Frankreich hadert mit sich selbst - und ist deshalb vom deutschen Leerverkaufs-Verbot umso mehr irritiert. Kommt Präsident Sarkozy die europaweit harsche Kritik an Merkel zupass?
Die europäische Integration, man erinnere sich, ging von Frankreich aus. Robert Schuman und Jean Monnet gaben im Mai vor 60 Jahren den Anstoß zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Von Anfang an war der Leitgedanke, Deutschland künftig einzubinden, um den Kontinent vor neuem Unheil zu bewahren. Der Einigungsprozess vollzog sich anschließend vor allem auch aus einem Grund recht harmonisch: Frankreich fühlte sich der Einbindung Deutschlands sicher. Dieses Gefühl ist in der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise abhanden gekommen.
Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel - wohin steuert Europa? (© Foto: Reuters)
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Frankreich ist verunsichert über das "neue Deutschland", das angeblich "ohne Komplexe" auftritt, einen "Sonderweg" einschlägt oder sogar "näher an den Ural" rückt. Deutschland braucht Europa nicht mehr, klagen die Kommentatoren. Als x-tes Beispiel ziehen sie das deutsche Verbot für ungedeckte Leerverkäufe heran. Die französische Finanzministerin zeigte sich "irritiert" über den "deutschen Alleingang".
Die Irritation wäre nur halb so groß, wenn Frankreich gleichzeitig nicht auch zutiefst verunsichert über sich selbst und über seine eigene Kraft wäre, die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise zu meistern. Das Land wird geradezu aufgefressen von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen gerade gegenüber dem exportstarken deutschen Mittelstand. Den hätte man auch gerne und verkündet daher die Exportmarke "Made in France".
Andererseits rühmt sich Frankreich stolz seines soliden Bankensektors und gibt vor, besser als alle anderen aus der Krise zu kommen. Insgeheim träumt die politische Elite davon, die Führungsrolle in Europa zu übernehmen. Ein Ziel, dem man sich zu nähern glaubt allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung. 2050, so heißt es, werde Frankreich Deutschland als bevölkerungsreichstes Land ablösen.
"Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt" - wären diese erratischen Gefühlsschwankungen nicht von Goethe in Worte gefasst worden, sie hätten von einem zeitgenössischen französischen Schriftsteller stammen können. Niemand verkörpert dieses Im-Unreinen-mit-sich-Sein besser als der derzeitige französische Präsident. Im Herbst 2008 mimte er den Weltenretter, nun inmitten der Griechenland- und Eurokrise, ist es merkwürdig ruhig um ihn geworden. Seit der Niederlage bei den Regionalwahlen im März schickt er, welch ein Paradigmenwechsel, seine Minister vor.
Doch auch die geben Zeugnis über die französische Widersprüchlichkeit ab: Die Finanzministerin geißelt die deutschen Exporte als illoyal, des Industrieministers neue Strategie indes lautet, eben jenem Exportmodell nachzueifern. Die Finanzministerin hält den Euro nicht für bedroht, der Haushaltsminister sah ihn in "Lebensgefahr". Mehrere Minister warnen vor einem deutschen "Spardiktat" für Europa, der Premierminister ruft dazu auf, 100 Milliarden Euro zu sparen. Das Frankreich unter Sarkozy weiß nicht mehr, wie es sich gegenüber diesem unbekannten Gebilde rechts des Rheins verhalten soll.
Manches wirkt deswegen ungewollt linkisch, hilflos und inkohärent. In Deutschland glauben führende Ökonomen wie Hans-Werner Sinn, Frankreich habe die Bundeskanzlerin beim Spannen des 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirms über den Tisch gezogen. Doch dafür gibt es keine Belege. Solche Unterstellungen gehören dringend ausgeräumt.
Andererseits stimmt es, dass der sonst nicht wortkarge Präsident Angela Merkel mit keinem Halbsatz in Schutz nimmt, wenn die französische Presse unablässig auf sie eindrischt. So wird man den Eindruck nicht los, ihm komme die europaweit harsche Kritik an ihr sogar zupass. Aber mit welchem Nutzen? Um anschließend wie Phönix aus der Asche aufzusteigen? Der Präsident ist zu lange im Geschäft, um sich auf dieses waghalsige Kalkül einzulassen. Es wäre gleichwohl an der Zeit, dass Frankreich mit sich und Deutschland ins Reine kommt. Europa täte das gut. Denn die Regel, wonach sich Frankreich und Deutschland am Ende immer einigen, wäre eine schlechte Regel, würde das nur noch mit der Brechstange gelingen.
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(SZ vom 21.05.2010/mel)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen
SZ/Michael Gläsgen: "Es wäre gleichwohl an der Zeit, dass Frankreich mit sich und Deutschland ins Reine kommt. Europa täte das gut. Denn die Regel, wonach sich Frankreich und Deutschland am Ende immer einigen, wäre eine schlechte Regel, würde das nur noch mit der Brechstange gelingen".
Es gelingt nciht mit der Brechstange, sondern nach der allseits bekannten Regel: L´Allemagne payera - Deutschland wird bezahlen.
Und das verträgt sich mit dem französischen Selbstverständnis ohne weiteres.
