Diese Tage im Juli 2003 wird Faïd sein Leben lang nicht vergessen. Seine wohl letzten Tage in München, als er sechs Jahre alt war und alle um ihn herum immer wieder ein Wort benutzten, das er nicht begriff: Abschiebung.
Faïd genießt den sonnigen Nachmittag auf dem Spielplatz im Hof seines Kindergartens an der Bazeillesstraße. Togo - das Land, von dem immer alle reden, das er nicht kennt, dessen Sprache er nicht spricht, ist von hier aus unendlich weit weg.
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Sein Vater kam von dort vor zehn Jahren, seine Mutter kam kurze Zeit später. Vor acht Jahren wurde in München sein älterer Bruder Mouwad geboren. Jetzt soll die ganze Familie "zurück". Wenn man das so nennen kann.
"Faïd, heute ist ein Bild von Euch in der Zeitung", ruft ihm ein Mädchen aus seiner Kindergartengruppe zu. Der Anwalt der Familie Idrissou, Wolfgang Pester, sah keinen anderen Weg, als sich an die Medien zu wenden: "Es gibt nur noch eine Chance: öffentlichen Druck."
Im Oktober 1993 war Akondo Idrissou nach München geflohen. Er hatte Angst vor den Schergen des Diktators Eyadéma. Vor wenigen Wochen ließ sich der seit 1967 amtierende Präsident nun in einer nach UN-Einschätzung manipulierten Wahl für weitere fünf Jahre im Amt bestätigen.
In der ehemaligen deutschen Kolonie verschwanden nach der Wahl erneut Regimegegner; der Oppositionsführer floh. In München bekam Familie Idrissou zur gleichen Zeit Post von der Ausländerbehörde: Ende der Duldung.
"Wir beten für euch"
Nach dem Wunsch der Behörde hätte die Familie bereits am vergangenen Freitag ein Flugticket nach Lomé vorzeigen müssen. Behördensprecher Christopher Habl sieht für die Familie "rechtlich keine Chance mehr". Er finde seinen Job als vollziehendes Organ des Innenministeriums in solchen Fällen auch "nicht einfach".
Aber er zeigt sich pragmatisch. "Wir werden uns jetzt überlegen, wann und wie wir zwangsmäßig ausreisen lassen." Eine Woche Aufschub bekam die Familie noch. Faïds Mutter ist reiseunfähig - wegen Suizidgefahr. Die Menschen aus Faïds Umfeld sind fassungslos über die Härte der deutschen Behörden. Die Kindergärtnerin organisierte eine Unterschriftensammlung. Sie wollte nicht länger tatenlos zusehen. "Faïd ist anhänglich geworden. Man merkt, dass er Schutz sucht."
Auch die Eltern von Faïds Freunden versuchen zu helfen. Faïds Mutter, Hamza, sitzt mit gesenkten Kopf auf dem Hof des Kindergartens. Ihre Stimme ist dünn, ihr Deutsch nahezu perfekt. Kaum eine Mutter geht an der Frau vorbei, ohne Hilfe anzubieten: Adressen von Flüchtlingsinitiativen und Anwälten. "Wir beten in der Kirche für euch", sagt die Mutter von Pfaht, Faïds bestem Freund.
Faïds Vater wohnt seit ein paar Tagen nicht mehr bei seiner Familie, aus Angst vor der Abschiebung. Seinem Arbeitsplatz bei einer Reinigungskolonne am Flughafen bleibt der gelernte Schreiner aus dem selben Grund fern.
Schon länger musste Faïd miterleben, wie sich zu Hause alles veränderte, in dem kleinen Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft in Riem, für das die Familie 330 Euro Miete zahlt. Er musste mitansehen wie sich sein großer Bruder Mouwad in diesem Sommer plötzlich veränderte.
Wie er in der Schule immer schlechter wurde, häufig weinte und seine Eltern so oft mit der gleichen Frage quälte: "Warum müssen wir weg? Ich bin doch gut!"
Das Ausländeramt hat eine schlichte Erklärung: Die Gerichte haben den Asylantrag in mehreren Verfahren abgewiesen, da Faïds Vater seine Verfolgung nicht formgerecht nachweisen konnte.
Die Antwort des Anwalts: eine Gesetzeslücke. Würde das neue Zuwanderungsgesetz wie geplant seit Januar gelten, hätte die Familie über die "Allgemeine Härteklausel" ihr Aufenthaltsrecht bekommen. Die Gesetzeslage ist umstritten.
Familien, die vor dem 1. Juli 1993 eingereist sind, bekommen mit der "Altfallregelung" ein Bleiberecht. Akondo Idrissou kam im Oktober - drei Monate zu spät. Ein weiteres Problem: Seine Kinder kamen in München zur Welt, damit gilt er "als Erwachsener ohne Kinder", wie Asylexperte und Anwalt Hubert Heinhold erklärt.
Als Alleinstehender müsste er seit Januar 1990 in Deutschland leben. Fest steht: Hätte das neue Zuwanderungsgesetz Gültigkeit, könnten Faïd und seine Eltern für immer bleiben. Im Hof des Kindergartens steht Faïd lachend zwischen zwei Bäumen. Er lauert auf den Ball. "Ich muss immer ins Tor, weil ich da der Beste bin." Auch in seinem Fußballverein, dem Riemer FC Stern.
Sein Traumberuf? "Trainer" - beim FC Stern natürlich. Ein Freund will wissen, ob er bald nach Afrika müsse. Faïd antwortet mit einem entschlossenen "Nein!". Er reißt seine Augen auf. "Da ist es zu gefährlich, wegen den...", er stockt, rudert mit den Armen. "Wie heißen diese Männer?" Er will zu seinem Vater laufen, fragen, wie diese Männer heißen, vor denen er Angst hat. Auf dem Weg rollt ihm ein Fußball über den Weg. Er dribbelt mit der Kugel davon - zurück in seine Kinderwelt.
Im Moment kann Faïd ein paar Tage den Sorgen entfliehen. Eine Woche darf er mit den Vorschulkindern ins Ferienlager nach Oberaudorf. Ein Stück heile Welt. Ob er nach den Ferien endlich in die erste Klasse darf, auf die er sich so freut? Oder ob es seine letzten Tage in Bayern sein werden?
Dann wird er in einem Land aufwachsen, das er nur aus einer Fernsehdokumentation kennt. "Da sieht es nicht schön aus, schau' mal, wie da die Kinder aussehen", hatte er seiner Mutter gesagt, angesichts der Bilder der Armut. Auf dem Weltentwicklungsindex der Uno liegt Togo auf Rang 141 - hinter dem Sudan und Bangladesch. Und 123 Plätze hinter Faïds bisheriger Heimat. Faïd wird oft an sein Leben in München zurück denken.
Analyse des DFB-Kaders
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