Elefant, Showtreppe, Federn: Jerome Savarys inszeniert "A la recherche de Josephine" im Deutschen Theater und tischt groß auf.
Im Paris der années folles flanierte Josephine Baker in Begleitung ihres Schoßgeparden Chikita über die Boulevards. Nicole Rochelle muss im Stück "A la Recherche de Josephine" der Pudel Stanislas genügen. Der stiehlt ihr beinahe die Show, wobei das nicht einfach ist, weil die 29 Jahre alte Protagonistin des Spektakels über mächtig viel Energie verfügt.
Nicole Rochelle spielt die Titelrolle in "A la recherche de Josephine" im Deutschen Theater. (© Foto: Deutsches Theater)
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Während sie zum Finale der "revue negre" Grimassen schneidend umherzappelt, liegt der graugelockte Hund lässig wie ein Pelzkragen um ihren Hals; singt sie schmachtend "Sonny Boy", so gähnt Stanislas und blickt von ihren Schultern herab gelangweilt ins Publikum. Kleiner Auftritt, Riesenlacher.
Jerome Savary also hält sich nicht an das alte Theatergesetz: keine Tiere auf der Bühne. Ansonsten tischt der Regisseur und Autor groß auf: ein Automaten-Elefant in Lebensgröße, Showtreppe mit zwanzig Stufen, mehr Federn als in einem Daunenplumeau, aus New Orleans eingeflogene Tip-Top-Jazz-Combo, Bluff-Bomben, chinesischer Zersägezauber. "Das ist keine Revue, das ist Theater", sagt der französische Spielleiter, dessen Karriere vor fast 50 Jahren anfing, als die Vorhänge schwarz waren und "die Literaten das Theater kolonialisiert" hatten.
Savary öffnete sich und der Welt die Bühne für Farben, Bilder, Musik. Eigentlich sei er "eher ein Collageur wie der Maler Max Ernst", findet er. Anstelle von Varieté mit "Schwarzer Venus" oder einem Baker-Lebensschaulauf zeigt er zunächst lieber eine Halbzeit lang seine Geschichte der schwarzen Musik: von Stammestänzen; von Sklaven, die auf Haiti die höfischen Feste der französischen Kolonialherren verballhornen; wie Flamenco, auf Englisch gesungen, zu Blues wird; wie die Schwarzen in den Südstaaten den Jazz erfanden, weil Bongos verboten wurden und sie auf die Snare-Drums der Militärkapellen auswichen.
Weil Savary zufällig zwei Wochen nach dem Hurrikan Katrina für Castings ins verwüstete New Orleans gekommen war, hat er noch eine Rahmenhandlung über die Not der von der US-Regierung im Stich Gelassenen um sein Stück herumgebaut: Ein trotteliger europäischer Produzent ("möglicherweise soll ich das selbst sein") sucht in der überschwemmten Stadt unter den obdachlosen Schwarzen nach einer Darstellerin für eine nostalgische Baker-Show in Paris.
Dass die drei Erzählstränge am Ende ineinanderfließen, dass die beiden Naturgewalten Katrina und Josephine, einander ergänzend, gesellschaftliche Missstände offenlegen, das ist schon eine Kunst. Dass die Geschichte des ersten schwarzen Weltstars dabei zu kurz kommt und alles ein wenig durcheinander geht, ficht Savary nicht an: "Gute Kunst muss nicht logisch sein." Die Résistance-Spionin Baker habe ihn nicht interessiert, auch nicht die Kämpferin für die Rechte der Schwarzen und nicht die bankrotte Diva, zu der er sich einmal als 22-Jähriger in die Garderobe einschlich: "Sie war sehr alt, aber wunderschön, wie eine Statue. Vier Tage später ist sie gestorben."
Interessanter fand er "dieses 17-jährige Kind" aus Amerika, das 1925 nach Paris ging, um dort oben ohne zu tanzen und für die amüsierwilligen Europäer das Äffchen zu machen - wild, sexy, frech, selbstbewusst, mit aufgeblasenen Backen, rollenden Augen und kreisendem Becken. Er war fasziniert von der Muse, der Jean Cocteau das berühmte Bananenröckchen entwarf, für die Baudelaire dichtete, die Picasso zum Kubismus inspirierte (glaubt Savary), die Le Corbusier nackt zeichnete, um dann eine Architektur im Geiste ihrer Tänze zu fordern.
Eben jene Josephine saß am 16.Februar 1929 im Hotel Regent in München und wartete auf grünes Licht für ihr fünftägiges Gastspiel im Deutschen Theater. Stattdessen überbrachte Intendant Hans Gruß schlechte Nachrichten. Die Polizeidirektion hatte die Konzerte untersagt, "weil durch das Auftreten eine Verletzung des öffentlichen Anstandes und der öffentlichen Ordnung zu erwarten gewesen wäre".
Zumal "in der Fastenzeit". In den Münchner Amtsstuben eilte Baker - "Typ Negernackttänzerin" - der Ruf voraus, impulsiv und unberechenbar, daher auch nicht durch Bekleidungsauflagen zu zügeln zu sein. "Man erinnere sich an das Auftreten der Tänzerin in Wien, wo anschließend sogar ein Sühnegottesdienst abgehalten wurde." München war eben nicht Paris.
München war "die dümmste Stadt Deutschlands", wie der linksliberale Montagmorgen in Berlin höhnte. Das wiederum brachte den von rechts hetzenden Völkischen Beobachter gegen "die Snobs in Berlin" auf, gleichwohl er das Verbot "aufs wärmste" begrüßte: "Es wäre auch zu peinlich für die Polizei gewesen, das überall ausgepfiffene Negermädchen gegen die empörten Theaterbesucher womöglich noch in Schutz nehmen zu müssen." Obgleich Josephine-Verehrer Hans Gruß sein Intendanten-Ehrenwort darauf gab, dass die "Wohlanständigkeit der Besucher nicht verletzt werde" - es nutzte nichts.
Die Königin von Saba
Ein Skandal ist bei den Aufführungen von 7. bis 19. Juli im Deutschen Theater nicht zu befürchten. Einen solchen gab es tatsächlich nie, als die Baker schließlich doch öfters nach München kam - "ohne Groll" wie sie sagte, "nirgends gibt es so ein reizendes Publikum wie in München". Als sie 1953 und 1971 im Deutschen Theater Hof hielt und 1950, 1958 und 1963 im Kongresssaal des Deutschen Museums, da wurde "die Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Schwarzen", die "als Wohltäterin überall beliebt" war, verehrt "wie die Königin von Saba", und die SZ schätzte ihre "prachtvollen Zähne".
Selbst als sie mit Anfang 60 in den Striptease-Lokalen "Madeleine" und im "Match" die Gäste "in einen Freudentaumel" versetzte (als wohl einzige voll bekleidet Künstlerin dort seit langem), um Geld für ihre in aller Welt zusammenadoptierte "Regenbogenfamilie" zu verdienen, blieb die Münchner Klatschpresse hochachtungsvoll: "Bravissimo, Josephine!"
Ganz anders noch als 1929, als die Welt am Sonntag spottete: "For you are dancing mit Deine Haxen / und plötzlich zeigst Du, where they are angewachsen / bei Dir at home is dies so Brauch / Therefore you show us Deine Bauch." Nicht immer hat Josephine Baker die Kreativen zu Meisterwerken inspiriert.
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(SZ vom 06.07.2009/sonn)
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