19. Mai 2010, 19:29 Punk-Festival Rinderaugen zu - und durch

"Mia san dageng!": Die Münchner Punkszene dokumentiert sich selbst in einem Film.

Von Franz Kotteder

Eine dankbare Aufgabe sieht anders aus. Aber was ein echter Münchner Punk ist, den schreckt es natürlich nicht, wenn jetzt alle möglichen Bekannte daherkommen und sich beschweren, weil sie nicht vorkommen, dafür aber die anderen, die ihrer Ansicht nach doch völlig unwichtig gewesen sind, damals. Sich Freunde zu machen, ist aber vielleicht sowieso nicht der allererste Beweggrund, wenn man als Jugendlicher beschließt, fortan Punk zu sein. Und bei einem Filmprojekt, das ,,Mia san dageng!'' heißt, wird man mit Einspruch wohl schon gerechnet haben.

Frisur sitzt: Sänger Lebra von der Band "Die Ausgebombten", Mitte der 80er Jahre.

(Foto: Foto: oh)

Im Grunde war es sowieso ein bisschen ein aberwitziges Vorhaben, das sich Katz Seger und Olli Nauerz da aufgehalst hatten. Aber andererseits auch wieder ein recht punk-mäßiges, das konsequent einer wichtigen Grundmaxime der Punk-Bewegung folgte: Denk' nicht nach, ob du etwas kannst - mach's einfach! Und Olli und seine Partnerin Katz sind nun einmal Münchner Punks, wenn auch nicht ganz der ersten Stunde, so doch immerhin seit Anfang der achtziger Jahre. Seit gut zehn Jahren geben die beiden das Punk-Fanzine Kruzefix heraus, veranstalten die ,,Mia san dageng!''-Festivals und betreiben das Label ,,Aggressive Noise''.

Und weil das noch nicht genug ist, sammeln sie so gut wie alles zur Geschichte des Punk in München - und jetzt eben haben sie daraus auch einen Kinofilm gemacht mit dem Titel ,,Mia san dageng!'', der am Samstagabend erstmals öffentlich gezeigt wird, natürlich im Rahmen des gleichnamigen Punk-Festivals in der Muffathalle.

Ein Versuch

Ob der Film, der im Untertitel durchaus zutreffend ,,100-minütiger Versuch einer artgerechten Dokumentation'' heißt, ein Kassenschlager wird, darf man mit Fug und Recht bezweifeln. Schließlich ist die Szene, um die es geht, halt doch eine recht begrenzte. Heutige Jugendliche mögen die alten Aufnahmen wunderlich und bizarr finden, auch wenn im Film Altersgenossen aus dem Jungpunk-Treff ,,Neo-Keller'' vorkommen und beweisen, dass die Bewegung selbstverständlich noch lange nicht ausgestorben ist.

Wer damals dabei gewesen ist oder wenigstens doch im entsprechenden Alter war, kann auch noch staunen. Über die Münchner Lokalmatadoren von Scum und deren legendäres Konzert in Ampermoching etwa, für das sie extra einen Eimer voller Rinderaugen aus dem Schlachthof besorgt hatten, um sie ins Publikum werfen zu können. Die historischen Aufnahmen davon wirken durchaus auch heute noch eklig... Oder man mag sich auch wundern, was da aus Sigi Pop von den Marionetz geworden ist, der im Film als Wandermönch im Hippie-Stil herumläuft - glücklicherweise ist das aber nichts anderes als eine Punk-Gaudi.

Wie überhaupt der Spaß nicht zu kurz kommt in diesem Film, dessen Protagonisten allesamt ein Mitspracherecht bei der Gestaltung hatten. Das Erstaunliche dabei ist: Es fällt gar nicht so sehr auf. Denn tatsächlich ist ,,Mia san dageng!'' ein sehr kurzweiliger und höchst unterhaltsamer Punk-Bilderbogen geworden, der dieses merkwürdige Phänomen ,,Punk in München'' von vielen verschiedenen Seiten her beleuchtet. Erfreulicherweise ist der Film auch keine Beweihräucherungsorgie geworden, sondern kennt an manchen Stellen auch so etwas wie Selbstironie - ohnehin eine der größeren Kulturleistungen, zu denen künstlerische Menschen fähig sind.

Die Szene war erstaunlich groß damals

Auch wenn Katz Seger sagt: ,,Wir haben den Titel ,Mia san dageng!' gewählt, weil das die Aussage ist, auf die sich die ganzen verschiedenen Richtungen einigen können'', der kleinste gemeinsame Nenner der Münchner Punk-Bewegung ist trotzdem nicht dabei herausgekommen. Da kommen die Marionettes vor, die Regisseur Klaus Lemke in einem seiner Kinofilme als Punkband-Darsteller brauchte, man lernt die ausschweifend tätowierte ,,Besen-Petra'' kennen, die Katz Seger damals allein durch ihre Existenz zum Punk bekehrt hatte, und man erfährt etwas über die Anarcho- und Terror-Gruppe ,,Freizeit '81'', die damals angeblich München unsicher machte, will man den Medien dieser Zeit glauben. Heute, im Nachhinein, erscheint sie einem eher als eine Blödel-Variante der linken Sponti-Bewegung, als eine schräge Parodie auf die Stadtguerilla.

Und dann ist da noch die Musik, die im Film ausführlich zu Gehör kommt. Die Szene war erstaunlich groß damals, was man heute leicht vergisst, wenn man sich die wenigen, halbwegs bekannten Namen wie die United Balls, die Marionetz, A + P oder auch The Pack und FSK ins Gedächtnis ruft. ,,Richtig'', sagt man sich, ,,es gab ja auch noch FKK Strandwixer oder die Alternativen Arschlöcher, Die Ausgebombten und Zusatzzahl...'' Wenn man sich recht erinnert, waren die Namen sowieso oft das Beste.

Da würde man sich freilich falsch erinnern, wenn man da an jene Bands dächte, die am Samstag zur Filmpremiere auftreten. The Pack in Originalbesetzung wird dabeisein, A+P, außerdem die Marionetz sowie eine Überraschungsband, die auch im Film vorkommt.

(Die Filmvorführung beginnt um 19.30 Uhr, das Konzert gegen 22Uhr. Der Eintritt beträgt 14 Euro.)