Abschiebungen in München Hoffen, zusammenbrechen, hoffen

Für Ismail Afzali war München eine Stadt der Hoffnung. Doch was er seit seiner Flucht aus Afghanistan erlebt hat, hat ihn aller Träume beraubt. Als er nun erfuhr, dass er zurück in seine Heimat soll, brach er zusammen und wurde in die Psychiatrie in Haar eingewiesen.

Von Patrick Mayer

Nervös spielt er mit seinen Händen, sein Blick wirkt resigniert. In einem abgewetzten Pullover nimmt er in der Gesprächszelle Platz, vor ihm ein afghanischer Pass mit seinem Namen: Ismail Afzali. Hinter der massiven Tür im Rücken des 21-Jährigen liegt der Gefängnistrakt für Abschiebehäftlinge der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. "Ich verstehe nicht, warum ich hier bin", sagt er in gebrochenem Deutsch, "ich bin doch kein Verbrecher."

Deutschland und München: Das ist sein großer Traum. Sein Onkel hat ihm im Frühsommer 2009 in seinem kleinen Heimatdorf in der zentralafghanischen Provinz Ghazni erzählt, wie schön es dort sei. Er habe weggewollt, sagt Ismail Afzali. "Wir wurden von den Taliban bedroht. Sie wollten alle jungen Männer im Dorf zwingen, Terroristen zu werden. Sonst würden sie uns töten, haben sie gesagt."

Afzali weiß, dass seine Abschiebung über den Münchner Flughafen geplant ist. Doch er versteht nicht, warum er das Land verlassen soll, in das er geflohen ist - und warum er zurück soll nach Afghanistan. "Ich habe immer gedacht, dass aus Deutschland keine Flüchtlinge abgeschoben werden", sagt er.

Tränen stehen in seinen Augen. Was Afzali nicht weiß: Nur 11,1 Prozent der aus Afghanistan stammenden Asylsuchenden wurden nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im vergangenen Jahr als Verfolgte eingestuft.

Das bayerische Innenministerium behauptet, politische Verfolgte würden nicht in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Doch Gisela Seidler, Asyl-Anwältin aus München, sagt: "Nigerianer, Syrer, Iraker, Somalier, Afghanen - es werden immer wieder Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, von München aus abgeschoben."

Ihre Meinung teilt der Bayerische Flüchtlingsrat, der auf das Beispiel eines weiteren Afghanen verweist. Der 21-jährige A. wurde im Mai vergangenen Jahres von München aus abgeschoben. Auch in seinem Fall hatten alle Verweise auf die Lage in Afghanistan die Beamten nicht umstimmen können. Diese berufen sich auf den Beschluss der Innenministerkonferenz von 2005, wonach afghanische Männer zwischen 18 und 60 Jahren wieder in ihr Heimatland abgeschoben werden müssen. Zumindest in Kabul sei es sicher, lautet die Begründung - auch wenn das Auswärtige Amt einräumt, dass Anschläge nicht auszuschließen seien.

Dass die Afghanen oft nicht aus der Hauptstadt stammen, interessiert nicht, ebenso nicht die Lebensumstände, in welche sie zurückgeschickt werden, und von denen A. dem Bayerischen Flüchtlingsrat berichtet hat: Etwa von einem Anschlag in seiner Heimat Wardak, bei dem viele Schiiten getötet wurden, weswegen er als Mitglied dieser religiösen Gemeinschaft um sein Leben fürchte.

Vor diesen Zuständen hat auch Afzali Angst: In seinem Dorf hätten sich die Leute wegen der Taliban immer nur nach sieben Uhr morgens auf die Straße getraut, weil dann afghanische und amerikanische Soldaten patrouillieren. Er klingt verzweifelt. Vor allem, wenn er über die Trennung von seiner Familie redet. Diese sei nach Pakistan geflohen, sein Onkel aber habe ihn einem Schleuser vorgestellt, der ihn über Iran und die Türkei auf die griechische Insel Samos gebracht habe. "Mit einem Boot für 25 Personen, aber mindestens 35 waren darauf." Schließlich sei er in Athen in ein Flugzeug gestiegen, mit dem Ziel München. Er hatte es geschafft. Glaubte er.

Dabei war die Landung auf dem Flughafen am 7. August 2009 erst der Beginn eines Kampfes um die Anerkennung als politischer Flüchtling. Am Flughafen hätten Polizeibeamte ihn kontrolliert. "Sie wollten meinen Pass. Ich habe ihnen gesagt, dass ich keinen bei mir habe." Die Behörden brachten ihn in einer Erstaufnahmeeinrichtung unter. Dann schickten sie ihn in ein Asylbewerberheim nach Passau, wo er deutsch lernte und ehrenamtlich in einem Altenheim arbeitete.

Er versuchte, in den Status der sogenannten Duldung zu kommen, indem er in Bäckereien, Supermärkten und Döner-Buden nach Arbeit fragte. Ein Imbissbesitzer hätte ihn eingestellt, konnte der Ausländerbehörde aber nicht sagen, wie viele Stunden in der Woche er ihn hätte beschäftigen können. Die Ausländerbehörde in Passau lehnte seinen Antrag auf Arbeitsgenehmigung ab. Er besuchte an der Volkshochschule einen Deutschkurs mit Noten, die es ihm bald ermöglicht hätten, einen Kurs auf Hauptschulniveau abzuschließen.