Von Kurt Sontheimer

Am Beispiel des Geschwister-Scholl-Instituts illustriert Kurt Sontheimer, wie Bayerns Universitäten kaputt gespart werden.

 
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Der Autor lehrte von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1993 Politische Wissenschaften am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München.

Der Ministerpräsident dieses Landes hat den bayerischen Hochschulen zur Auflage gemacht, ihren Etat für das kommende Jahr um ganze zehn Prozent zu kürzen, kein freundliches Entrée-Billet für den neuen Wissenschaftsminister Thomas Goppel.

Doch dieser scheint den Willen seines Regierungschefs brav exekutieren zu wollen, in dem er der Einfachheit halber die Order an die Universitäten weitergibt, die ihm am 22. Dezember, wenn keine Studenten und Dozenten mehr da sind, um Protestmärsche zu veranstalten, mitteilen sollen, wie sie die verlangten Kürzungen bewerkstelligen werden.

Warum Edmund Stoiber, der nicht müde wird, die Qualität der in seinem Lande betriebenen Wissenschaft und Forschung zu preisen, ausgerechnet den Hochschulen eine solche Schrumpfkur verordnet, ist schwer zu begreifen, außer man vermutet, dass es ihm für seine auf das höchste politische Amt dieser Republik zielende politische Planung günstig erscheint, den Freistaat Bayern als ein nachahmenswertes Beispiel für verantwortungsvolle Sparpolitik in der gesamten Bundesrepublik erscheinen zu lassen.

Was für Verheerungen er damit im einzelnen anrichtet, sei hier am Beispiel des Geschwister-Scholl-Instituts für Politische Wissenschaft der Universität München (GSI) geschildert, gewiss nur ein Mosaiksteinchen im Kosmos der bayerischen Universitätslandschaft, aber doch von starker Aussagekraft für die Fehlentwicklung der Hochschulpolitik im bayerischen Musterfreistaat (siehe den Beitrag des Soziologen Armin Nassehi über „Stoibers ruinöse Bildungspolitik“ in der SZ vom 18. November).

Ich habe diesem Institut 24 Jahre als Professor angehört und bin deshalb nicht unempfindlich gegenüber dem Schicksal, das dem Institut mit diesem verpflichtenden Namen im Zuge der von Ministerpräsident Stoiber oktroyierten Kürzungsmaßnahmen bereitet wird, oder sagen wir vorsichtiger: bereitet zu werden droht.

Blindheit oder Gleichgültigkeit

Am GSI studieren zur Zeit 2 800 Studenten Politische Wissenschaft im Haupt- oder Nebenfach, eine enorme Zahl. Auf dem Papier verfügt das Institut, dem bei seiner von Hans Maier angeregten, von der bayerischen Staatsregierung intensiv geförderten Gründung die Vision mitgegeben wurde, das Institut möge zu einem herausragenden Zentrum für die politologische Forschung und Lehre in der Bundesrepublik werden, noch über acht Lehrstühle – doch nur drei davon sind besetzt.

Für einen vierten Lehrstuhl erging der Ruf an den Philosophen und zeitweiligen Politiker Julian Nida-Rümelin, der dringend gebraucht würde, kurioserweise jedoch vom Ministerium kein Angebot bekommt, um die Berufung perfekt zu machen.

Für die übrigen vier Lehrstühle, die jüngst durch Emeritierungen frei wurden, war vom Institut in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium ein Strukturplan erarbeitet und verabschiedet worden, der das GSI endlich wieder voll funktionsfähig machen sollte. Berufungskommissionen wurden eingesetzt, die die notwendigen Neubesetzungen vorbereiten sollen und die kurz vor dem Abschluss ihrer Arbeit stehen.

Doch alle diese Bemühungen, die auf eine von Minister Zehetmeier eingerichtete hochkarätige Evaluierungskommission der von dieser teilweise kritisierten Arbeit des Instituts zurückgehen, scheinen für die Katz’ gewesen zu sein. Denn der jetzige Präsident der Universität, ein Nationalökonom, hat in seinem Bestreben, dem von der Politik verordneten Sparplan zu willfahren, in den freien Lehrstühlen des GSI, denen etliche freie Assistentenstellen zugeordnet sind, eine freie Verfügungsmasse entdeckt, die er in seinen Sparstrumpf stecken möchte. Damit wären sie verloren.

