Der Bau des neuen Jüdischen Zentrums in der Münchner Innenstadt sei als „ganz klare Absage“ an alle „Unbelehrbaren, die zerfressen sind von Hass“ zu verstehen, so der Münchner Oberbürgermeister Ude bei den Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung. Er bezieht sich damit auf die vereitelten Anschlagspläne der zerschlagenen Neonazi-Gruppe um Martin Wiese.
Die Grundsteinlegung findet auf den Tag genau 65 Jahre nach den Pogromen der so genannten "Reichskristallnacht" statt. Die frühere prächtige Münchner Hauptsynagoge war am 9. Juni 1938 auf Geheiß Adolf Hitlers dem Erdboden gleichgemacht worden.
Mit dem Zentrum entstehe das derzeit größte jüdische Projekt in Europa, so Oberbürgermeister Christian Ude. Die jüdische Gemeinde erhalte in München eine neue Zukunftsperspektive: „Ihr Platz wird im Herzen der Altstadt verankert.“
Bundespräsident Johannes Rau zeigte sich erschüttert, dass in Deutschland 65 Jahre nach den Pogromen wieder „zu Mord entschlossene Rechtsextremisten“ einen Anschlag auf ein Zentrum jüdischen Lebens geplant hatten. „Wir müssen zeigen, dass Einschüchterung und Gewalt das Klima in unserem Land nicht bestimmen dürfen“, erklärte er, und rief die Deutschen zu einer entschlossenen Verteidigung von Freiheit und tolerantem Umgang miteinander auf.
Mit Blick auf die Antisemitismus-Affäre um den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann fügte er hinzu, auch „Geschichtsklitterung“ dürfe es nicht geben. Der Bundespräsident betonte: „Wir sind ein Land der Freiheit und der Toleranz.“
An dem Festakt nahmen außerdem der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, teil.
In den kommenden vier Jahren wird am Jakobsplatz in der Münchner Stadtmitte für insgesamt 72 Millionen Euro eine neue Heimat für die zweitgrößte deutsche Israelitische Kultusgemeinde entstehen. Dazu gehören ein Neubau der 1938 von den Nazis zerstörten Hauptsynagoge, ein Gemeinde- und Kulturzentrum sowie ein Jüdisches Museum.
Interaktives Festprogramm
Neben den Festreden wurde am Jakobsplatz auch diskutiert: Ude, Knobloch, Kulturreferentin Lydia Hartl sowie Michael Brenner vom LMU-Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur sprachen über das Thema „Perspektiven und Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in München“.
An vier Orten in München - vor dem ehemaligen Wohnhaus Lion Feuchtwangers, vor dem ehemailigen Sitz und Folterzentrum der Gestapo, am Gedenkstein für die Opfer des Widerstandes am Platz der Freiheit und bei der Gedenkplatte für Georg Elser vor dem Gasteig - wurden bereits am Vormittag Namenslisten der deportierten, ermordeten oder zum Selbstmord getriebenen Münchner Juden verlesen. Die Namensliste wurde danach in den Grundstein der neuen Synagoge eingebracht.
Am Abend gab Paul Spiegel im Festzelt "Antworten auf Fragen zu jüdischen Lebenswelten".
Neonazi-Gruppe ausgehoben
Im September hatte die Polizei rechtsextremistische Pläne zu einem Anschlag am Tag des Festakts aufgedeckt und 1,7 Kilogramm des hochexplosiven TNT sichergestellt. In der vergangenen Woche kündigte Generalbundesanwalt Kay Nehm an, einen Großteil der Festgenommenen im Frühjahr vor Gericht zu bringen.
Aus Sicherheitskreisen hatte die SZ am Donnerstag erfahren, dass es "hinreichende Anhaltspunkte" dafür gibt, dass sich zehn bis zwölf Personen innerhalb der größeren rechtsextremistischen "Kameradschaft Süd" zu einer terroristischen Zelle um ihren Anführer Martin Wiese zusammengeschlossen haben.
Sie hätten sich einer gemeinsamen Willensbildung unterworfen und ernsthaft die Vorbereitung eines Bombenanschlags am 9. November 2003 betrieben. Dafür hatten sie sich 14 Kilogramm Sprengstoff besorgt, davon 1,7 Kilogramm TNT.
Anschlag für Jahrestag der Reichspogromnacht geplant
Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler hatte sich Wiese nach der Festnahme des früheren Chefs der "Kameradschaft Süd", Norman Bordin, zu deren Anführer aufgeschwungen. Bordin war wegen eines Überfalls auf einen Griechen in München-Sendling zu 15 Monaten Haft verurteilt worden.
Nachdem Bordin im Gefängnis saß, bildete sich um seinen Nachfolger Wiese eine Zelle, die sich auch gegen die übrigen Angehörigen der Kameradschaft abschottete. Die Mitglieder dieser Zelle sollen überlegt haben, welche Anschläge man ausführen könne. Erwogen wurden dabei Attentate auf muslimische und jüdische Einrichtungen und auf eine griechische Schule.
Zuletzt entschieden sich Wiese und seine Leute aber dafür, am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, zuzuschlagen. An diesem Tag soll der Grundstein für das neue jüdische Gemeindezentrum am Münchner St.-Jakobs-Platz gelegt werden. Die Neonazis hofften, durch Ort und Zeitpunkt ihres Anschlages große Aufmerksamkeit zu erregen.
Noch immer ist unklar, ob sie darauf abzielten, in der Nacht vor dem Gedenktag oder während der Veranstaltung zuzuschlagen. Einen Anschlag während der Grundsteinlegung halten Polizeiexperten jedoch für unwahrscheinlich: Orte, an denen der Bundespräsident oder andere Repräsentanten des Staates erscheinen, werden vorher mit Sprengstoffhunden abgesucht. Das TNT der Neonazis wäre dabei mit großer Wahrscheinlichkeit gefunden worden.

Winter in München
Wie münchnerisch sind Sie?
Welcher Ort ist zentraler?
Gewusst wo!
A bisserl was geht immer
In ist, wer drin ist
