10. Todestag von Rudolph Moshammer Spezialisiert aufs Schillern

Eine PR-Agentur, die ihn wunderbar als Wiedergänger von Ludwig II. hätte vermarkten können, hatte Rudolph Moshammer nicht nötig.

(Foto: Reto Zimpel/dpa)
  • Vor zehn Jahren wurde der Münchner Modezar Rudolp Moshammer ermordet in seiner Villa in Grünwald aufgefunden.
  • Noch immer spielt der Exzentriker eine wichtige Rolle im kollektiven Gedächtnis, gelegentlich wird er als "letzter Paradiesvogel" verklärt.
Von Christian Mayer

Diese schwarz bis bläulich glänzende Lackfrisur mit den kunstvoll über der Stirn drapierten Strähnen. Dieser mit äußerster Sorgfalt gepflegte Schnurrbart. Diese im zunehmendem Alter bauchigeren Kaschmir-Sakkos. Diese violetten Einstecktücher, diese blau getönte Brille, dieser Hund in der Handtasche, der Yorkshire-Terrier mit dem Namen Daisy. Dazu dieser angenehm warme, leicht narkotisierende Münchner Tonfall, diese huldvolle Art, das Volk auf der Straße mit erhobenen Armen zu grüßen: Rudolph Moshammer war ohne jede Frage ein Original, ein Unikat. Unverwechselbar, aber nicht unverwüstlich.

Es kommt selten vor, dass man in Erinnerungen an öffentliche Personen schwelgt, die bereits seit zehn Jahren tot sind, vor allem bei jenen Boulevardfiguren, die auf das Schillern spezialisiert sind. Bei Moshammer, der 1940 in München zur Welt kam, ist das anders, er spielt im kollektiven Gedächtnis immer noch eine Rolle, gelegentlich wird er als "letzter Paradiesvogel" verklärt. Vielleicht liegt das daran, dass er auf seine sehr farbenfrohe Weise doch ziemlich echt war.

Münchner Paradiesvogel und Modezar

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Der Modemacher, Selfmade-Unternehmer und Society-Mensch R. M. - sein Rolls Royce trug natürlich dieses Kennzeichen, mit der 111 als Ergänzung - blieb sich und München treu. Genauso treu sorgte er auch für die Menschen unter den Brücken, die er mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen unterstützte. Auch diese soziale Ader wirkte bei ihm glaubwürdig, sie hatte ihren Grund wohl auch in dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater: Der hatte finanziell Schiffbruch erlitten und war vom Direktor einer Versicherung mit standesgemäßer Zehnzimmerwohnung in der Widenmayerstraße zum wohnungslosen Trinker abgestiegen. Moshammers enge Bindung an seine Mutter Else, die mindestens so flamboyant auftreten konnte wie ihr Sohn, resultierte auch aus den bitteren Erfahrungen in seiner Jugend.

Der Bussi-Promi schlechthin

Das Publikum kannte viele Moshammer-Geschichten, denn der Modemacher wurde nie müde, seinen Werdegang selbst immer wieder zu referieren, seine Begegnungen mit Lieblingskunden wie Arnold Schwarzenegger, José Carreras oder Alfonso zu Hohenlohe, die in seinen Glanzzeiten die Boutique in der Maximilianstraße aufsuchten. Moshammer schrieb seine eigene Legende, und weil sein Wiedererkennungswert groß genug war, schaffte er in den Achtzigerjahren den Sprung in die nationalen Medien - fortan rangierte er als der Bussi-Prominente schlechthin.

Hätte einer wie er heute eine Chance auf eine Karriere im Rampenlicht? Moshammer führte ein Leben zwischen Oktoberfest-Vip-Box, "Wetten, dass. . ." und der "Harald-Schmidt-Show", und das Bemerkenswerte daran war, dass er eigenständig operierte, ohne PR-Agentur, die ihn als Wiedergänger des Märchenkönigs Ludwig II. hätten vermarkten können. Das Mosi-Business blieb seine Sache, bis zu seinem Tod am 14. Januar 2005 - seine Arglosigkeit hatte ihn dazu verleitet, einen jungen Liebhaber mit in sein Grünwalder Haus zu nehmen, wo er dann mit einem Telefonkabel erwürgt wurde.

"Das Opfer hatte keine Chance"

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Zehn Jahre nach seinem Tod hat sich die Medienwelt, hat sich auch die Gesellschaft sehr verändert. Der Aufstieg eines barocken Exzentrikers, der nach seinen eigenen Regeln spielt, wäre heute eher unwahrscheinlich. Andererseits: Wäre der Mann mit dem schwarz schimmernden Mittelscheitel heute noch aktiv, er würde wahrscheinlich twittern, was das Zeug hält. Ins Dschungel-Camp würde er aber eher nicht gehen, zumindest nicht ohne Butler, Hair-Stylisten und Chauffeur.

Exzentrik als Maßstab

München hat nach seinem spektakulären Abgang tatsächlich etwas verloren. Was aber nicht heißt, dass es keine Originale mehr gibt. Sie sind nur nicht mehr so präsent und so exaltiert. Der ehemalige Wiesnwirt Richard Süßmeier und die aktuellen Wiesnwirte Toni Roiderer und Wiggerl Hagn, die Regisseure Helmut Dietl und Franz Xaver Bogner, der Klatschreporter Michael Graeter, die Hotelbesitzerin Innegrit Volkhardt, die Kabarettisten Ottfried Fischer, Helmut Schleich, Christian Springer, Andreas Giebel und Luise Kinseher, der Fußballspieler Thomas Müller (okay, er kommt aus Pähl, aber das ist ja fast schon eine Außenstelle der Landeshauptstadt) - sind das nicht ganz eigenwillige Figuren auf der Münchner Bühne?

Den Giesinger Franz Beckenbauer müsste man natürlich auch nennen, wenn er nicht eine Helikopter-Existenz führen würde. Und was ist mit dem derzeit berühmtesten Münchner Kindl, dem Schauspieler Elyas M'Barek, der immer noch gerne durchs Gärtnerplatzviertel flaniert?

Okay, mit Rudolph Moshammer können es die Genannten nicht ganz aufnehmen, wenn man die Exzentrik zum Maßstab macht. Und ein paar bunte Vögel mehr könnte diese Stadt ganz gut vertragen. Mal ehrlich: Mosi fehlt.