Seine Band Ton Steine Scherben war Vorreiter der Independent-Szene, später wurde Rio Reiser als "König von Deutschland" berühmt. Die Kammerspiele feiern seinen 60. Geburtstag.
So war das ja nicht geplant: zum Karriere-Start ein Rockfestival abfackeln. Aber wenn es nicht anders ging? Ton Steine Scherben aus Berlin waren eine der unbekannten Bands, die um Jimi Hendrix herum als Garnitüre für das Fehmarn-Open-Air 1970 gebucht waren und mit ungedeckten Schecks und guten Worten nicht hinters, sondern ins Scheinwerferlicht geführt werden sollten: damit sie dem wegen der schlechten Organisation eh schon angenervten Publikum ein wenig die Zeit vertrieben. Nicht mit den Scherben aus Kreuzberg.
Bild vergrößern
Heuer wäre Rio Reiser 60 Jahre alt geworden. Die Kammerspiele feiern seinen nun seinen 60. Geburtstag. (© Foto: ddp)
Anzeige
"Ungespitzt in den Boden gehauen" gehörten solche Geschäftemacher, war von Sänger Rio Reiser über die PA zu hören; beim dritten Lied wurde das Organisationsbüro gestürmt, beim fünften Song brannte die Bühne: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!"
Ein Mythos war geboren, der Mythos von einer anarchistischen Band aus Berlin, die deutsch singt und dabei ernst macht mit den Jagger-Parolen vom "Streetfighting Man". Endlich. In Turnhallen traten die auf, so hörte man, und in der TU-Mensa, nicht in Konzertsälen oder Clubs; sie forderten auf, gegen Springer zu kämpfen und die CDU und die Scheiß-Bullerei; sie waren dabei, wenn Häuser besetzt wurden und wenn es bei Demos abging: "Keine Macht für Niemand!"
Als fast alle links waren
Es war die Zeit der sich radikalisierenden Studentenbewegung, die durchaus in viele nicht-akademische Schichten hineinwirkte. Lehrlinge, Arbeiter, Lehrer, Schüler, Künstler solidarisierten sich mit den Zielen der Linken wie seit vierzig Jahren nicht mehr - es brauchte die ganze integrative Kraft der SPD eines Willy Brandt und die letztlich doch abschreckende Wirkung des RAF-Terrors, um diesen gesamtgesellschaftlichen Konsens, dass es Zeit sei, etwas grundlegend zu verändern an dieser Bundesrepublik, zu kanalisieren, zu entschärfen, als demokratisches Langzeitprojekt kenntlich zu machen und die Leute, die lauthals mitsangen, dass man dem ersten "Bullen, der hier aufkreuzt", auf die Finger haut, wurden mit den Jahren weniger, auch weil man sah, dass dieses Auf-die-Finger-Hauen inzwischen Mordüberfälle mit Sprengsätzen und Maschinenpistolen mit einschloss.
Auch die von Rio Reiser, Kai Sichtermann, Wolfgang Seidel und R.P.S. Lanrue gegründeten Scherben mussten hautnah erleben, dass man eine revolutionäre Anspannung nicht beliebig lange aufrechterhalten kann: Weil die linke Szene in Berlin und Frankfurt sie ständig mit Forderungen nach kämpferischer Präsenz zermürbte, weil das ewige Dahinfretten am Existenzminimum irgendwann nervte, weil man nicht jeden zweiten Dienstag im Monat eine neue Polit-Parole mit dem Pathos des "Rauch-Haus-Songs" abzuliefern in der Lage war, reimte Rio Reiser 1975: "Der Spaß ist kurz, ein Leben lang", und die ganze Truppe zog aufs Land, eine von vielen Landkommunen, die damals entstand.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Rio Reiser RSS
Bundespräsident Gauck in Israel
Die neueste Antwort