Die Probleme mit Süchtigen wachsen - Polizei und Anwohner sind alarmiert, aber der Stadt fehlt Geld für Streetworker.
Brennpunkt der Rauschgiftszene: der Orleansplatz am Münchner Ostbahnhof. Foto: Haas
Urin an den Hauswänden, blutverschmierte Spritzen in den Fluren und lärmende Junkies: Seit das Wetter besser ist, versammelt sich die Drogenszene wieder auf Haidhausens Plätzen. Die Bewohner sind zunehmend besorgt, die Polizei zeigt mehr Präsenz. Bei der Stadt weiß man: „In Haidhausen muss etwas passieren.“ Nur – wer soll Sozialmaßnahmen bezahlen?
Laut Peter Sondermeier, dem Leiter der zuständigen Polizeiinspektion, fanden seine Beamten im April bei vier Personen Heroin. Es kam auch zu Gewalttaten innerhalb der Szene: Bei einer Messerstecherei wurde ein Mann durch mehrere Stiche verletzt.
Das beliebte Altbauviertel rechts der Isar zieht schon seit Jahren Süchtige an. Doch seit die Polizei die Junkie-Treffpunkte in der Giselastraße und am Hauptbahnhof aufgelöst hat, ist die Szene bevorzugt nach Haidhausen ausgewichen und dort 2005 besonders massiv in Erscheinung getreten.
Nun, nach dem Winter, ist sie wieder da und bereitet der Polizei große Sorgen. Josef Gallas, einer der beiden städtischen Streetworker für Süchtige illegaler Drogen, ist neuerdings fast nur noch in Haidhausen im Einsatz, „weil es inzwischen der größte Treffpunkt von Junkies in München ist“.
Brennpunkte sind der Orleansplatz, der Pariser Platz, die Weißenburger Straße und der Bordeauxplatz. Die Polizeistatistik wies 2005 fast eine Verdoppelung der Raub- und Gewaltdelikte in Haidhausen auf: Zwischen Januar und Oktober stieg die Zahl gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 47 auf 84.
Viele Geschäftsleute beklagten schon im vergangenen Jahr Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent. Christian Horn, Eigentümer des Kaufring-Hauses, fordert nun in einem Schreiben an die Polizei und den Bezirksausschuss erneut Hilfe: "Lassen Sie uns Geschäftsleute nicht alleine."
Horn beschäftigt seit 2005 einen eigenen Sicherheitsdienst, weil „die völlig zugedröhnten Abhängigen immer aggressiver werden“. In den Fluren seines Hauses habe man mehrfach Leute beim Dealen erwischt. Seine Wachleute, die viele Stunden auf der Straße stehen, berichten, dass neuerdings osteuropäische Dealer im Viertel aufgetaucht seien. Die Polizei kann das nicht bestätigen.
„Wir wissen, wie dringend in Haidhausen etwas passieren muss“, sagt Uschi Haag, Abteilungsleiterin im Gesundheitsreferat (RGU). Aber das Geld sei nicht da. Erschwerend kommt hinzu, dass die städtische Drogenpolitik seit Ostern führungslos ist, weil der langjährige Suchthilfekoordinator Michael Lubinski überraschend verstarb. Es gibt noch keinen kommissarischen Leiter. Die Stelle wird vorerst nicht ausgeschrieben.
RGU und Sozialreferat planen unterdessen eine Studie über das Drogenproblem, um zu erfahren, wie groß der Anteil der Heroinabhängigen innerhalb der Haidhauser Szene, in der es auch viele Alkohol- und Tablettenkonsumenten gibt, wirklich ist. Denn die Szene im Stadtteil verändert sich rasant.
„Wir sehen viele neue Gesichter“, sagt Sondermeier. Da er Aufenthalt und Alkoholkonsum auf den Plätzen nicht verbieten kann, setzt er einen ständig besetzten Polizeibus auf dem Orleansplatz ein und hat die Zahl der Streifen erhöht: „Wir haben unsere Präsenz verstärkt.“ Freilich beobachten die Beamten, dass die Junkies nun eher in die Seitenstraßen ausweichen und dort in Hausfluren und Höfen Stoff kaufen.
Für Sozialarbeiter ist die Herausforderung immens. Streetworker Gallas und sein Kollege gehen von 4500 Heroinkonsumenten in München aus: „Und die Betreuung schon eines Drogensüchtigen ist eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit.“ Bevor er einen Junkie in ein Hilfsprojekt vermitteln kann, vergeht nicht selten ein halbes Jahr.
Ein weiteres Problem sieht Gallas in dem „riesengroßen“ Anteil der Alkoholiker auf Haidhausens Plätzen, für die kein Streetworker da sei. Der Bezirksausschuss und Birgit Gorgas, Leiterin der städtischen Drogenberatung, fordern zusätzliche Stellen, doch gibt es dafür kein Geld. Die Klärung wichtiger Finanzierungsfragen, so Haag, sei durch den Tod Lubinskis unterbrochen worden.
Mit der Fußball-WM im Sommer droht Haidhausen eine Verschärfung des Problems: Inspektionsleiter Sondermeier muss dann 30 bis 40 seiner 110 Beamten abstellen.
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