Zwar hat er eine Sparkommission zusammengerufen, die sich um Kriterien für eine sinnvolle Durchführung des Stellenabbaus bemühen sollte, aber diese ist, wie fast immer bei Universitätsgremien, nicht fündig geworden, denn jedes Fach, jede Fakultät in ihrem jeweiligen Bestand, hält sich für unantastbar und ist bestrebt, dem Sparzwang auszuweichen, auch wenn die Kollegen anderer Disziplinen um so stärker dafür bluten müssen, doch das ist ihnen egal.

So werden die Entscheidungen über den insgesamt unverantwortlichen Abbau der LMU weitgehend vom Zufall regiert, je nachdem, wo gerade die freien oder befristeten Stellen zu finden sind. Deshalb steht zu befürchten, dass dem GSI eine schwere Amputation bevorsteht, die zwar nicht zu seiner Schließung, wohl aber zu einer unverantwortlichen Vernachlässigung seiner vielen Studenten, zur Verhinderung der dringend gebotenen Auffrischung in Lehre und Forschung und damit zu einem kümmerlichen Dahinvegetieren am Rande des Englischen Gartens führen wird. Das ist die Umkehrung der Vision, das traurige Ende eines der frühesten und wichtigsten Institute politischer Wissenschaft in der Bundesrepublik.

Vom Präsidenten ist da nicht viel Hilfe zu erwarten, denn er hat die Sache als erster öffentlich gemacht und, was noch schlimmer ist, er scheint keine eigene Konzeption für seine Universität zu haben, die es ihm in dieser für ihn gewiss schwierigen Situation erlaubt, rationale Entscheidungen zu treffen und Wichtiges vom weniger Wichtigen zu unterscheiden.

Damit kann er auch nicht der Politik, die im Begriff ist, die Universitäten kaputt zu sparen, mit einer Autorität, die sich der Idee der Universität bewusst ist, entgegentreten. Er beugt sich zu selbstverständlich dem Diktat des Ökonomischen, mit dem nun die Universitäten gegängelt werden sollen.

Leider ist vom Wissenschaftsminister, der es ja in der Hand hätte, Prioritäten zu setzen und dem Spiel des Zufalls zu wehren, auch nicht zu erwarten, dass er seinen Einfluss geltend macht, um die schlimmsten Folgen der Sparbeschlüsse abzuwehren oder sie im Interesse der Universitäten noch zu modifizieren.

Denn dies würde voraussetzen, dass er weiß, dass Universitäten mehr sind als Ausbildungsanstalten, die in möglichst kurzer Zeit und mit möglichst geringem Personalaufwand einen möglichst hohen Output an Studenten produzieren sollen.

Ich fürchte, dass Herr Staatsminister Goppel vorwiegend in den heute so gängigen Kategorien der Effizienz und des Marktes denkt, anstatt sich von einem Buch wie dem von Karl Jaspers über „Die Idee der Universität“ inspirieren zu lassen.

Doch man darf auch bei ungünstig erscheinenden äußeren Bedingungen eine gute Sache nicht verloren geben. Dies gilt auch für die Situation des Geschwister-Scholl-Instituts, dem die Möglichkeit nicht genommen werden darf, seine Studenten anständig auszubilden, ihnen qualifizierte Professoren an die Seite zu geben, die dem Institut über die Hörsäle hinaus, dank ihres Fachwissens und ihres Engagements für die Wahrheit auch in der Politik, öffentliche Wirkung und Ansehen verschaffen können.

Daran hat es in der Vergangenheit, wie ich selbst erfahren musste, wegen interner Querelen und einem Hang zum Mittelmaß und vor allem wegen fehlender akademischer Selbstkontrolle manchmal gehapert. Doch das Geschwister-Scholl-Institut nun, sei es aus gedankenlosem Zufall, sei es aus Gleichgültigkeit gegenüber einem für unsere Demokratie ganz unentbehrlichen Fach, gefährlich amputieren zu wollen, das kann und darf nicht hingenommen werden. Es wäre ein alarmierendes Zeichen für das Ende einer verantwortungsvollen Hochschulpolitik im Freistaat Bayern.

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