Fußball-WM Wie Brasilien die Seleção überhöhte

Das Weltturnier steuert seinem Ende entgegen und der Gastgeber muss zuschauen. Arroganz und Überheblichkeit - das sind die Gründe für die furchtbare Niederlage gegen Deutschland. Die Bevölkerung war nicht auf das vorbereitet, was für alle Sportarten gilt: Einer gewinnt, und einer verliert.

Eine Außenansicht von Leonardo Boff

Das Halbfinale-Spiel Brasilien gegen Deutschland am 8. Juli in Belo Horizonte endete mit einem verdienten Sieg der deutschen Mannschaft und einer vernichtenden, beschämenden Niederlage des brasilianischen Teams. Sie ist in der hundertjährigen Geschichte des brasilianischen Fußballs ohnegleichen.

In allen Städten des Landes hatten die Menschen Straßen und Plätze bevölkert, Millionen waren es. Die meisten waren in grün-gelben Nationalfarben gekleidet; sie verbreiteten nationale Euphorie. Unter keinen Umständen hatten sie sich eine solche Demütigung auch nur im Entferntesten vorstellen können. Doch das Unvorstellbare geschah. Und das hat auch viel mit dem Land und seiner Kultur zu tun.

Es gibt aus meiner Sicht mehrere Gründe für das 1:7-Desaster gegen Deutschland. Auch in Brasilien hatten viele einen deutschen Sieg erwartet. Die deutsche Mannschaft hat, wie andere europäische Mannschaften, das Spiel und seine Strategie modernisiert. In Europa werden die Spieler sorgfältig auf Ausdauer und Geschwindigkeit trainiert.

Sie werden zweitens so ausgebildet, dass sie auf vielen Positionen spielen können. Und drittens lernen sie, einen starken Teamgeist zu entwickeln. So gibt es in Europa hervorragende Spieler, denen es nicht darauf ankommt, als Stars herauszuragen. Sie wissen, dass sie nur dann gut sind, wenn sie mannschaftsdienlich spielen und Teamgeist haben. Dies Qualitäten verhalfen den Deutschen zum Sieg über Brasilien.

Und die brasilianische Mannschaft? Sie war in aller Munde, sie wurde überhöht. Die ganze Nation schien sich darin einig zu sein, dass wir die Heimat des Fußballs sind, dass wir fünfmal Weltmeister waren und deshalb auch das sechste Mal siegen würden. Haben wir nicht König Pelé und den Kronprinzen Neymar?

Die Medien haben Mythen, Heldenfiguren, Halbgötter und Götter geschaffen. Die Euphorie der großen Marketingagenturen hat die Bevölkerung angesteckt. Für die Mehrheit der Brasilianer war der Sieg so gut wie sicher. Was sollte passieren, wo doch das Spiel im eigenen Land ausgetragen wurde?

Zur Person

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff, 75, ist Fan der brasilianischen Nationalmannschaft. Den deutschen Fußball kennt er auch: 1970 studierte er in München.

Übersetzung: Sylvie Schoch

Die Euphorie, die quasireligiöse Überhöhung haben die Bevölkerung nicht auf das vorbereitet, was für alle Sportarten gilt: Einer gewinnt, und einer verliert. Die Mehrheit hätte sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass Brasilien jemals eine solch demütigende Niederlage würde hinnehmen müssen. Der Sieg wurde vorgefeiert, die Juchee-Juchee-Rufe schon vor dem Anstoß angestimmt. Auch, weil in einem sozial, kulturell und politisch so gespaltenen Land wie Brasilien der Fußball zu einer Art ziviler Religion wird, der alle anhängen, über alle Gräben hinweg.