Interview: Christian Mayer

An diesem Samstag wird Sepp Maier 60 Jahre alt – ein Gespräch auch darüber, warum Pferdeküsse heutzutage Hämatome heißen.

Ein ruhiger Tag im Tennispark von Sepp Maier in Anzing: Auf den Plätzen spielen sich zwei Jugendliche die Bälle zu, über dem Hallenbogen hängt ein Porträt von Franz Josef Strauß, die Pokale auf dem Regal sind etwas eingestaubt. Maier sitzt im Wintergarten, trinkt einen Kaffee, später ein Weißbier. Zu seinen Füßen macht es sich ein Hund bequem, der auf den Namen „Botznhofer“ hört. Ein reinrassiger „Deutsch-Stichelhaar“, sagt sein Herrchen.

Am Samstag wird der erfolgreichste deutsche Torhüter aller Zeiten, der Mann, den sie die „Katze von Anzing“ nannten, 60 Jahre alt. Gelegenheit, alte Erinnerungen hervorzukramen und über ein Fußballleben zu räsonieren.

SZ: Sie sehen recht schlank aus – halten Sie Ihr altes Kampfgewicht?

Maier: Im Winter hab’ ich drei, vier Kilo mehr. Normalerweise wiege ich 81, das kommt durch das Golfspielen im Sommer. Als Fußballprofi brachte ich 79 Kilo auf der Waage. Nicht schlecht, oder?


SZ: Wie feiern Sie Ihren 60.?

Maier: Ich bin mit guten Freunden in Zürs beim Skifahren. Der Uli Hoeneß hat mir ja ein paar Tage freigegeben.


SZ: Das scheint ja ein strenges Regiment zu sein beim FC Bayern. Stimmt es eigentlich, dass Sie als Kind öfter eine Watschn bekommen haben, wenn Sie nach dem Kicken mit verdreckten Kleidern nach Hause kamen?

Maier: Ja, das war früher gang und gäbe. Da ist selten ein Tag vergangen, an denen man keine gefangen hätte – wir sind manchmal mit geduckter Haltung ins Haus gekommen. Später haben meine Eltern aber alles dafür getan, um mich bei meiner Fußballkarriere zu unterstützen.


SZ: Sie haben als Feldspieler angefangen und waren mal Torschützenkönig in der Jugendmannschaft beim TSV Haar. Warum sind Sie Torwart geworden?

Maier: Das hat sich so ergeben. Ich war Kreismeister im Dreikampf, ein erfolgreicher Turner als Kind. Die Zähigkeit und Flinkheit hab’ ich dann gebraucht, als ich als kleiner Pimpf mit den Älteren im Verein mitkicken durfte. Irgendwann hat mich der Trainer ins Tor gestellt. Gegen meinen Willen. Die Dicken und die Faulen, die kommen ins Tor, hieß es.


SZ: Sie waren dick und faul?

Maier: Nein, und mir hat es dann doch Spaß gemacht, im Tor zu stehen. Wenn der Boden weich war und man sich richtig in den Dreck schmeißen konnte! Als wir im Pokal gegen die zweite Bayern-Jugend spielten, bin ich dem Jugendleiter aufgefallen – obwohl wir 12 Gegentore kassierten. Ich sollte zum Probetraining kommen, was ich erst gar nicht wollte – da gab es ja schon so viele Talente bei den Bayern. Ein Freund hat mich überredet. Irgendwann hab’ ich mich aufs Mofa geschmissen und bin hingefahren.


SZ: Ist der Job des Torhüters nicht grausam? Ein Missgriff, so wie er jetzt Oliver Kahn beim Real-Spiel unterlaufen ist, und man ist der Depp der Nation.

Maier: Das muss jedem Torhüter bewusst sein. Solche Fehler sind nicht mehr gut zu machen. Aber das Härteste ist es, sich immer wieder neu zu motivieren. Oliver Kahn ist jetzt seit sechs Jahren der beste Torhüter der Welt – für den liegt die Messlatte so hoch, das hält ein normaler Mensch nicht aus.


SZ: Wie muss ein Weltklassetorhüter ticken, um diesen Druck zu bewältigen?

Maier: Ein genialer Torhüter wie Kahn braucht angeborene Fähigkeiten, so was kann man nicht erlernen. Verrückt muss er sein. Ein Besessener, ein Außenseiter, sogar im eigenen Team.


SZ: Es heißt, Sie seien im Tor mindestens so gut gewesen wie als Spaßvogel.

