Feiern, bis der Arzt kommt: Nach 23 Uhr, wenn die Bierzelte schließen, geht es in den Kneipen rund um die Wiesn erst richtig los.
Die Psychologie spricht von "behavioraler Supression". Achim aus Düsseldorf nennt es "zu spät zum Aufhören". In der Gaststätte "Ligsalz", morgens um eins nach einem strahlenden Wiesntag: Zwei hilflose Iren erfragen wiederholt vergeblich den Weg zur Toilette, einer fällt hin. Eine niedliche Dirndl-Trägerin kuschelt sich an einen gewaltigen Bierbauch, dessen Inhaber beinahe so laut schnarcht wie Micky Krause aus der Box schmettert: "Zeig doch mal die Möpse!" Und Achim? Bestellt sich noch ein Helles. Eine Art Unterdrückungs-Verhalten, wie Psychologen sagen, das er so erklärt: "Du musst weitermachen, sonst spürst du den Schädel und die Beine."
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Mit anderen Worten: Der strahlende Wiesntag, er möge nicht zu Ende gehen! Dieser eiserne Imperativ kettet das Publikum an die Theken rund um die Theresienwiese - noch lange, nachdem gegen halb eins die letzten Gäste aus dem Käferzelt in die Nacht gespült wurden. "Abriss-Wiesn" nennt Udo Guéridon, Wirt im "Ligsalz", das Spiel, das seit nunmehr zehn Jahren in seiner Kneipe stattfindet. Das "Ligsalz", eine Art fünfzehntes Oktoberfestzelt, hat er dazu mit weißblauen Rauten-Fahnen geschmückt.
Die Spielregeln lauten: Um 23 Uhr Tonträger mit mindestens hundert Stunden Wiesnhits auflegen; dann volle Konzentration auf die Theke richten, weil 80 Prozent der Gäste nur trinken und nichts mehr essen wollen. Und dann zapfen und spülen, bis die Arme schmerzen. Bis um 3 Uhr morgens, denn zur Wiesnzeit gelten für die Anrainer-Wirte der Theresienwiese liberalere Sperrzeiten. "Noch Fragen? Ich muss weitermachen", ruft Guéridon. "Ja, eine Frage: Könnten wir noch ein Helles bekommen?" Schließlich herrschen auch auf der Gästeseite des Tresens gewisse Spielregeln, die es zu beachten gilt.
Die eine lautet: "Trinken und tanzen oder schlafen." So formuliert es einige Biere später Dany, die im "Fischerstüberl" zur Wiesnzeit bis 7 Uhr morgens bedient und nur beim Vornamen genannt werden möchte. Diese gewisse Intimität erleichtert ihren Job ungemein: In Wahrheit nämlich duldet Dany keine Schlafenden an ihrer Theke und muss immer wieder sanft aber bestimmt bärtige Männer mit Filzhüten wecken, die zwischen halbleeren Gläsern entschlummern. Einer hat seinen Arm dabei fest um einen schmächtigen Gast aus Mailand geschlungen, der eben noch erzählte: "In Mailand brauche ich zwei Stunden, um eine Frau kennen zu lernen, auf dem Oktoberfest nur zwei Minuten." Jetzt ist der Casanova irritiert: Darf man sich aus dem brüderlichen Klammergriff eines abstürzenden Wiesngängers befreien und ihn einfach fallen lassen?
Die Antwort lautet: Nein. Eine After-Wiesn-Nacht unterliegt strengen sozialen Regeln. Und deshalb wird auch Achim sanft gestützt, als er einen weiteren Ortswechsel und fünf, sechs Helle später dem Ausgang der "Sängerwarte" an der Paulskirche entgegen steuert. "Es ist ein unglaublich nettes Publikum, dieses Wiesn-Publikum", schwärmt Sängerwarten-Wirt Gerald Vögerl. "Dieser unbedingte Wille zum Weiterfeiern - faszinierend!"
Anja und Katrin aus Regensburg zum Beispiel hatten schon am Mittag keinen Einlass mehr in ein Wiesnzelt gefunden. Dabei sind sie äußerst nett zurecht gemacht: Dirndl, Flecht-Frisuren, Trachten-Täschchen. So kehrten sie der Wiesn kurzerhand den Rücken und gingen in Vögerls Wirtschaft, wo sich schon tagsüber ein nahezu gleichwertiges Alternativ-Programm abspielte: Italiener, Düsseldorfer, Ober- und Niederbayern prosten und tanzen sich an, bis Jacken und Dirndl schief von den Leibern und die Haare ins Gesicht hängen. Bei Anja und Katrin hat das geschlagene 14 Stunden gedauert. Nun ist ihre Erscheinung etwa so reizend wie die von Achim. Sie finden ihn süß und halten ihn im Arm, bis er sich loseist und ins Freie taumelt.
Der unbedingte Wille zum Weiterfeiern - nicht immer findet sich noch ein Weg, ihm zu entsprechen. Sein letztes Helles musste Achim unangetastet stehen lassen. Und auch Sängerwarten-Wirt Vögerl "musste die Hälfte vom Bier wegschütten - das ist doch klar, die Leute können irgendwann einfach nicht mehr", sagt er. Psychologen würden vermutlich eine spezielle Form der Erschöpfung diagnostizieren. Achim sagt nur: "Es ist jetzt einfach zu früh, um weiterzumachen."
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