5. Dezember 2014, 16:38 Stolpersteine in München Am Boden

Gedenkplatten im Pflaster sind umstritten. In München gibt es erst 27 Stolpersteine - allesamt liegen sie auf privatem Grund. Für die einen sind sie eine mit Füßen getretene "Ehrung im Straßenschmutz". Für die anderen bedeuten sie Innehalten und Verbeugung.

Von Martin Bernstein

Mittagszeit in der Kardinal-Faulhaber-Straße in München. Den Gehweg auf der Ostseite versperrt ein Bauzaun. Wer dort durch will - Geschäftsleute, die zum Business-Lunch eilen, Paare, die ihre Weihnachtseinkäufe zum Parkhaus bringen, Passanten, die zu den Fünf Höfen wollen -, weicht auf die andere Straßenseite aus. Dort ist der Umriss eines Menschen im Gehsteigpflaster zu erkennen, die Beine verdreht, ein Arm halb ausgestreckt, der andere angewinkelt, so lag er offenbar da. Eindeutig das Opfer eines Verbrechens.

Wer hinschaut, kann lesen, wer an dieser Stelle gewaltsam zu Tode kam: Kurt Eisner, erster Ministerpräsident des Freistaats Bayern, ermordet von einem rechtsradikalen Fanatiker am 21. Februar 1919. Ein Kranz lehnt neben der Metallplatte an einer Hausmauer, geschmückt mit roten Nelken, niedergelegt von der SPD im Bezirksausschuss 19. Doch es schaut niemand hin. Die Passanten, Einkäufer, Geschäftsleute eilen, stöckeln, schlurfen, gehen darüber hinweg. Ein historischer Tatort, ein Gedenkort mitten im Alltag - und niemand bleibt stehen.

Das Andenken an Kurt Eisner, so könnte man sagen, wird an dieser Stelle nicht gepflegt. Es wird mit Füßen getreten. So argumentieren auch diejenigen, die die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig vehement ablehnen. An diesem Freitag findet ein Hearing im Alten Rathaus statt, in dem es um die Frage gehen soll, warum es nach einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2004 bis heute in München verboten ist, die Gedenkplaketten zur Erinnerung an vertriebene, deportierte und ermordete Nazi-Opfer auf öffentlichem Grund zu verlegen.

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Erst 27 Stolpersteine gibt es in München - allesamt liegen sie auf privatem Grund, in Hofeinfahrten, direkt an Häusern. Dort werden sie nur selten mit Füßen getreten. Und verfehlen so ein Stück weit die Intention ihres Schöpfers und seiner Fürsprecher: Dass sie die Erinnerung an Menschen mitten in die Stadt zurückbringen, aus der jene einst durch ein Terrorregime verjagt, später oft umgebracht wurden. Dass die Steine die Menschen ins Stolpern bringen. Und dass diese sich beim Lesen vor den Opfern verbeugen.

Deshalb unterstützt der neue Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, seit Jahren das "tolle Projekt". "Die kleinen Messingsteine lassen uns immer wieder mitten im Alltag innehalten", sagte Schuster jetzt in Würzburg. Durch die Steine werde einem bewusst, dass die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft "mitten unter uns" gelebt hatten: "Es waren Nachbarn. Und auch wenn es heute keine Angehörigen mehr gibt: Sie sind nicht vergessen."

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Noch in diesem Jahr werde voraussichtlich der 50 000. Stolperstein bundesweit verlegt. Eine "enorme Leistung" nennt da Schuster. Er könne allerdings nicht ganz nachvollziehen, weshalb Demnig seit einiger Zeit auch Steine für überlebende Opfer des NS-Terrors verlege - und weshalb er auf manchen Steinen die Terminologie der Nazis für Inschriften verwende. Solche "Auswüchse", so Schuster, könnten Kritiker in ihrer Ablehnung bestärken - und das fände er "ganz fatal".

Boden-Denkmäler sind eine bewährte Form historischer Erinnerung. Vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität erinnern Bodenkeramiken des Bildhauers Robert Schmidt-Matt seit 1988 an die Mitglieder der Weißen Rose. Wie die Flugblätter, die Sophie und Hans Scholl einst in den Lichthof der Universität warfen, liegen sie da. Wird die Erinnerung an die Geschwister Scholl an diesem Ort mit Füßen getreten?

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Sicher, tausendfach an jedem Tag. Und sicher häufiger als die Erinnerung an den Schreiner Georg Elser. Die Gedenkplatte für den Hitler-Attentäter ist genau an jenem Ort in den Boden eingelassen, an dem am 8. November 1939 im damaligen Bürgerbräukeller die Bombe explodierte, die Hitler und andere Nazi-Führer hätte töten und das millionenfache Morden hätte verhindern können. Wer die Bodenplatte finden will, muss suchen. Hinter dem Gasteig liegt sie im Pflaster, ein paar Meter neben dem Eingang zur Gema-Verwaltung. Laufkundschaft gibt es dort kaum. Zum Stolpern bringt diese Gedenktafel sicher niemanden.

