SZ: Was kann man mit Worten anstellen, was Filmbilder nicht können?
Andresky: Im Kopfkino kann man mitspielen und zwar jede Rolle. Je nach Laune kann man die draufgängerische Heldin sein, die sich die Männer nimmt, oder das scheue Gänseblümchen. Eigene Bilder sind viel stärker und erotisierender. Einen Porno sieht man, regt sich an, auf und ab, und dann ist es vorbei. Eine eigene Phantasie - und Gelesenes macht man ja immer zumindest teilweise zu einer eigenen Phantasie - kann einen lange beschäftigen, man kann es abändern und neu gestalten. Und der Kick der Sprache kommt natürlich dazu. Als Verbalerotikerin will man ja nicht nur etwas tun, man will es auch benennen.
SZ: Mussten Sie die Sprache für Ihre Geschichten erst finden?
Andresky: Ich habe natürlich das Rad nicht neu erfunden und auch keine neue Sprache. Aber ich habe mich bedient, wo ich wollte, egal ob es den Machos, Emanzen, Sexualtherapeuten, Esoterikern, ernsthaften Literaten oder sonst wem gepasst hat. Sprache ist ein hochexplosives Material, und ich finde es spannend, damit herumzuexperimentieren.
SZ: Sind das eigene Erlebnisse oder Phantasien, die Sie Ihre Protagonisten da nachspielen lassen?
Andresky: Was ich schreibe, sind im Grunde Märchen. Sexmärchen. Erotische Utopien. Natürlich spielen autobiographische Elemente mit hinein, aber wenn ich derartig viel auf der Jagd wäre wie die Frauen in meinen Büchern, käme ich ja gar nicht mehr zum Schreiben. Die Ansichten, die ich aber zum Beispiel in Kolumnen vertrete, sind schon meine ureigenen Überzeugungen, die da heißen: Sex ist kein Lifestyleartikel, sondern ein Grundrecht - sofern alle Beteiligten einverstanden sind! Sex ist für alle da, für Junge und Alte, Schöne und Hässliche, Homo- , Bi- und Heterosexuelle, Behinderte und Verhinderte, Verklemmte und Aufgeschlossene. Und guter Sex macht diese Welt jedes mal ein bisschen schöner.
SZ: Gibt es Ausdrücke oder Praktiken, die für Sie nicht in Frage kommen?
Andresky: Gewalt, Zwang, Erniedrigung oder Ekel wird es in meinen Geschichten nie geben. Das hat für mich einfach nichts mit Sex zu tun. Blumige Ausdrücke finde ich oft unfreiwillig komisch wie z.B. "Lustgrotte", "Blütenkelch" oder "Liebeslanze". Ich persönlich höre auch "Titten" nicht gern, ich mag den Klang nicht.
SZ: Die spontane Reaktion hier in der Redaktion war: "Eine Frau, die Pornos schreibt? Sicher, dass das kein Mann mit Pseudonym ist?" - kennen Sie das?
Andresky: Wenn man meine Geschichten liest, dürfte schnell klar sein, dass ich eine Frau bin. Das ist eindeutig eine weibliche Weltsicht, gerade auch in den Sexszenen. Die Männer müssen ganz schön was einstecken. Ich weiß gar nicht, wo bei einer Frau, die Pornos schreibt, das Problem sein soll. Das Schlimme an Pornos ist doch nicht, dass man da nackte Menschen beim Geschlechtsverkehr sieht, sondern dass diese Filme so armselig und grottenschlecht sind. Ich kann das gar nicht oft genug sagen: Sex an sich ist noch nicht frauenfeindlich.
SZ: Warum möchten Sie anonym bleiben? Heißen Sie, wenn Sie beim Bäcker Brot vorbestellen, auch Frau Andresky?
Andresky: Bei meinem Bäcker heiße ich nur "Frollein", und Vorbestellungen würden seine Service-Bereitschaft überfordern. Das, was ich da schreibe, ist ja etwas sehr Intimes, sowohl für mich als auch für meine Leser, in deren Kopf ich mit meinen Phantasien quasi eindringe. Ich bin generell kein Fan vom Rampenlicht. Und was meinen Bäcker angeht: Ich möchte nicht wissen, wovon der hinter seiner Stirnglatze träumt und wie er es tatsächlich treibt. Und ich möchte auch nicht, dass er darüber nachdenkt, was bei mir sexuell so abgeht, wenn ich ein Körnerbrötchen - oder an PMS-Tagen eine Rumkugel - kaufe.
(SZ vom 20.05.2009/sonn)
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In diesem Artikel:
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