Habe gestern im Fernsehen die Pressekonferenz zwischen Sarkozy und Cameron verfolgt. Das war ein ganz schrecklicher Auftritt von Sarko, der aussah als stünde er kurz vor einem Nervenzusammenbruch: Er hat ständig grimassiert, sichtbares nervöses Zucken, Blinkern, Kopf und Schultern wegdrehen, hat während der Pressekonferenz lange Zeit nach unten geschaut, anstatt Cameron anzusehen (der i.ü. recht gelassen wirkte). Wie soll denn so ein Auftreten Vertrauen erwecken in die Führung des Landes?
Ich glaube, er weiss, dass wenn Merkel sagt, der Euro ist in Gefahr, sie auch meinen kann, wir treten eh bald aus hier und dann könnt ihr mal sehen wie es weitergeht.
Hat wohl zu hoch gepokert mit seinem Auftritt bei den Verhandlungen zur Euro-Rettung. Merkel hat keine Zeit mehr für den Elysee Zwerg und seinen als Finanzminister agierenden Scharfschiesser Lagarde. Sarkos Parteifreund Strauss-Kahn hat Probleme mit dem IMF, denn in Amerika hat man keine Lust, auf eine Rettung Griechenlands. Viele sehen gar keine Rolle für den IMF. Hat Strauss-Kahn nur deshalb Hilfe angeboten, weil sein Landsmann Sarkozy sonst Merkel überhaupt nicht hätte überzeugen können?
Strauss-Kahn soll politisch unabhängig sein, das ist er aber eindeutig nicht. Er muss sich wieder ein wenig von Frankreich distanzieren.
Der nächste Schlag kommt vonn der EZB. Trichet steht von den deutschen Bundesbankern unter Beschuss, die haben gegen den Ankauf von Staatsanleihen gestimmt. Trichet soll eher von einem Bundesbank-Mitglied abgelöst werden, als geplant. Dann hat Deutschland dort auch bald das Sagen.
Sarkozy hat noch mehr Trümmer um sich als Merkel, da ist es doch recht und billig ein wenig zu lästern.
... war ja seinerzeit eine der Haupttriebfedern für die Einführung des Euro, speziell für den damaligen Monsieur le Président François Mitterrand.
Frankreich bzw. die französische Politik sollte die DDR als mahnendes Beispiel nehmen: Auch zu deren wirtschaftlichen Niedergang hat das ewige Konkurrenzverhältnis zu Westdeutschland erheblich beigetragen. Man konnte sich dort nicht damit begnügen zu sagen: Wir sind unter der zehn bedeutendsten Industriestaaten der Welt. Wie versuchen darauf aufzubauen, uns weiterzuentwickeln, besser zu werden. Nein, man musste sich dauernd an der BRD messen. Das war zum Scheitern verurteilt und führte letztendlich dazu, dass man sich in vielen Bereichen übernommen hat.
Auch in Frankreich schaffen es viele nicht sich zu sagen: Wir sind gut Wir sind unter den fünf, sechs wichtigsten Industriestaaten der Welt! Lasst uns darauf aufbauen und unsere eigene Entwicklung vorantreiben. Nein, man setzt Alles daran, in allen Aspekten und überall mit Deutschland gleichzuziehen, arbeitet sich dabei auf und entwickelt Komplexe.
Auch in der Privatwirtschaft funktioniert das nicht: Siehe Toyota! Dort wollte man auch nur der größte Autohersteller der Welt werden, wollte nur GM überholen und sich dann zurücklehnen und die Weiterentwicklung einstellen. Dabei hat man dann Alles auf 's Spiel gesetzt, was man bisher erreicht hatte.
Leider wird VW den selben Weg gehen. Dort hat man auch nur das Ziel bis 2018 der Größte zu werden und verkauft das auch noch als "Strategie".
War es nicht gerade wegen den gigantischen Krediten französischer Banken an den griechischen Staat, dass die natürliche und richtige Lösung, ein griechischer Staatsbankrott, verhindert werden sollte?
Das Hilfspaket wurde auf französischen Druck (aber nicht NUR französchen) als Rettung des Euros verkauft. Und in Deutschland haben alle Mikrofonhalter diese Meinung multipliziert.
Ich glaube, dass Sinn diesmal den Nagel auf den Kopf trifft.
Das ist für mich eine irritierende Sichtweise, in der Staaten Personen oder Familien gleichgesetzt werden, die übrkreutz liegen.
Sowohl in F als auch in D bündeln die Regierungen gewisse Interessen und nehmen diese im Rahmen ihrer bilateralen oder multilateralen Aktivitäten mal besser mal schlechter war. DieKontakte von der einen auf die andere Seite des Rheins sind mittlerweile durchaus so gut ausgebaut, dass man sich in Deutschland ein differenziertes Bild über Herrn Sarkozy, und in Frankreich ein differenziertes Bild über Frau Merkel machen kann, ohne Komplexität der Vielfalt der politischen Meinungen in beiden Ländern aus den Augen zu verlieren.
Wenn Herr Kläsgen der Meinung ist, dass Frau Merkel eine gute europäische Politik macht und dafür von seinen Kollegen, in diesem Fall in Paris zu Unrecht getadelt wird, täte er Deutschland, Frankreich und Europa einen Dienst, wenn er die Kritik als Kritik entschärfen würde, und zwar ebenso wie er das ggf auch gegenüber seiner Meinung nach ungerechtfertigter Kritik von Kollegen in Berlin oder Frankfurt täte, anstatt diese als Unbotmässigkeit darzustellen, die durch Intervention des Staatspräsidenten auszuräumen ist.
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