"Das würden wir auf der linken Arschbacke abspielen": Vor zehn Jahren haben John Friedmann und Florian Simbeck "Erkan & Stefan" erschaffen. Die Figuren werden die beiden bis heute nicht los.
Es geht einfach nicht. John Friedmann kann neben Florian Simbeck keine Sekunde lang ernst bleiben. Die beiden, immer noch besser bekannt als Erkan und Stefan, stehen an einem Vormittag in der Glyptothek vor einer ramponierten Steinfigur.
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Man kennt sie nur als "Erkan & Stefan", als Witz-Duo, das in türkisch-deutschem Proll-Slang vor sich hinblödelte. Dieses Image werden John Friedmann (links) und Florian Simbeck einfach nicht los. (© Stephan Rumpf)
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Hier wurde vor zehn Jahren ihr erster Kinofilm gedreht. Simbeck grinst in die Kamera des Fotografen, Friedmann blickt für einen kurzen Moment ernst und ein bisschen böse, dann muss er wieder lachen. So wie früher. Ihre ganze Erfolgs- und Leidensgeschichte steckt in diesem Bild: Helden von früher, nun gehen sie verschiedene Wege, ihr Ruhm verblasst.
Zwei Nobodys begreifen Anfang der neunziger Jahre zufällig den Zeitgeist der Jugend und blödeln in türkisch-deutschem Proll-Slang vor sich hin - die damals modische Sprache. Sie werfen sich Wortkreationen und Witze so fesselnd und famos gegenseitig zu, dass sie in kürzester Zeit zu unverhofften Radio- und Kinostars werden. Nun ist diese Mode vorbei. Und sie sind im Alltag angekommen.
Der eine, der auf dem Foto lacht, arbeitet als Comedian, der andere als seriöser Schauspieler - zumindest versuchen sie das zu sein. Aber es geht eben nicht. Sobald Erkan, sprich Friedmann auf Stefan, also Simbeck trifft, sind sie wieder das Pointen-Paar, wie Dick und Doof, ein perfekt eingespieltes Witz-Duo. Und es scheint fast so zu sein, als ob sie nur zu zweit wirklich Erfolg haben können.
Eigentlich haben sie in ihrer Karriere eigentlich alles richtig gemacht haben, seit sie sich 1991 kennen lernten. Da kamen die Schüler John Friedmann und Florian Simbeck neu an ein Ingolstädter Gymnasium. Sie hatten gemein, dass sie niemanden kannten, also freundeten sie sich an. Auf die neue Sprechmode kamen sie allerdings unabhängig voneinander, während des Studiums. Simbeck, so die Legende, will in der Staatsbibliothek einmal zwei türkische Kommilitonen gehört haben, die in ihrem Slang über juristische Inhalte gesprochen haben - man kennt es: "Weisdu, der Kausalablikativ."
Friedmann wiederum sollteim ersten Semester Architekturstudium in der TU ein Autohaus entwerfen. "Und im zunehmenden Lagerkoller über den Modellen haben wir dann herumgealbert. Meine Verkäufer-Figur bekam eine Goldkette und hat geredet wie ein Autoverchecker." Der ganze Saal habe bei der Präsentation gelacht. Bald auch der ganze Schlachthof.
Viele spielten zu der Zeit mit dem türkischen Slang, die zwei konnten es besonders gut. Ein Freund kam auf die Idee, dass John und Florian den Prollsprech im Radio ausprobieren sollten. Alle zwei Wochen waren sie dann um Mitternacht zu hören. Dass ihre Shows ankamen, wussten sie überhaupt nicht - bis zu einem Abend 1996.
"Wir wollten in einen Club und haben beim Warten vor dem Eingang in unserer neuen Sprache geredet", erinnert sich Friedmann. Der Türstehen wollte die beiden erst nicht reinlassen - "bis er plötzlich gesagt hat: 'Ihr redet ja wie die im Radio!', uns zu seinem Auto geschleift und uns eine Kassette vorgespielt hat. Darauf hatte er alle unsere kleinen Radiobeiträge aufgenommen."
Dann ging es schnell: CD, ausverkaufte Auftritte, "und schon beim ersten Mal kam ein Produzent und sagte, dass er einen Film machen will". Mit Michael "Bully" Herbig als Regisseur. "Der hatte bis dahin ja nur Dreiminüter in der Bullyparade gemacht", sagt Friedmann, "ich war erst dagegen, dass er Regie führt". Alle Sorgen waren unbegründet, der Film war so erfolgreich, dass gleich zwei Fortsetzungen gedreht wurden.