Maier: Was heißt Spaßvogel? Ich hatte auch meine ernsten Phasen. Es nutzt jedoch nichts, wenn man nach jedem Missgeschick drei Wochen beleidigt ist, man muss so ein Torhüterleben mit Humor tragen. Impulsiv war ich schon immer, ich kann fuchsteufelswild werden. Nach zehn Minuten tut’s mir dann aber wieder leid.


SZ: Sie haben in Ihren besten Jahren die Reporter gerne zum Narren gehalten.

Maier: Einmal hab’ ich einem gesteckt, ich würde mit Haftschalen gegen Real Madrid spielen – ich seh’ heute noch die Schlagzeilen. Ein andernmal hab’ ich behauptet, wir würden zum Frühstück immer ein Stamperl Schnaps trinken. „FC Bayern dopt sich gegen Glasgow Rangers mit Whiskey“, haben die geschrieben. Dann habe ich im Bus das Gerücht gestreut, Dean Martin würde uns in der Säbenerstraße besuchen. Was passierte? Zum Bayern-Training erschienen lauter Kamerateams, hungrig auf Dean Martin – was haben wir gelacht.


SZ: Zu Journalisten sollen Sie kein sehr gutes Verhältnis gehabt haben.

Maier: Ach was. Gut, zu meiner aktiven Zeit war ich schon mal grantig zu Reportern. Einen hab’ ich geohrfeigt, im Trainingslager, weil er ständig unfair über mich berichtete. Eine saubere Watschn war das, rechts und links, Zackzack. Heinz Engler hieß der Mann, ausgerechnet ein guter Freund von Nationaltrainer Helmut Schön! „Was soll denn das!“, schreit der auf. „Das ist die Quittung für den saublöden Artikel, den du über mich geschrieben hast.“ Danach war der nur noch nett zu mir.


SZ: Die Zuschauer haben Sie geliebt, weil Sie auch mal locker sein konnten und den Karl Valentin gaben.

Maier: Das hat sich über die Jahre entwickelt. Erst als ich mich etabliert hatte, bin ich lockerer geworden. Während des Spiels habe ich kaum Mätzchen gemacht, schon gar nicht als junger Mann.

SZ: Der Bundesligafußball von heute scheint eine todernste Sache zu sein.

Maier: Das ist schlimm, dadurch kann sich auch keiner mehr entfalten. Jeder versucht nur noch, nicht anzuecken oder danebenzutreten, weil das sofort in der Zeitung steht. Das war bei uns nicht der Fall. Es war halt menschlicher.


SZ: Wenn Oliver Kahn seine Freundin zum Essen ausführt, sitzen drei Reporter am Nachbartisch.

Maier: Das hat zu meiner Zeit keinen Menschen interessiert! Das Privatleben der Spieler war tabu. Na gut, Franz Beckenbauer war eine Ausnahme. Aber es gab keine 100 Reporter, nur vier oder fünf, die mit uns zu Auswärtsspielen fuhren. Wenn ich heute mit Oliver Kahn beim Golfen bin und fünfzehn Kameraleute rennen auf ihn zu, ist das pervers.


SZ: Geben Sie Oliver Kahn, den Sie trainieren, auch private Ratschläge?

Maier: Ich sage ihm nie, was er machen soll, er ist ein erwachsener Mann. Wir reden über andere Dinge. Wenn er Hilfe braucht, bin ich für ihn da.


SZ: Sie haben im Fußball alles gewonnen, deutsche und europäische Meisterschaften, 1974 die Weltmeisterschaft. Auf was sind Sie am meisten stolz?

Maier: Vielleicht auf meine Beständigkeit. 422 Mal habe ich in der Bundesliga hintereinander gespielt, zehn Jahre lang. Klar, ich hatte Glück, dass ich keine ernsten Verletzungen hatte; aber wir waren nicht zimperlich. Was früher ein simpler Pferdekuss war, ist heute ein fürchterliches Hämatom. Früher hast halt eine Spritze gekriegt, ein wenig Cortison, weg war der Schmerz. Gesund, was? (lacht)


SZ: Sie sind nicht mal zum Arzt gegangen, als Sie 1975 mit Ihrer Frau und Uli Hoeneß einen Autounfall hatten und Ihr Ferrari schrottreif im Graben lag.

Maier: Ja, ich bin sogar noch auf eine Weihnachtsfeier gegangen, obwohl wir einen Totalschaden hatten. Am nächsten Spieltag stand ich auf dem Platz. War ich ein harter Hund (lacht).


SZ: Bei einem Stichwort bekommen Sie gerne einen Wutanfall: Cordoba, das 2:3 gegen Österreich bei der WM 1978 in Argentinien. Ein Tiefpunkt der Nationalmannschaft.

