Spaghetti, Lieder, Latin Lovers: Der Historiker Martin Baumeister über den Einfluss von Ausländern und deren Kultur auf die Stadt.
München war für die Gastarbeiter das Tor zu Deutschland. Martin Baumeister, Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der LMU im Gespräch darüber, wie sich die deutsche Gesellschaft nach 1955 verändert hat, und was wir den Zuwanderern verdanken.
SZ: War es für die deutsche Gesellschaft gut, dass die Gastarbeiter kamen?
Baumeister: Es war sehr nötig. Heutzutage kann man sich über den Fremdheitsschock, der sich in der Presse der damaligen Zeit widerspiegelt, amüsieren: Auf der einen Seite eroberten die Deutschen mit Zelt und Badehose Rimini und Bibione. Als dann aber die Italiener und Spanier hierher kamen, begegnete man dem Ganzen mit großem Staunen. Die deutsche Gesellschaft wurde damals aufgemischt wie nie zuvor: Erst waren Millionen Vertriebene und Flüchtlinge hierher gekommen, das allein hat schon jahrhundertealte Gefüge – zum Beispiel was die konfessionelle Trennung angeht – gehörig durcheinander gewirbelt. Dann kamen noch die Ausländer dazu. Ohne die Gastarbeiter könnte man sich die deutsche Gesellschaft heute überhaupt nicht vorstellen, ohne diese Öffnung wäre die Europäisierung Deutschlands nie denkbar gewesen.
SZ: Welche Veränderungen haben die Gastarbeiter nach München gebracht?
Baumeister: Viele. Die Stadt war stark durch das Kleinbürgertum geprägt, München war eine Beamten– und Kunststadt, kein Industriestandort wie Nürnberg oder Augsburg. Es waren die Gastarbeiter, die München international machten – nicht erst der New Economy-Hype! Und das war keine einfache Geschichte, denn die Internationalisierung wurde durch „dreckige“ Arbeiter vollzogen, die viele Probleme mitbrachten.
SZ: Welche?
Baumeister: Es kamen verschiedene Forderungen auf: In München darf es keine Ghettos geben. Man muss vermeiden, dass die Türken alle zusammenziehen. Man muss sie auf mehrere Schulen verteilen. Das war sozialer Zündstoff. Die großen Debatten gründeten sich dabei eher auf Türken und Jugoslawen, weil diese Nationalitätengruppen fremder waren.
SZ: Woran liegt das?
Baumeister: Italiener waren vor allem im Süden Deutschlands schon lange bekannt – sei es als Kulturexporteure, als Ziegeleiarbeiter oder Wanderhändler, im Zweiten Weltkrieg als „Fremdarbeiter“, von 1943 an als Zwangsarbeiter. Italiener waren uns dadurch weniger fremd – unter anderem auch wegen ihrer Religion. Das spielte gerade in den Sechzigern eine große Rolle. Insgesamt hat man ihnen ein gewisses Wohlwollen, wenn auch von oben herab, entgegengebracht, vor allem dann, als der Massentourismus einsetzte. Sie galten als lebenslustig, sangesfreudig, hinzu kam das Bild der ,rassigen Männer’. Diese Stereotypen hatten eine durchaus positive Wirkung, sie zeichneten ein exotisch nettes Bild. Natürlich gab es auch das Bild des faulen Spaghettifressers. Das wurde in der Öffentlichkeit aber wenig verbreitet.
SZ: Was bedeutete die Emigration für die Italiener?
Baumeister: Die weit größere Migration fand innerhalb des Landes statt: Vom Süden in den Norden. Dort waren die Süditaliener meist gar nicht als Italiener akzeptiert, sie waren die terroni, die Dreckfresser. Kurioserweise war also erst die Emigration für viele Süditaliener identitätsbildend – denn in Deutschland waren sie Italiener, voll und ganz.
SZ: Welche Folgen hatte die Emigration für die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau?
Baumeister: Viele Firmen forderten ausdrücklich weibliche Arbeitskräfte an: Frauen haben sich weniger beschwert, sich wesentlich weniger gewerkschaftlich organisiert, und sie waren billiger. Hier fällt auf: Von allen Nationalitäten, die nach Deutschland kamen, kamen aus Italien die wenigsten Frauen. Hier blieb die Rollenverteilung oft so, dass die Frau zuhause in dem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb die Stellung hielt und wartete, bis der Mann wieder kam.
