Nach der Teilnahme am Polen- und Russlandfeldzug war er in Italien vorübergehend Ordonanzoffizier des hitlertreuen Generalfeldmarschalls Albert Kesselring, der ab 1943 in Italien mit zahlreichen Befehlen die Brutalisierung des Krieges auch gegen die Zivilbevölkerung anheizte.
So versprach er jedem Soldaten Straffreiheit bei Exzesstaten und forderte getreu Hitlers "Bandenbekämpfungsbefehls" ausdrücklich die Erschießung von "allen männlichen Einwohnern" eines Ortes, der Partisanen unterstützt oder von dem aus Attacken gegen deutsche Soldaten geführt werden. Der Befehl Kesselrings datiert vom 20. Juni 1944, auffallend ist der zeitliche Zusammenhang zum Massaker in Falzano.
Josef S. bestreitet die Vorwürfe der Anklage bis heute. Nach Kriegsende zog er nach Ottobrunn, wo er als honoriger Bürger galt. 20 Jahre saß er für die CSU im Gemeinderat, war Ehrenkommandant der Feuerwehr und bekam 2005 wegen besonderer Verdienste die "Bürgermedaille" überreicht.
Der Kontakt zu seinen "alten Kameraden" riss nie ab. Man traf sich regelmäßig in einer Gaststätte in Thalkirchen und mitunter auch auf der größten deutschen Veteranenfeier, die seit mehr als 50 Jahren jeweils zu Pfingsten in Mittenwald stattfindet. 2007 wurde Josef S. dort gesehen, nur wenige Monate später ließ er sich offenbar vorsorglich für einen möglichen Strafprozess ein Attest ausstellen.
Dieses legten seine Verteidiger bei Anklageerhebung auch vor, doch die Richter der zuständigen 1. Strafkammer wollten sich selbst ein Bild von S.’ Gesundheitszustand machen. Nach Informationen der SZ wurde Josef S. für einige Tage in einer Klinik aufgenommen. Das jetzt vorliegende Gutachten bescheinigt ihm fast uneingeschränkte Verhandlungsfähigkeit. Es ist aber damit zu rechnen, dass mit Rücksicht auf sein hohes Alter mit Pausen und eventuell nur einige Stunden am Tag verhandelt wird.
Mit dem Verfahren gegen Josef S. wird erstmals einem Mitglied der Gebirgstruppe in München der Prozess gemacht. Die Kriegsverbrechen deutscher Soldaten an Italienern nach deren Austritt aus der Hitler-Koalition im September 1943 waren bis Anfang der 90er Jahre noch weitgehend unerforscht, insbesondere die Verbrechen der Gebirgsjäger, die vor allem in Südosteuropa eine Blutspur hinterließen (siehe die soeben erschienene Studie von Hermann Frank Meyer, "Blutiges Edelweiß").
Nach Erkenntnissen des Kölner Historikers Carlo Gentile liegt die Beteiligung der Gebirgstruppe an Kriegsverbrechen in Italien im "Wehrmachtsdurchschnitt". Rund 10000 italienische Zivilisten wurden von 1943 bis 1945 Opfer der deutschen Besatzung. Ein Drittel davon ermordeten allein die SS-Divisionen
"Herman Göring" und "Reichsführer SS". Strafrechtlich wurden diese Verbrechen so gut wie nie geahndet. Erst in jüngster Zeit wurden die Ermittlungen intensiviert, es kam zu einigen wenigen Anklagen. Hauptproblem der Ermittler ist dabei der Nachweis des Mordes.
(SZ vom 24.05.2008)
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