Maier: Ach, Cordoba! Wir haben ein Spiel verloren, das war’s. Die Österreicher sollen sich daran bis in alle Ewigkeit ergötzen, sonst haben die ja nichts zu feiern. Die EM 2000, das war der Tiefpunkt der deutschen Nationalmannschaft, das war wirklich schlimm.


SZ: 1979 war Ihre Karriere vorbei, nach einem zweiten Autounfall, bei dem Sie wie durch ein Wunder überlebten. „Es war innen drin so ziemlich alles kaputt“, haben Sie geschrieben. Bezog sich das auf die Verletzungen oder auf Ihre Psyche?

Maier: Psychisch ging’s mir recht gut. Ich dachte, das wird alles wieder. Es war eine dumme Sache: ein Unfall bei Regen auf einer Umgehungsstraße, plötzlich stand da dieses Fahrzeug auf der linken Spur – ich bin hineingerast. Erst hatte ich Schleier vor den Augen, war ständig weg. Am Anfang wusste ich in der Klinik gar nicht, was passiert war.


SZ: Hatten Sie Schuldgefühle?

Maier: Das nicht, aber ich habe versucht, Kontakt zu den Frauen aufzunehmen, sie im Krankenhaus zu besuchen. Eine schwierige Situation.


SZ: So wie der Abschied als Torhüter, den Sie so nicht wollten.

Maier: Ich wollte unbedingt wieder ins Tor und bis zur WM 1982 spielen. Der Bayern-Trainer hat das anders gesehen und mich hängen lassen. Ich hoffte weiter auf mein Comeback – eine der größten Enttäuschungen in meinem Leben.


SZ: Warum haben Sie dem FC Bayern immer die Treue gehalten?

Maier: Ich wäre ja blöd gewesen fortzugehen, bei dem Erfolg, den wir hatten. Und ein echter Bayern lässt sich nicht so leicht verpflanzen. Heute ist man nicht mehr so bodenständig.


SZ: FC Hollywood lässt grüßen.

Maier: Na ja, gelegentlich gibt es ein Grummeln oder ein Gewitter bei uns. Aber der Uli Hoeneß hat alles im Griff, er hat den FC Bayern geformt. Wir sind ein Kreis von ehemaligen Spielern, die im Management und im Vorstand sitzen oder als Trainer arbeiten. Das wird mal ganz anders, wenn wir Alten weg sind. Dann kommen die grauen Männer, die Betriebswirte, das ist dann eine neue Generation.


SZ: Sie sind mit 60 noch als Torwarttrainer für Bayern und die Nationalmannschaft aktiv. Was reizt Sie daran?

Maier: Ich will weiter machen bis zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, das ist noch einmal ein Höhepunkt, danach ist Schluss. So bleibe ich fit. Was passiert, wenn man nur mit 60- bis 70-Jährigen zusammen ist? Man wird alt. Die reden von Krankheiten und Ärzten.


SZ: Verfolgen Sie alle Bayern-Spiele?

Maier: Ja, aber nur im Fernsehen.


SZ: Warum?

Maier: Ich mag das Theater im Stadion nicht. Von einer V.I.P.-Lounge in die nächste, Händeschütteln, der weite Weg. Gut, im Fernsehen ist es auch schlimm. Dieses Gelaber, was der Trainer gesagt hat, wer auf der Ehrentribüne sitzt – ewig der gleiche Scheiß. Schlimm ist es in der Champions-League, da beginnt der Quatsch eine Stunde vor dem Spiel.


SZ: Auch Ihr Freund Franz Beckenbauer ist immer dort, wo ein Mikrofon steht.

Maier: Ja, weil das vertraglich festgelegt ist. Weil er eben muss. Meinen Sie, dass der Franz Lust auf den Käse hat?


SZ: Stimmt es, dass Sie bei Ihnen zuhause sechs Fernseher stehen haben?

Maier: Unmöglich. Kann das sein? (Zählt Finger) Doch, es kommt hin.


SZ: Wo steht Ihr Lieblingsfernseher?

Maier: Im Wohnzimmer vorm Sofa. Schön gemütlich muss es sein, das ist gut zum Schimpfen. Wenn’s nicht läuft beim FC Bayern, bin ich geknickt. Meine Monika (Maiers Lebensgefährtin) fragt dann: Warum bist du sauer, die Bayern haben doch gewonnen. Ich sage dann: Aber wie!


SZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Maier: Ein besseres Handicap beim Golf. Momentan liegt es bei 6, und damit bin ich besser als der Franz, das ist die Hauptsache.