Interview: Dietrich Mittler

Im Olympiastadion soll am Samstag Bayerns größte Protestaktion gegen die geplanten Änderungen im Gesundheitswesen stattfinden. Wolfgang Hoppenthaller, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, über den Konflikt Rendite und Wohl der Patienten.

Wolfgang Hoppenthaller

"Der Patient wird zum Objekt der Wertschöpfung, Gesundheit und Krankheit verkommen zur Ware": Wolfgang Hoppenthaller (Foto: AP)

Im Münchner Olympiastadion soll am Samstag die größte Protestaktion bayerischer Bürgerinnen und Bürger gegen die geplanten Änderungen im Gesundheitswesen stattfinden. Zur Veranstaltung, die um 11 Uhr beginnt, werden Busse aus ganz Bayern erwartet. Die SZ befragte Wolfgang Hoppenthaller, den Vorsitzenden des Bayerischen Hausärzteverbandes.

SZ: Wem soll denn der Massenprotest im Münchner Olympiastadion vor allem das Fürchten lernen - den Krankenkassen oder gar der CSU?

Wolfgang Hoppenthaller: Wir wollen den Bürgerinnen und Bürgern darstellen, was derzeit mit und in unserem Gesundheitssystem passiert. Wenn Sie so wollen: Vor allen Dingen die Sozialpolitiker sollen das Fürchten lernen, denn sie lassen den Ausverkauf unseres Gesundheitssystems an Kapitalgesellschaften zu. Angesprochen ist in Bayern natürlich in erster Linie die CSU, deren Sozialpolitiker federführend an jenen Gesetzen mitgearbeitet haben, die diesen Ausverkauf ermöglichen.

SZ: 30.000 Kundgebungsteilnehmer anzukündigen, ist ein gewagtes Spiel. Sind Sie sich sicher, dass die Initiative "Patient informiert sich" so viele Menschen mobilisieren kann?

Hoppenthaller: Eine funktionierende Gesundheitsvorsorge ist natürlich ein wichtiges Anliegen aller Menschen. Ich denke, dass die Patientinnen und Patienten durch die vielen Diskussionen in den Hausarztpraxen die Probleme bereits erkannt haben. Zudem hatten wir Plakate in den Praxen aufgehängt, welche die Patienten zum Nachfragen motivieren sollten. Und Sie dürfen mir glauben, dass Bayerns Hausärzte jede Frage beantwortet haben. Zudem haben in ganz Bayern ja bereits im Vorfeld viele regionale Protestaktionen stattgefunden. Ich gehe also, davon aus, dass 30.000 Menschen ins Münchner Olympiastadion kommen werden.

SZ: Sie treten als einer der Hauptredner ans Mikrophon. Welches Signal wollen Sie von München aussenden?

Hoppenthaller: Ich möchte die Bürgerinnen und Bürger aufrütteln, sich dem Ausverkauf unseres Gesundheitssystems entgegenzustellen.

SZ: Was meinen Sie denn mit Ausverkauf?

Hoppenthaller: Unser bisher soziales Gesundheitssystem wird gerade in die Hände von gewinnorientierten Kapital- und Aktiengesellschaften gelegt. Sogenannte Medizinische Versorgungszentren mit angestellten Ärzten sollen überall auf der grünen Wiese als Patientenlieferanten für deren Klinikketten entstehen und erst uns Hausärzte und dann auch die niedergelassenen Fachärzte ersetzen. Über die Versorgungszentren wird man dann die Betten der konzerneignen Kliniken füllen. Der Patient wird zum Objekt der Wertschöpfung, Gesundheit und Krankheit verkommen zur Ware.

SZ: Was heißt das Ihrer Meinung nach für die Patienten?

Hoppenthaller: Wir Hausärzte sind derzeit die Störfaktoren, die die Kapitalgesellschaften noch daran hindern, die ambulante Versorgung zu übernehmen. Wenn ihnen das aber gelingt, werden die Patienten künftig von angestellten Ärzten behandelt, die in erster Linie die Interessen der Kapitalgeber im Auge haben müssen. Damit steht nicht mehr das Wohl der Patienten im Vordergrund, sondern die Rendite. Im Alltag heißt das zum Beispiel: Kranke Menschen werden behandelt von immer wechselnden angestellten Ärzten, die weder ihre Patienten noch ihr soziales Umfeld kennen.

Lesen Sie weiter, was Hoppenthaller der Politik vorwirft und warum die Problematik bislang mehr oder weniger unbemerkt an vielen Bürgern vorbeigeht.

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Leserkommentare (2)



09.06.2008 17:44:57

deuxpieds: 9000 bayerische Hausärzte

9000 Hausärzte wäre wahrlich eine überschaubare Größe, wenn sie einzig und allein aus ihren persönlichen Interessen heraus handeln würden, im Sinne von z.B. Mineralölsteuerbefreiung für Hausbesuchs-PKW (ähnlich Flugbenzinsteuer a la FJS). Allerdings wird nicht nur von diesem Interviewer offensichtlich nicht erkannt, dass diese 9000 die Gesundheits-Basisversorgung bis in den letzten Winkel des Freistaates rund um die Uhr sichern, hierdurch etwa 90% der gesundheitlichen Problem der Bevölkerung betreut werden und an jedem Hausarzt zwischen 800 und 1200 (und mehr) Patienten hängen. Und schon allein durch eine einfache Multiplikation ist zu erkennen, dass sich da eine doch nicht mehr ganz so kleine Zahl Betroffener ergibt, die durchaus ein politisches Potential darstellen, wenn ihnen obiger Zusammenhang erklärt wird. Mit dem Hinweis, dass dies so in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr gewährleistet werden kann, weil es keine Hausärzte mehr geben wird.

@Schneemann2: Anschauen (und träumen) kostet ja noch nichts ;-) Ist doch schön, wenn der Doktor nach rund 70 Wochenarbeitsstunden noch Zeit zum Bummeln findet. Sozialneidebatten führen nicht weiter! Wenn - wie suggeriert - das Einkommen so überwältigend hoch wäre, gäb´s dann ein Nachwuchsproblem???


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