Von Joachim Käppner

Seltsame Beiträge im Wettbewerb "Neue Formen des Erinnerns": Während die Jury einen "virtuellen" Entwurf würdigt, hat OB Ude Zweifel.

Streit um das Gedenken: Die Schwabinger Stolpersteine befinden sich auf privatem Grund. Ude und Knobloch hatten diese stes abgelehnt, weil das Andenken der Ermordeten buchstäblich mit den Füßen getreten würde. (Foto: Stephan Rumpf)

Es gibt Streit um das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - wieder einmal. Bei dem Wettbewerb über neue Formen des Erinnerns zeichnet sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ein Konzept ab, der Ermordeten per Handyanruf zu gedenken. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) bezweifelt den Sinn eines solchen Vorhabens.

Die aus Experten und Stadträten bestehende Jury hat sich von Beginn an schwer getan - und es den Künstlern, die sich ab 2007 am Wettbewerb beteiligten, nicht leicht gemacht. In der Ausschreibung der Stadt "Opfer des Nationalsozialismus - Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens", welche die SPD angeregt hatte, ist kein konkreter Ort vorgegeben. Es kam zu seltsamen Vorschlägen, die ernsthaft debattiert wurden. So wollte ein Künstler eine Leuchtschrift mit der Botschaft "Auschwitz ist menschlich" auf der Pinakothek der Moderne platzieren. Gemeint war zwar die Mahnung, wozu der Mensch fähig ist, doch war dies, mild gesagt, eher missverständlich.

Bis zum Schluss war innerhalb der Jury auch "The Last Memorial Kindergarten" im Gespräch, ein Projekt, das versenkbare Wände rund um einen Innenstadt-Kindergarten vorsah. Nachts sollten diese Wände dann hochgefahren werden, zur Erinnerung daran, dass dem Leben, den Kindern, die Stille folgen kann, erzeugt durch die Abwesenheit der Ermordeten.

"Nicht vermittelbar"


Der Wettbewerbsbeitrag, welcher der Jury bei ihrer nichtöffentlichen Sitzung am gestrigen Mittwoch am besten gefallen haben soll, sieht jedoch gar keinen konkreten Gegenstand mehr vor, sondern virtuelle "Schleifen". Über kostenlose Nummern können dann Stimmen- und Textcollagen abgerufen werden, auch Interviews mit Zeitzeugen sowie künstlerische Bearbeitungen der Verfolgungsgeschichte im Dritten Reich.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der nicht zur Jury gehört, zeigte sich im Gespräch mit der SZ alles andere als angetan von dieser Idee virtuellen Gedenkens. Das Handy als Kommunikationsmittel sei "zwar zeitgemäß und sicher ein Forum, um gerade viele junge Menschen zu erreichen - aber mir fällt die Vorstellung wirklich sehr schwer, dass es ausgerechnet für dieses Thema der NS-Opfer eine angemessene Lösung sein könnte". Er, Ude, sei zwar "ein Freund moderner Kunst", doch müsse er an den "verständlichen Wunsch des Stadtrates" erinnern, "zentrale politische Fragen der Stadtgesellschaft im öffentlichen Raum allgemein verständlich und zugänglich zu präsentieren".

Sprich: Was die Jury bevorzugt, erscheint Ude weder verständlich noch zugänglich. Der Oberbürgermeister hatte erst kürzlich im Konflikt um ein Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser gegen allzu moderne Entwürfe gepoltert. Die vorgesehene Lichtinstallation an der Türkenschule sollte laut Künstlerin "die Aufmerksamkeit für Elser durch eine gleichzeitig wirkende Unsichtbarkeit erhöhen". Ude hielt das Ansinnen für "nicht vermittelbar".

Keine endgültige Entscheidung


Auch die "Aktion Stolpersteine" hat Ude erfolgreich abgewehrt, obwohl es diese in anderen Städten gibt. Kleine, etwas vorstehende Steine im Pflaster sollten auch in München an die jüdischen Opfer des NS-Terrors erinnern. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, hatte dies stets abgelehnt, weil das Andenken der Ermordeten buchstäblich mit den Füßen getreten würde; Ude schloss sich ihr an.

In München hatte Adolf Hitler 1923 zu putschen versucht, hier begann sein Aufstieg, weshalb er seine alte Heimat später, 1935, zur "Hauptstadt der Bewegung" ernannte. Nach dem Krieg wollten daran wenige erinnert werden. Es gibt in der Stadt zwar eine Fülle von kleineren Gedenkorten und -möglichkeiten, etwa das "Erinnerungsbuch" der Stadt München an alle Verfolgten. Nun aber soll, nach endloser Debatte, doch noch ein NS-Dokumentationszentrum entstehen, allerdings ist noch kein Leiter gefunden.

Mit dem neuen Jakobsplatz ist die Israelitische Kultusgemeinde 2006 räumlich wie symbolisch ins Herz der Stadt zurückgekehrt; im neuen Gemeindezentrum befindet sich ein eindrucksvolles, freilich unterirdisches Mahnmal. Öffentlich und jederzeit frei zugänglich ist lediglich die Stele am Platz der Opfer des Nationalsozialismus, doch steht sie in einem dunklen, verkehrsumtosten Winkel.

Die Jury des Erinnerungs-Wettbewerbs hat noch keine endgültige Entscheidung gefällt. Das zuständige Kulturreferat, das von Hans-Georg Küppers geführt wird, wollte sich nicht äußern.

(SZ vom 25.09.2008/af)

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