Von Susi Wimmer
Bewährungsstrafen, Dauerarrest, Drogenentzug. Welche Strafe ist die richtige für gewaltbereite Jugendliche? Der Polizeipräsident fordert "uncoole" Strafen für die Täter und hofft auf Einsicht.
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Schon in der U-Bahn gab es Zeugen, doch bis jetzt hat sich keiner von Ihnen gemeldet. Foto: ddp
Für den von U-Bahnschläger Serkan A. gehörten Gewalt und Alkohol seit jeher zum Alltag. Der Vater prügelte im Rausch Ehefrau und Kinder. Irgendwann fing auch Serkan an zuzuschlagen. Es folgten Bewährungsstrafen, Dauerarrest, Drogenentzug - und letzte Woche dann die brutale Attacke auf einen 76-jährigen Rentner. "Leute mit dieser Vita laufen noch zu Hunderten in München rum", sagt Josef Wilfling von der Mordkommission. Unterdessen überprüft das KVR die rechtlichen Möglichkeiten einer Ausweisung und warnt zugleich vor einem "populistischen Schnellschuss".
Es war ein einzigartiges Vorgehen, dass die Polizei mit dem Tatvideo vom Arabellapark an die Öffentlichkeit ging. "Allein durch Worte hätte man diese Tat nicht herüberbringen können", sagt Mike Sattler von der Mordkommission. Auch die Verletzungen - mehrfache Schädelbrüche - hätten noch ein zu harmloses Bild von den Vorgängen abgegeben. Das Opfer, so sagt die Polizei, habe unglaubliches Glück gehabt.
Wie bereits berichtet, war der 76-jährige pensionierte Schuldirektor am Donnerstag gegen 22 Uhr vom Max-Weber-Platz mit der U4 zum Arabellapark gefahren. Im Abteil hatte er Serkan A. und seinen Kumpel Spyridon L. aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen. Daraufhin hatten ihn die Jugendlichen bespuckt und beschimpft, der Rentner war aufgestanden und in ein anderes Abteil gegangen.
An der Endhaltestelle Arabellapark entdeckten die Burschen den Rentner auf der Rolltreppe, liefen ihm nach und schlugen ihn im Zwischengeschoss brutal nieder. Der 17-jährige Spyridon L. nahm sogar Anlauf wie bei einem Elfmeter, rannte auf den am Boden liegenden Verletzten zu und trat ihm mit dem Fuß gegen den Kopf.
"Wir waren halt betrunken"
Aggressionsdelikte unter Jugendlichen, so erzählt Ermittler Mike Sattler weiter, hätten in den vergangenen Jahren zugenommen. Dass auf einen am Boden Liegenden noch eingetreten werde, komme immer häufiger vor, sagt der Ermittler. Eine derart rohe Gewalt aber sei wirklich selten, "vor allem gegen eine viel ältere Person". "Wir waren halt betrunken, und wenn man betrunken ist, ist man halt aggressiv" - so hatten die beiden ihr Verhalten gerechtfertigt. Tatsächlich hatten sie auf ihrer Tour vom Tal in Richtung Stachus jeder etwa drei bis vier Bier getrunken, so die Polizei.
Alkohol und Drogen - zwei Faktoren, die der 20-jährige Serkan A. nur zu gut kennt. Sein Vater war alkoholkrank, schlug seine Mutter, die Schwester und ihn. Der 1987 als Kind türkischer Eltern geborene Serkan wurde mit elf Jahren sogar aus der Familie genommen und für ein Jahr im evangelischen Kinder- und Jugendzentrum in Augsburg untergebracht.
Zurück in der Familie, hatte sich nicht viel verändert. Der Vater prügelte weiter, und 2001 ging die Mutter mit den Kindern für drei Monate in ein Frauenhaus. Nach Angaben des KVR wurde die Ehe schließlich geschieden und der Vater in die Türkei abgeschoben. Dieses Schicksal könnte nun auch Serkan drohen, "falls auf der Grundlage einer strafrechtlichen Verurteilung zu erwarten ist, dass von Serkan A. die konkrete Gefahr des Begehens weiterer schwerer Straftaten ausgeht", so das KVR.
Dieser Maßstab wird auch bei dem Griechen Spyridon L. angelegt. Er lebt mit seiner Familie seit 2001 in Deutschland und war bis dato wegen Diebstahls und Bedrohung zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Andere Strafverfahren gegen ihn laufen noch. Obwohl er EU-Bürger ist, kann auch er ausgewiesen werden, wenn eine "schwere Gefahr vom persönlichen Verhalten" ausgeht.
Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer sieht die Gesellschaft in der Pflicht, der Gewalt "energisch und kreativ" entgegenzutreten. Schmidbauer fordert Strafen, "die wirklich weh tun" und zu einem Ansehensverlust in der Clique führen: etwa Fahrverbote für Mofa und Moped, Sperrfristen für Führerscheine, Diskoverbot, Internet- und Handyverbote, Kontaktsperre zur Clique, "uncoole" Sozialarbeiten, Hausarreste oder kurzzeitige Warnschussarreste.
Zeugen, die am Donnerstag in der U4 die Auseinandersetzung und das Prügeln mitbekommen haben müssen, haben sich bislang nicht gemeldet. Nur ein einziger Mann gab an, er sei beim Anblick der Jugendlichen vorsorglich ins Nachbarabteil gegangen und gleich an der nächsten Station wieder ausgestiegen. Die restlichen Fahrgäste hatten weder eingegriffen, noch die Polizei verständigt.
(SZ vom 28.12.2007)