Susanne Hermanski

Thailändisch Essen liegt voll im Trend: Es macht schön, scharf und schlank – selbst den Geldbeutel.

Alles verläuft in Wellen. Auch wenn es in diesem Fall eher um Feuer als um Wasser geht. Kaum einer erinnert sich, dass es einmal schick war, zum Vietnamesen zu gehen, oder dass gerade noch Sushi gepusht wurde. Die jüngste Welle, die heimlich, still und mit leisem asiatischen Lächeln übers Land schwappt, heißt „Thai“.

Kein Wunder, mag jetzt mancher sagen: ist ja auch total verschärft diese Explosion aus rotem, grünen oder gelben Curry – die Thai-Küche kennt 40 Varianten dieses Gewürzes, das dem Deutschen in der Regel Wurst ist. Überhaupt sind Thai-Gerichte wohl am besten mit einem Feuerwerk zu vergleichen: Sie sind bunt, bitzeln auf der Zunge, fügen sich in der Mischung aus Zitronengras-Säure und Kokosmilch-Süße zu einem harmonischen Ganzen und lassen manchem doch vor Schärfe die Augen übergehen.

Doch weder diese kleine Augenwischerei noch der Hang des Menschen, Knalltüten einfach toll zu finden, manifestiert schon einen Trend. Der lässt sich erst bei einem chiligeschärften Blick auf die Gastro-Landschaft feststellen: Und da fällt nicht nur auf, dass in den vergangenen Jahren viele neue Thais wie das „Ginkao“, das „Kun Tuk“ und das „Yum“ in München eröffnet haben. Auch beim Blick in die Speisekarten anderer Lokale ist thailändisch Inspiriertes zu finden.

20 verschiedene Bananensorten

Das reicht von so derb-ländlich kochenden Bar-Restaurants wie dem „Ryles“ (vis à vis vom Haus der Kunst) bis zur virtuosen Spitzenküche des „Landersdorfer & Innerhofer“ in der Hackenstraße.

Die neuen, reinen und wahren Thai-Tempel zeichnet Dreierlei aus: Sie verzichten in ihrer Einrichtung weitgehend auf asiatischen Kitsch oder Prunk. Es wird dort – das liegt schon in der Natur der verwendeten Naturalien – auf hohem Niveau und sehr abwechslungsreich gekocht.

Wer allein 20 verschiedene Bananensorten kennt, eine eigene Spezies von Basilikum besitzt, Wurzeln ausgräbt, die unsereins nicht mal mit Trüffelschwein finden würde, und aus langweiligen Melonen oder Karotten kurzerhand kleine Kunstwerke schnitzt (besonders schön gelingen die dem Koch des „Malison“ in der Ungererstraße), der hat eben etwas zu bieten: aromareiche Tom-Yam-Gum-Suppe, grünen Papaya-Salat mit Crevetten, Rindfleisch an Austernsauce und unendlich viele Namen für Gerichte, die keiner aussprechen kann, dem nicht schon mal ein ordentlicher „Yam Prik Chii Faa“-Salat ein mittelgroßes Loch in die Zunge gebrannt hat.

Und zudem sind die neuen Münchner Thais neben wahren Hotspots vor allem eins: „cool“ – schöner könnte die Entsprechung zur Grundidee vom „Yin & Yang“ in der asiatischen Küche und Weisheit doch gar nicht sein.

Wem schon einmal geglückt ist, im „Yum“ in der Utzschneiderstraße einen Platz zu ergattern, der weiß wovon die Rede ist. Hier reiht sich die Riege der stets Schwarzgekleideten vor schwarzem Hintergrund auf: Die Einrichtung ist schlicht und dunkel, die Beleuchtung auf ein Minimum gedimmt.

Und am Nachbartisch leuchtet schon mal ein prominentes Gesicht auf, wenn sich dort einer sein Hühnerspießchen auf offener Flamme brutzelt, bevor er es tief in die Erdnusssoße dippt. Etwas heller ist’s da schon im „Ginkao“, das etwas versteckt in der Morassistraße liegt. Fotos des thailändischen Königspaares und goldene Buddhas schmücken dessen orange-rote Wände. Kerzenlicht flackert jung Verliebten und altgedienten Thailand-Reisenden ins Gesicht.

Der erste Ansturm hat sich hier zwar gelegt, nachdem die Küche unter der latenten Überforderung litt, und die Freundlichkeit mancher original gekleideten Bedienung einer gewissen Überheblichkeit in Bluejeans gewichen war. Eine Chance hat das schöne „Ginkao“ trotzdem noch verdient. Bei schönem Wetter verfügt es auch über ein paar Tische, die auf dem Trottoir vor dem Lokal aufgestellt werden.

Mitten in der Altstadt, unweit des touristischen Krisengebiets rund ums Platzl und gleich neben einer Rotlichtbar liegt das „Bangkok House“. Dessen Wände sind karminrot wie die Lieblingsfarbe im Wasserfarbenkasten aller Mädchen.

Auffallende, weiße Dreiecke gliedern als Wandlampen den großen Raum. Serviert wird – ganz und gar unverrucht – „Thai Cuisine“. An den Tischen tummeln sich junge Frauen, deren Lippenrouge apart auf all das abgestimmt ist, und junge Männer, die derlei zu schätzen wissen.

Dauerhaft ausgebucht

Frei nach dem Motto „aus Alt mach Neu“ zählt auch eine Münchner Gastronomie-Legende zum „jungen“ Thai-Trend: Nitaya, die 1977 das erste thailändische Lokal der Stadt eröffnete und wegen ihrer meisterlichen Kochkunst vom Feinschmecker zur Besitzerin des „besten Thai-Restaurants Deutschlands“ gekürt wurde, ist vor gut einem Jahr nach Englschalking umgezogen.

Ihr „Nitayas“ dort ist klein aber fein, frei von jedem asiatischen Überfluss und öffnet sich in einer Glasfront hin zum „niedlichen“ Garten, wie sie ihn selbst beschreibt. Wenn sie nicht gerade im Drehrestaurant des Olympiaturms in der Reihe „Frauenpower“ kocht, steht sie nach wie vor selbst in der Küche.

Dauerhaft ausgebucht ist auch das streng gehaltene, dunkel möblierte „Kun Tuk“ in der Amalienstraße. Gleich hinter der Uni, da wo früher eine alte Studentenkneipe ihre Fans hatte, brummt jetzt täglich der Laden mit Leuten, die ihre Rechnung sicher nicht vom Bafög bezahlen.

Wie in allen Thailändern – auch den alteingesessenen (wie dem golden glänzenden „Shida“ in der Klenzestraße oder dem ruhigen und dezenten „Benjarong“ in der Falckenbergstraße) sind die Preise ebenso gepfeffert wie die Hauptgerichte. Aber was soll’s in diesen Tagen, da ohnehin jeder pleite ist: lieber Trendkost mit Feuer als in seine Trennkost Geiz und Wasser heulen.

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