Einst suhlten sich Prominente wie Fassbinder und Strauß in der trüben Brühe im Hotel "Wetterstein" - jetzt muss Münchens letztes Moorbad schließen.
Wer ins Moorbad geht, darf keine Angst vor Dreck haben. Foto: Rumpf
Die Wanne ist gut zwei Meter breit, knapp vier Meter lang und bis zum Rand gefüllt, sie ist braun gekachelt und steht in einem niedrigen, fensterlosen Raum. Erdbraune Spuren von nackten Füßen führen nach hinten in einen Gang, aus dem dichter weißer Dampf wabert.
Hier seien sie alles gesessen, erzählt Feliciano Cachado: Ministerpräsident Franz Josef Strauß zum Beispiel und seine Parteikollegen von der CSU - bis zum Hals im Schlamm, der auf angenehme 38 bis 40 Grad Celsius temperiert war. "Strauß kam regelmäßig", erzählt der frühere Bademeister, "er kam auch mit Stoiber, aber der ging nie mit ins Bad."
Das Moorbad im Hotel "Wetterstein" an der Grünwalder Straße ist für viele Münchner eine Institution. Man ging zur Rezeption, bezahlte Eintritt und setzte sich schließlich mit Gleichgesinnten in die rechteckige Wanne mit Moorerde - ohne Arztrezept und ohne viel Geld zu bezahlen. Doch damit ist nun Schluss: Das einzige Moorbad Münchens wird am Samstagabend seine Pforten schließen und nicht wieder öffnen.
Der Kurbereich mit Fünfziger-Jahre-Charme muss einem modernen Wellnessareal und einigen neuen Hotelsuiten weichen. "Das Moorbad ist nicht mehr wirtschaftlich", sagt Geschäftsführerin Marie-Anne Tapper und schiebt nach: "Schon lange nicht mehr."
Bademeister mit Diskretion
Die überdimensionale Gruppenwanne stammt aus dem Jahr 1958, als das Hotel sehr viel größer war als heute. "Das Gebäude reichte bis zum Wettersteinplatz, es war nach dem Krieg eines der führenden Kurhotels", sagt Marie-Anne Tapper. Sechs Masseure arbeiteten im Haus, es gab Kneippbäder, Mani- und Pediküre sowie einen Friseursalon, in dem sich die Damen das Haar für den Abend ondulieren ließen.
Schnell sprach sich überdies herum, wie erquickend die trübe Brühe auf das Wohlbefinden wirken konnte. "An manchen Tagen kamen 400 Besucher", sagt Bademeister Cachado, den alle im Hotel nur "Herr Felix" nennen. "Sie saßen vor der Tür und warteten, dass ein Spind frei wird."
Seine beste Zeit erlebte das Moorbad in den sechziger und siebziger Jahren. Pro Tag drängten sich durchschnittlich 250 Menschen in dem Saunabereich, unter ihnen allerlei Prominenz. Schauspieler Heinz Rühmann kam zum Kuren, und auch Regisseur Rainer Werner Fassbinder tauchte hin und wieder begeistert im Moorbad unter. "Einmal musste ich ihn um halb zwei Uhr morgens aus dem Aufzug holen", erzählt der frühere Hausmeister Emanuel Eckert.
Nach einer intensiven Badekur, bei der angeblich nicht nur das Moor, sondern auch allerhand alkoholische Getränke ihre erhebende Wirkung entfaltet hatten, habe die Fassbinder-Clique die Belastbarkeit des Lifts getestet - bis an dessen Grenzen. Es gäbe sicherlich noch viele Anekdoten zu erzählen, doch mehr wollen die ehemaligen Hotelangestellten nicht ausplaudern - Diskretion gehört zum Geschäft.
"Im Moorbad habe ich viel gehört und gesehen", sagt der 75-jährige Portugiese Cachado, der seit 1959 als Moorbademeister arbeitete, "aber man muss das vergessen und wie blind und taub sein."
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