkeit angelangt. Das ist kein Gesangstext, das ist ein Bestandsaufnahme zwischen harter Poesie, Naturwissenschaft und Alltag, von der Singstimme und dem Orchester kommentiert, zerhauen, krass getüncht. Schönheit wird erfunden und vernichtet, nicht bleibt mehr. Danach käme die "Symphonie fantastique". Doch nichts mehr hören! Allein hinaus in die Nacht, allein.