SZ: Welche Vorstellungen hatten die Gastarbeiter von ihrer Zukunft?
Baumeister: Der Begriff Gastarbeiter trifft genau den Horizont der Leute, als sie hierher kamen: Die meisten Zuwanderer dachten, sie würden nach einer gewissen Zeit wieder zurück gehen. Diese Hoffnung haben viele bis ins Rentenalter verfolgt. In den Sechziger- und Siebzigerjahren hatte man zum Beispiel bei den Italienern eine Remigrationsrate von 60 Prozent. De facto passiert das heute nicht mehr. Die, die jetzt noch hier sind, haben Kinder und Enkel und bleiben auch hier.
SZ: Fehlen diese Menschen in ihrer Heimat?
Baumeister: Viele der süditalienischen Dörfer füllen sich nur noch im Sommer. Natürlich fehlen diese Menschen dem Land, was Qualifikation und Manpower angeht; es fehlen Leute, die etwas Neues, die Arbeitsplätze schaffen.
SZ: Wie geht es den ehemaligen Gastarbeitern heute in Deutschland?
Baumeister: Das ist eine sehr ambivalente Geschichte, am besten illustriert das das Beispiel der Italiener. Deren Berufsstruktur hat sich deutlich verändert im Vergleich zur ersten Generation, es gibt jetzt viel mehr Selbstständige und Angestellte. Die Italiener waren im Aufstieg weg von „schmutziger Arbeit“ besonders erfolgreich. Damit sind nicht nur die Restaurantbesitzer gemeint – obwohl das in München mit 650 Lokalen sehr viele sind. Wenn man sich die Handwerkskammerstatistiken ansieht, ist man beeindruckt, was die Italiener hier zustande gebracht haben. Das ist die schöne Seite der Medaille.
SZ: Und die andere?
Baumeister: Auf der anderen Seite gibt es die Töchter und Söhne der ersten Gastarbeiter, von denen viele schulisch und beruflich auf der Strecke bleiben oder zumindest zu kurz kommen – ohne dass dies zur Kenntnis genommen würde. Zu den 21000 Italienern in München gehören auch hochqualifizierte Kräfte. Eliten, die in den Neunzigern hierher gekommen sind, nach Garching und Martinsried, zu Generali und Unicredit. Das sind die Italiener, die man bei den Veranstaltungen des Italienischen Kulturinstituts sieht – die Migrantenkinder kommen da in der Regel nicht. Das ist eine andere Welt. Natürlich gibt es Aufsteiger, die eine eigene Firma gegründet haben – aber die Masse der Gastarbeiter kommt in der Öffentlichkeit eigentlich nicht vor.
SZ: Woran mangelt es denn bei der Integration?
Baumeister: Bisher war es nicht möglich, dass der ausländische Partner bei gemischten Ehen einen deutschen Pass bekam, ohne den anderen abzugeben. Das geht jetzt, Bayern hat ganz zum Schluss nachgezogen. Das ist ein wichtiger Punkt, den man nicht unterschätzen darf, aber wie das französische Beispiel zeigt, ist das auch nicht alles. Ich denke, dass die Integrationsfähigkeit unserer städtischen Gesellschaft beachtlich ist, gerade was die Partizipation an sozialstaatlichen Angeboten anbetrifft – für viele soziale Angebote ist die deutsche Staatsbürgerschaft nicht nötig.
SZ: Was haben wir von den Gastarbeitern gelernt?
Baumeister: Die Deutschen haben sich geöffnet, haben gelernt, dass es andere Kulturen gibt, mit denen man zusammenleben kann und die die eigene Kultur wesentlich bereichern. Das läuft meistens über relativ leicht zugängliche Bereiche wie Musik und Essen. Wenn es dann um die Kohabitation im Alltag, die Konkurrenz um Arbeitsplätze geht, wird es zwar schwieriger. Aber es gibt schon so etwas wie einen selbstverständlichen Alltag, zum Beispiel mit vielen gemischte Ehen. Ein selbstverständliches Miteinander.

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