Von Nina Berendonk

Das Deutsche Theater zeigt die „West Side Story“ – ganz ähnlich wie vor mehr als vierzig Jahren.

David Langgartner erinnert sich gut an Leonard Bernstein. Man bekommt ja chließlich so einiges mit als Concierge eines Luxushotels. Immer, wenn er das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks dirigierte, wohnte Bernstein im „Vier Jahreszeiten“ an der Maximilianstraße; immer in der selben Suite im sechsten Stock, mit Dachterrasse, Flügel und direktem Zugang zum Pool.

Langgartner muss ein wenig grinsen, wenn er von den Partys erzählt, die der Maestro hier gefeiert hat – im weißen Hotelbademantel, stets mit gegrilltem Fisch, Barolo und einer Entourage „junger, gut aussehender Männer“.

Inzwischen ist Bernstein 13 Jahre tot, und der freundliche Concierge ist in die Jahre gekommen. Vielleicht wird Langgartner an einem der kommenden Abende ins Deutsche Theater gehen. Dort spielen sie ab heute die „West Side Story“. Vielleicht wird Langgartner dort bei Bernsteins Musik an alte Zeiten zurückdenken.

Mit ihm werden viele Leute im Zuschauerraum sitzen, die die Geschichte um eine Liebe, die im Bandenkrieg zwischen zwei verfeindeten New Yorker Jugendgangs zerrieben wird, für ihre ausgefeilten Tanz-Choreografien lieben, denen es warm ums Herz wird, wenn der verliebte Tony sein „Maria“ in die nächtliche Upper West Side hinaus singt.

Andere werden zu Hause bleiben, weil sie schon so viele schlechte Aufführungen des so genannten „Musical-Klassikers“ gesehen haben, weil sie Maria ein Mal zu viel „I feel pretty“ haben jubeln hören. Aber eines ist sicher: Ein Aufreger wird das Stück nicht werden.

Das war vor knapp fünfzig Jahren noch anders. Bei ihrer Uraufführung am New Yorker Broadway am 26. September 1957 zeigten sich viele Zuschauer schockiert von der „West Side Story“: Getanzte Gewalt und offen ausgesprochene Gesellschaftskritik – das hatte man im Musical zuvor noch nie gesehen.

Die Idee, in diesem Bühnengenre neue Wege zu gehen, stammt vom Choreografen Jerome Robbins. Er hatte dem jungen Dirigenten und Komponisten Bernstein Ende der vierziger Jahre vorgeschlagen, gemeinsam eine moderne Adaption des Shakespeare-Dramas „Romeo und Julia“ als Musical auf die Bühne zu bringen.

Robbins und Bernstein verband die Idee einer originär amerikanischen Kultur, die sich aus den eigenen Wurzeln speisen sollte, anstatt ständig nach Europa zu schielen. Für Bernstein war die einzige wirklich amerikanische Musik der Jazz, den er für die „West Side Story“ mit lateinamerikanischen Rhythmen mischte.

Und so entstand zusammen mit Robbins’ avantgardistischen Choreografien ein für diese Zeit reichlich ungewöhnliches Bühnenstück; weitab vom hochpolierten Revuetanz der vorhergegangenen Jahrzehnte.

Doch noch verstörender als auf die New Yorker wirkte das Stück auf das Publikum in Deutschland. Im Juni 1961 war das Deutsche Theater in München der erste deutsche Spielort auf der Europa-Tournee des Ensembles – und die „West Side Story“ das erste Broadway-Musical, das man hierzulande zu sehen bekam. Diese Verbindung aus Schauspiel, Gesang und Tanz, die schrägen Töne und die exotische Thematik des Stückes – das muss sehr fremd gewesen sein für die an Operettenseligkeit gewohnten Zuschauer im Deutschen Theater.

Kritiker dagegen geißelten das Musical als seicht und kitschig: Obwohl er den Darstellern „körperliche Einsatzfreudigkeit, die an Virtuosität grenzt“, zugestand, beschrieb Joachim Kaiser das Stück in der Süddeutschen Zeitung vom 19. Juni 1961 als „banal, handgreiflich wirkungsbewusst konstruiert (...) für den jeweils billigsten Geschmack“ und schloss: „So leicht ist das Schicksal nicht zu haben“ – ein Vorwurf, den man bis heute vielen amerikanischen Produktionen machen könnte.

Nun kehrt die „West Side Story“ also zurück an den Ort ihrer deutschen Erstaufführung. Das Besondere an der aktuellen Inszenierung ist, dass sie sich sehr eng an die Original-Broadway-Version von 1957 hält – Choreograf Joey McKneely ist einer von nur drei Regisseuren, die das Stück in der Originalfassung auf die Bühne bringen dürfen.

Vieles hat sich geändert seit damals: Die Deutschen sind große Musical-Fans geworden, die Realität auf den Straßen von Harlem oder der Bronx hat die Fiktion längst überholt. Und Bernsteins Musik schließlich klingt in unseren Ohren nicht mehr schräg, sondern eigentlich ziemlich gefällig.

Und das, obwohl der Amerikaner anscheinend keine große Leuchte war am Piano. Wenn man ihn nett darum bittet, dann erzählt David Langgartner nämlich noch eine Geschichte über Leonard Bernstein: Eines Morgens sei ihm im Hotel Herbert von Karajan völlig übernächtigt in die Arme gelaufen.

Im Zimmer über ihm habe jemand die ganze Nacht Klavier gespielt und dabei „keine Taste getroffen“, soll der berühmte Dirigent geklagt haben. Langgartner hat Karajan natürlich nicht gesagt, wer da in der Suite im sechsten Stock so laut gefeiert hat. Schließlich ist nur ein verschwiegener Concierge ein guter Concierge.

"West Side Story" im Deutschen Theater, Premiere Dienstag um 20 Uhr.