Das Gedenken an die Jahre zwischen 1919 und 1945 in der einstigen "Hauptstadt der Bewegung" liegt in vielen Fällen am Boden. Das sogenannte "Drückebergergassl", das manche Münchner in der NS-Zeit benutzten, um der geforderten Ehrbezeugung vor der Feldherrnhalle zu entgehen, wo das Regime eine Weihestätte in Erinnerung an den Hitler-Putsch von 1923 eingerichtet hatte, wird von einem 18 Meter langen Bronzestreifen des Bildhauers Bruno Wank markiert. Vor der Feldherrnhalle selbst erinnerte von 1994 bis 2010 eine Bodentafel an die vier Münchner Polizisten, die bei der Niederschlagung des nationalsozialistischen Putschversuchs ihr Leben ließen.

Bei der Einweihung der Gedenktafel - der Freistaat hatte eine Anbringung an der gegenüberliegenden Fassade der Residenz zunächst untersagt - äußerte der damalige Oberbürgermeister Christian Ude seine Skepsis gegenüber Boden-Denkmälern. Er sprach von einer "unglücklichen Häufung" und nahm dabei ausdrücklich Bezug auf das Eisner-Denkmal und die Kunstinstallation am Geschwister-Scholl-Platz: "Ich hoffe nicht, dass es Gewohnheit wird, dass wir Könige oder jede Künstlerpersönlichkeit mit großen Denkmälern ehren, nicht aber jene, die von rechten Gewalttätern niedergestreckt wurden."

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2009 sprach Ude bei der Gedächtnislesung zu Ehren der Weißen Rose von einer "Ehrung im Straßenschmutz". Oder ist Gedenken mitten im Alltag der Stadt doch eher etwas Ungewolltes? Neben dem zentralen Platz der Opfer des Nationalsozialismus gibt es in München einen Sinti-und-Roma-Platz auf der Schwanthalerhöhe, einen Georg-Elser-Platz in der Maxvorstadt, einen Erich-Mühsam-Platz in Schwabing. Was diese Straßennamen außer der Erinnerung an Opfer des NS-Terrors gemeinsam haben? Es sind Plätze ohne Hausnummern. Über diese Adressen muss kein Briefeschreiber, keine Firma stolpern.

Erst am 9. November 2010 wurde an der Westfassade der Residenz eine Erinnerungstafel für die vier beim Hitlerputsch getöteten Polizisten Nikolaus Hollweg, Friedrich Fink, Max Schobert und Rudolf Schraut der Öffentlichkeit übergeben. Die Bodenplatte vor der Feldherrnhalle - jetzt nicht mehr benötigt - wurde ausgegraben und ins Stadtmuseum gebracht. Auch die beiden ersten Stolpersteine, die Gunter Demnig ohne Genehmigung der Stadt im Gehsteigpflaster der Mauerkircherstraße in Bogenhausen vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Jordan verlegt hatte, ließ die Stadt wieder ausgraben.

Zügiges Verwaltungshandeln, ganz ohne Stolpern

Keine 24 Stunden waren da nach dem ablehnenden Stadtratsbeschluss vergangen. Zügiges Verwaltungshandeln, ganz ohne Stolpern. Die Platten für Kurt Eisner und Georg Elser durften im Boden bleiben. Die Stadt hat diesen jedoch längst andere, als würdiger empfundene Denkmäler gegenübergestellt - an der Türkenstraße eine Lichtinstallation von Silke Wagner, eine ebenfalls illuminierte Glas-Skulptur der Künstlerin Rotraut Fischer am Oberanger.

Nicht weit davon entfernt soll jetzt ein Denkmal an die von den Nazis verfolgten und ermordeten Münchner Schwulen und Lesben entstehen. Ein 70 Quadratmeter großes, farbiges Bodenmosaik der Künstlerin Ulla von Brandenburg. Ehrung im Straßenschmutz? Davon war diesmal nicht die Rede. Man müsse, sagt etwa SPD-Stadtrat Christian Vorländer, die Erfahrungen der unterschiedlichen Opfergruppen auch unterschiedlich bewerten. Platz für die jeweils angemessene Form des Gedenkens gebe es in München genug.

Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Knobloch, die als Kind den Holocaust überlebt hat, wehrt sich seit langem gegen eine Form des Gedenkens, bei der die Opfer erneut mit Füßen getreten würden. Im Vorfeld der Anhörung hat sie in einem Brief mit scharfen Worten ihre "unbeirrbare Abwehrhaltung gegenüber jeder Gedenkform auf dem Boden" formuliert. Sie habe noch immer Bilder vor Augen "von den getretenen, gedemütigten, geschundenen Menschen und den am Boden kauernden Verletzten, Sterbenden oder bereits Toten". Will ihr jemand widersprechen?

"Einfach für eine Sekunde des Tages ihrer gedenken."

Christoph Eberstadt ist der Urenkel des NS-Opfers Hermine Masbach. Er sagt: "Ich will, dass die Münchner auf dem Stolperstein meiner Urgroßmutter herumtreten - umso heller leuchtet er! Ich will, dass sie heiße Füße bekommen, wenn der Stolperstein dann das bewirkt, was er verspricht: das Stolpern im leichtfüßigen Denken. Sie sollen kein schlechtes Gewissen haben, nein, das hätte meine Urgroßmutter nicht gewünscht: Sie sollen einfach für eine Sekunde des Tages ihrer gedenken." Will ihm jemand widersprechen?

Julia Höhenleiter ist 18 Jahre alt. Am Schwabinger Gisela-Gymnasium, hat sie zusammen mit Gleichaltrigen die Schicksale jüdischer Schüler erforscht. Sie sagt über die Stolpersteine das, was für alle Münchner Boden-Denkmäler gesagt werden könnte: "Sie zwingen einem nichts auf. Nur Interessierte bleiben stehen." Will ihr jemand widersprechen?

1997: Der Kölner Künstler Gunter Demnig startet die Stolperstein-Aktion.

2. März 2003: Brief Demnigs an den damaligen Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) mit der Bitte, auch in München Steine setzen zu dürfen.

27. Juni 2003: Der Ältestenrat des Münchner Stadtrats lehnt die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund ab.

15. Juni 2004: Ablehnung des Projekts im Stadtrat. Nur Grüne, Rosa Liste und PDS stimmen für die Stolpersteine. Noch am gleichen Tag werden die im Mai von Demnig in Erinnerung an Paula und Fritz Jordan in der Mauerkircherstraße - ohne Genehmigung der Stadt - verlegten Stolpersteine ausgegraben und auf dem jüdischen Friedhof deponiert. Der in England lebende Sohn Peter Jordan wird von der Stadt nicht informiert.

21. Dezember 2004: Bei einer Feier auf dem St.-Jakobs-Platz nennt Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, die Stolperstein-Befürworter "Gedenk-Täter".

1. September 2007: Der erste Stolperstein auf Privatgrund, für Heinrich Oestreicher in der Viktor-Scheffel-Straße 19. Knapp ein Jahr später werden in unmittelbarer Nachbarschaft weitere Steine verlegt für Jeanette, Julie Katharina und Leopold Weiss sowie für Judith Ziegler.

16. Mai 2009: In München treffen sich Stolperstein-Initiativen aus ganz Deutschland. Tags darauf Verlegung von Stolpersteinen in der Haydnstraße 12 für Eugenie und Otto Max Wilhelm Benario sowie in der Kyreinstraße 3 für Betty, Esther, Hanna und Simon Berger, Julia Früh, Wilhelm Mamma, Natalie und David Mayer, Irma, Richard und Wolfgang Reiss.

20. November 2011: In der Kyreinstraße wird ein weiterer Stolperstein verlegt - für Eugenie Isaac.

18. April 2013: In der Widenmayerstraße 16 werden Stolpersteine für Else und Julius Basch sowie für Klara Strauss verlegt sowie in der Lindwurmstraße 205 für Sophie und Emanuel Gutman.

21. Dezember 2013: Stolperstein für die ermordeten Zeugen Jehovas Rosa Günther in der Isartalstraße 34 und Viktoria Klimm in der Entenbachstraße 45. Am Tag zuvor hatte die Stadtratsfraktion der Grünen eine neue Debatte über das städtische Verbot gefordert.

5. Mai 2014: Erstmals wird ein Stolperstein im Gedenken an ein "Euthanasie"-Opfer verlegt - für Max Sax in der Von-der-Tann-Straße 7.

2. Oktober 2014: Der Stadtrat beschließt, am 5. Dezember ein Hearing zu den Stolpersteinen zu veranstalten. Wenige Tage später sagt Charlotte Knobloch im Gespräch mit Oberbürgermeister Dieter Reiter ihre Teilnahme ab. bm

Die Anhörung im Stadtrat findet am Freitag, 5. Dezember, von 9 bis 12 Uhr im Alten Rathaussaal, Tordurchfahrt zum Tal, statt. Interessierte können sich bis Donnerstag, 4. Dezember, (13 Uhr) unter hearing.stolpersteine@muenchen.de melden. Es gibt noch einige Restplätze für das Publikum.