Doch nach eigenen TV-Sendungen, mehreren CDs und DVDs "hatte sich die Geschichte vor zwei Jahren zu Ende erzählt", sagt Friedmann und erblickt nun seinen Kompagnon am Eingang zum Café. Ein paar Sekunden später ist klar, warum die beiden Erfolg hatten.
Simbeck, mit dem leicht schiefen Grinsen, das zwischen Unsicherheit und Schalk schwankt, kommt in Hörweite und Friedmann sagt in dem Moment: "Und dann habe ich dem Flo eben gesagt: Du musst den Stefan machen und mir 90 Prozent der Einnahmen geben." "Stimmt, das war der Deal", sagt Simbeck, sein Grinsen hat nichts unsicheres mehr.
Friedmann: "Flo wollte unbedingt bekannt werden, da hab' ich ihn halt groß gemacht." "Ja, aber ich hab ihm natürlich nicht gesagt, wie hoch die Einnahmen waren." 30 Sekunden fliegen die Worte hin und her. Pointe. Ende. So wie sie es zehn Jahre gemacht haben.
"Ich weiß, wann der Flo atmet", sagt Friedmann. Kein Witz. "Das ist entscheidend, wenn man gleichzeitig etwas sagen soll." Oft war es: "Krass!", oder "Bunny!", prolldeutsch für "hübsche Frau".
"Bei den Touren durch Deutschland nach dem ersten Film kamen türkische Väter mit ihren Kindern auf dem Arm und haben gesagt: 'Ihr seid das Vorbild für meine Kinder'", erzählt Friedmann. Ein Segen - und bald ein Fluch. Denn wie sehr sich diese Figuren etabliert hatten, merkten die beiden, als sie versuchten, etwas anderes zu machen.
Simbeck, mittlerweile 39 Jahre alt und Vater zweier Kinder, macht Comedy, er tourt, hat Rollen in BR-Produktionen, er bleibt beim Humor, an den Erfolg von damals kann er nicht anknüpfen.
Friedmann macht keine Comedy mehr. Der 38-Jährige will ernste Rollen spielen, deshalb schaut er auch ernst beim Fotoshooting in der Glyptothek. Nun rächt sich aber, was sie zu Beginn entschieden haben: Den Mythos von Erkan und Stefan zu erschaffen. "Wir haben damals die Figuren und die Menschen nicht klar getrennt", sagt Simbeck. Sie hatten Angst, dass manchen Leuten die Comedy nicht gefallen würde und wollten ihre echten Namen schützen. Deshalb traten sie als Erkan und Stefan auf. "Andererseits hätte es vielleicht sonst nicht so gut funktioniert", sagt Friedmann.
Seit zwei Jahren versuchen die beiden, ihre berühmte Vergangenheit loszuwerden. Auf jedem zweiten Event in München stehen sie auf der Gästeliste: Charity-Dinner, Premieren, Eröffnungen, aber in den Zeitungen steht trotzdem noch immer meist "Erkan & Stefan" dabei.
Es ist der Schimanski-Komplex. So wie Götz George die Figur nicht los wird, bleiben Friedmann und Simbeck stets Erkan und Stefan. Aber sie kämpfen dagegen.
Die beiden treffen sich nicht nur auf VIP-Veranstaltungen, sondern auch so mindestens einmal pro Woche, schreiben Drehbücher. Friedmann hat zwei Romane geschrieben, für die er einen Verlag sucht. Sie schreiben, sprechen und spielen, aber alles ohne den Slang von früher.
"Der Zeitgeist ist mittlerweile ja ganz anders", sagt Simbeck. "Man redet viel weniger, das Leben spielt sich nicht mehr auf der Straße, sondern oft in Chatrooms ab. Heute wünscht man sich ein schönes W-E, lol", sagt Simbeck. Also ein schönes Wochenende, und dazu lacht man "laughing out loud". Aber die beiden profitieren auch vom Netz.
Vor einem halben Jahr gründete sich auf Facebook eine Gruppe "John und Flo als neue Tatortkommissare". Friedmann sagt: "Es gibt in Deutschland wohl kaum ein Duo, dass so eingespielt ist wie wir."
Ob sie sich das zutrauen würden? Darauf sagen sie, perfekt synchron: "Logisch!" Simbeck sagt: "Das würden wir auf der linken Arschbacke abspielen."
Das ist kein Witz. Dafür müssten sie allerdings eines noch dringend lernen: nebeneinander länger als eine Sekunde ernst zu schauen.
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(SZ vom 09.07.2010/sonn)
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