Von Birgit Lutz-Temsch

Unter dem Motto "Bildung für alle, und zwar umsonst" gingen in München Schüler und Studenten gegen Studiengebühren auf die Straße.

 
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Proteste gegen Studiengebührenweiter
 

 

Der Auftakt bundesweiter Proteste gegen Studiengebühren gerät in München kleiner als von den Veranstaltern erwartet: Am Freitagvormittag gehen etwa 2500 Schüler auf die Straße, am Nachmittag etwa genausoviele Studenten aus ganz Bayern.

Der Demonstrationszug der Schüler startet um halb neun vom Bonner Platz zur Münchner Freiheit. Kurz vor 12 wird die Situation beim Schulstreik an der Münchner Freiheit kurz unübersichtlich: Unter den demonstrierenden Schülern verbreitet sich das Gerücht, das Maximiliansgymnasium habe seine Schüler eingesperrt, um sie an der Demonstration gegen Büchergeld und für kostenfreie Bildung zu hindern. Irgendjemand ruft ins Mikrofon, man solle geschlossen in die Karl-Theodor-Straße ziehen und die Schüler „da rausholen“.

Verriegelte Türen zum Schutz der Schüler

Zwischen 50 und 100 Demonstranten, unter denen sich viele Punks und gewaltbereite Jugendliche befinden, so Schulleiter Siegfried Huber, versuchen im Anschluss gewaltsam, in das – bis dahin nicht abgesperrte – Schulhaus einzudringen. Um dies zu verhindern, verriegelt Huber schließlich tatsächlich die Tür. „Aber nicht, um unsere Schüler einzusperren, sondern um sie zu schützen“, sagt er.

Ansonsten verlaufen die Demonstrationen ohne Zwischenfälle. Die Schüler ziehen vom Bonner Platz zum Scheidplatz und nach der Zwischenkundgebung an der Münchner Freiheit zum Geschwister-Scholl-Platz. Die Demonstranten tragen Transparente mit Sprüchen wie „Bildung ist kein Privileg, sondern ein Recht“ oder „Wir lassen uns nicht verhohlmeiern“ und skandieren dazu: „Edmund Stoiber, Bildungsräuber.“

Konsequenzen für Demonstranten

Die 14-jährige Luzia vom Rupprecht-Gymnasium ist mit Erlaubnis ihrer Eltern bei der Demonstration: „Meine Eltern finden es gut, dass wir dagegen protestieren, dass wir immer mehr bezahlen sollen“, sagt sie. Genauso geht es der 13jährigen Jennifer: „Ich möchte auch mal studieren, und das würde mit Studiengebühren mit Sicherheit schwierig.“ Der 21-jährige Fachoberschüler Roman Zumdiek demonstriert, weil er nicht will, „dass hier auch alles so wird wie in den USA – mit Eliteschulen, auf die nur Reiche gehen können“.

Die Schüler, die sich an dem vom Aktionsbündnis für kostenlose Bildung initiierten Schulstreik beteiligt haben, müssen mit Konsequenzen rechnen: An mehreren Schulen wie am Rupprecht- und Oskar-von-Miller-Gymnasium hatten die Schulleiter im Vorfeld mit Durchsagen darauf hingewiesen, dass ein Schulstreik unzulässig ist. Schulleiter Peter Schwartze vom Oskar-von-Miller-Gymnasium will sich vor der Entscheidung, welche Konsequenzen die absenten Schüler tragen müssen, erst mit den Nachbarschulen, dem Maximilians- und dem Giselagymnasium beraten, um einen einheitlichen Umgang zu finden.

Eltern protestieren mit

Unter den Protestzug der Studenten am Nachmittag mischen sich auch Eltern: Eine Mutter trägt ein Transparent mit der Aufschrift: „Die paar Euro für meine Tochter bezahle ich doch aus der Portokasse.“ Die 24-jährige Moni Senn aus Kempten, Bauingenieursstudentin in München sagt, sie könne nicht mehr weiter studieren, wenn sie 500 Euro Studiengebühren zahlen müsste: „Bis vor zwei Jahren hab ich noch Bafög bekommen, dann nicht mehr. Die Münchner Mieten sind teuer, und wenn ich jetzt auch noch Gebühren zahlen muss, muss ich aufhören.“

Genauso geht es dem 21-jährigen Medizin-Studenten Sebastian Rasch, der von seinem Laborpraktikum zum Marienplatz geradelt ist: „Ich hab auch in den Semesterferien so viele Veranstaltungen, dass ich nicht wüsste, wie ich mir noch Geld dazu verdienen sollte für die Gebühren“, sagt er. „Ich bekomme kein Bafög, aber meine Eltern könnten sich nicht leisten, für drei Kinder die Gebühren zu zahlen.“

Bei der Abschlusskundgebung auf dem Marienplatz erinnert die Asta-Vorsitzende Dorothee Chlumsky daran, dass die Demonstration erst der Anfang einer Reihe von Protestveranstaltungen sein soll: „Wir sind viele, wir sind laut, und wir werden noch mehr werden!“ Barbara Zahn von der Gewerkschaft Verdi stellt die Bildungsziele Finnlands „Menschlichkeit, Demokratie und Gleichheit“ der momentanen Realität in Bayern gegenüber: „Sparen, Spalten, Maul halten.“

(SZ vom 19./20.3.2005)

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