Blumen, Buhs und ein zärtlicher Dirigent: Regisseurin Doris Dörrie löst mit ihrer Inszenierung in der Staatsoper extreme Reaktionen aus.
Und dann fliegen auch noch Bananen auf die Bühne. Doch Doris Dörrie, 49, bleibt stehen und lächelt. Jetzt mal die Ohren zudrücken und summen: Schaltet man den Ton dieser Szene ab, sieht die Frau mit dem Blumenstrauß im Arm aus wie die gefeierte Primadonna des Abends; Maestro Zubin Mehta drückt sie dankbar an seine Brust.
Mit Ton wirkt das anders: Mehtas Geste wird zum Zeichen tröstender Solidarität, der Lärm ist durchdringend, rau wie ein Wintersturm. Ein Buh aus tausend Kehlen, so hört es sich jedenfalls an, auch wenn es nur ein paar Dutzend sein mögen, die so ihre Empörung bekunden. Und Dörrie bleibt stehen, sie lächelt diesem Sturm der Ablehnung entgegen. „Ich finde sowas klasse“, sagt sie wenig später bei der Premierenfeier, „mit geht’s gut.“ Mit ihrer Rigoletto-Inszenierung hat die Filmemacherin die wohl größte Opern-Aufregung seit Leander Haußmanns „Fledermaus“ 1998 ausgelöst.
Genuss erst nach dem Schock
Neue Erkenntnisse? Die Ehrengäste des Produktions-Sponsors O2 geben sich alle Mühe, sie sparen nicht mit Lob. Der neue Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld, der sich wie selbstverständlich einfügt in die Münchner Gesellschaft, attestiert Dörrie, sie hebe die „Wahrnehmung auf eine höhere Stufe, das macht Kunst aus“. Nach einem ersten Schock habe ihm die Inszenierung mit den Affen durchaus gefallen.
Sein Gastgeber, O2-Deutschland-Chef Rudi Gröger, hielt das Risiko für überschaubar, Dörries Rigoletto zu finanzieren. Sagte er vor der Vorstellung zu Hummer und Steinbutt beim Gala-Dinner. Beim Schlussapplaus klatscht er artig, allerdings wirkt sein Lächeln mindestens so gequält wie das von Karin Stoiber, die in der Königsloge neben ihm Platz genommen hat. „Bei dieser Inszenierung bleiben viele Fragen offen“, sagt sie.
Gelassenes Ensemble
Das Ensemble nimmt die Reaktion des Publikums denkbar gelassen auf. Bei der Premierenfeier in der Opern-Kantine spenden sich die Kollegen selbstironisch Beifall mit Schimpansen-Lauten, in hoher Stimmlage intonierten U-u-u-Rufen. Immer noch ein Thema: die Spekulationen über die krankheitsbedingte Absage von Star-Tenor Ramon Vargas, man munkelt, der Sänger habe eine Kunstfellallergie, die daher rühre, dass er sich nicht zum Affen-Herzog machen lassen wollte. Aber: Nichts Genaues weiß man nicht, zumal Staatsintendant Jonas beteuert, Vargas sei während der Orchesterhauptprobe wirklich krank geworden.
Sir Peter, der ewige Laudator. Er steht im O2-Trikot des Fußballvereins Arsenal London auf dem Tisch und verschüttet Lob. Leitmotiv seiner Huldigung ist der Mut der beteiligten Künstler. Jonas gibt dem Affen Zucker, preist die Furchtlosigkeit, mit der sie sich dem Dörrie-Projekt fügten.
Die junge Sopranistin Diana Damrau zum Beispiel, als Gilda die Entdeckung des Abends, lobt er mit den Worten: „Du bist ein Sweetheart, weil du wie ein Felsen von Gibraltar zu dieser Produktion gestanden bist.“ Doris Dörries Experiment sei geglückt, sagt der Hausherr. Sie wolle „andere Leute für die Oper“ interessieren – jüngere Menschen, damit diese Kunstform am Leben bleibe. Die Bravos ihres Ensembles nimmt die Regisseurin nicht anders auf als das Buh der Zuschauer. Sie lächelt.

Winter in München
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