Von Sibylle Steinkohl

Der Wirbel um die gescheiterte Organentnahme trifft das Klinikum Großhadern an einem empfindlichen Punkt: Gerade die Herz- und Lungenverpflanzungen gehören zu den Prestige-Eingriffen der Münchner Uniklinik, mit denen das Haus auch international etabliert ist. Mehr als 1000 dieser Transplantationen wurden dort bisher vorgenommen.

"Die Ärzte sind die ganze Nacht unterwegs." Herzchirurgie-Chef Bruno Reichart erinnert sich genau an die Zeit, als er selber noch zum Einsatzteam für die Organentnahme gehörte. Heute ist es nicht viel anders: Wird aus einem Krankenhaus ein Spender gemeldet, machen sich umgehend zwei Mediziner aus der Transplantationsklinik dorthin auf den Weg, um möglichst rasch die Organe zu entnehmen. "Sie fahren mit Feuerwehr oder Polizei zu nahe gelegenen Kliniken etwa in Straubing und Rosenheim", berichtet der Herzspezialist, "oder sie fliegen bis Berlin und Rostock." Nach der Explantation kehren die Ärzte sofort in "ihre" Klinik zurück, das geeignete Spenderorgan im Gepäck. Dort steht die OP-Mannschaft schon bereit, die einem Patienten mit dem fremden Herz oder der Lunge das Leben zu retten versucht.

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Fast 80 Transplantationen von Organen aus dem Brustraum haben die Großhaderner Chirurgen und Herzchirurgen allein 2005 gemacht: 40 Kranke erhielten ein neues Herz, mehr als 30 eine Spenderlunge, und bei fünf Patienten wurde eine Herz-Lungen-Transplantation durchgeführt. "Das ist eine sehr gute Zahl", sagt Reichart. 1983 ist in Großhadern die erste Verpflanzung von Herz und Lunge in Deutschland gelungen, und 1997 glückte dort die erste Dreifach-Transplantation von Herz, Lunge und Leber.

Vergütung ungeklärt

Einen wichtigen Anteil am Erfolg der ganzen aufwändigen Aktion haben die beiden Ärzte, die zur Organentnahme eilen. "Sie müssen einigermaßen anständig bezahlt werden", findet Herzprofessor Reichart. Doch genau daran hapert es offenbar bei diesem Wettlauf mit der Zeit. Gibt es künftig nur Geld für den Einsatz, oder wird auch die Rufbereitschaft vergütet - und wenn, wie hoch? An diesen Fragen ist zwischen der chirurgischen Abteilung und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die das Vorgehen koordiniert, ein Zwist entstanden. Die DSO hat zum 1. Januar den Vertrag gekündigt, prompt hatte in der vertragslosen Zeit eine schwerkranke Frau, die in der Münchner Klinik auf eine Lungentransplantation wartet, das Nachsehen: Die Chirurgen sind nicht zur Organentnahme nach Zwickau geflogen.

"In den letzten Jahren ist eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren der ,Gemeinschaftsaufgabe Organspende´ gewachsen." Im Hinblick auf den jüngsten Vorfall liest sich der Satz etwas merkwürdig, den Detlef Bösebeck, der Geschäftsführende Arzt der DSO in Bayern mit Sitz in Großhadern, im Jahresbericht 2004 der Stiftung geschrieben hat. Zu sprechen war er gestern nicht, Medienkontakte liefen nur über den Bundesvorstand, hieß es in München.

Bruno Reichart indes ist wütend. "Ich möchte, dass alle angebotenen Herzen genommen werden", lautet die Prämisse für seine Mitarbeiter. Die einen müssten Bedenken etwa zur Versicherung beim Einsatz hintanstellen, die anderen diesen angemessen honorieren. Er bemüht sich, die Wogen zu glätten. Ein neuer Vertrag mit der DSO sei fertig - und alles laufe wieder glatt. Verhandelt werde nun auch darüber, dass künftig das nächstgelegene Transplantationsteam die Spenderorgane für alle entnimmt. "Wir machen das doch sehr ähnlich", sagt er, so könne man Kosten sparen. Dann kommt der Herzchirurg zum Hauptanliegen: Patienten sterben weiter auf den Wartelisten, weil die Spender fehlen: "Jedes negative Ereignis tut uns weh."

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(SZ vom 26.1.2006)