Altkanzler Kohl gebührt Respekt - trotz allem

Altkanzler Helmut Kohl mit seiner Frau Maike Kohl-Richter, hier auf einem Archivbild aus dem September 2010

(Foto: dpa)

Helmut Kohl bekämpfte seine Gegner stets mit Inbrunst. Davon zeugt ein Buch, das Kohl verhindern will. Die Angelegenheit ist eine Tragödie: Der Altkanzler ist ein Spielball der Eifersüchteleien geworden.

Kommentar von Kurt Kister

Viele ältere Männer haben eines gemeinsam: Sie sind sich ihrer Weltsicht so sicher, dass etliche ihrer Urteile harsch bis verletzend ausfallen. Gewiss, manche Männer werden im Alter wenn nicht weise, so doch milde. Die Mehrzahl allerdings scheint mit wachsendem Alter stärker zu Rechthaberei und Nörglertum zu neigen. Besonders ausgeprägt ist dies bei jenen Männern, die schon früher die Welt gerne in Freunde und Feinde, Nützliche und Verräter einteilten.

Gerade Helmut Kohl, Kanzler von 1982 bis 1998, hatte bereits zu seinen aktiven Zeiten ein Gut-Böse-Weltbild, das er in manchmal sehr drastischer Sprache erläuterte. Es war die aggressive Selbstsicherheit eines Mannes, der sich von Medien, Neidern, Gegnern lächerlich gemacht sah, aber nach eigenem Empfinden hoch über diesem Pöbel thronte. Seine Art des Umgangs mit empfundenen Gegnern stachelte die Kritik nur noch weiter an. Um die Jahrtausendwende führte Kohl ein Rundum-Abwehrgefecht, weil auch Teile seiner Partei, darunter Wolfgang Schäuble und Angela Merkel, sich wegen seiner Sturheit in der Spendenaffäre von ihm abwandten. Kohl kämpfte mit wütender Inbrunst gegen das, was er für den Mainstream hielt - ein Muster, das jenen, die besonders Bescheid zu wissen glauben, eigen ist.

Spielball der Eifersüchteleien von Freunden und Feinden

Wie inbrünstig dieser Kampf war, lässt sich jetzt in einem Buch nachempfinden, über das der Spiegel in einer Art interpretierendem Teilvorabdruck berichtet. Kohl gab dem Autor Heribert Schwan in den Jahren 2001 und 2002 viele Interviews, die dieser für eine von Kohl gewünschte Biografie verwenden sollte. Weil der alte Kanzler, seit 2008 von einem schweren Sturz gezeichnet, und vor allem seine zweite Ehefrau Maike die Hoheit über die offizielle Kohl-Deutung behalten wollten, kam es zum Bruch mit Schwan. Ein Gericht zwang Schwan zur Herausgabe der Tonbänder, die Abschriften behielt er. Sie sind die Grundlage für das doppelte Abrechnungsbuch: Kohl rechnete in den Gesprächen mit vielen ab; Schwan rechnet durch die unerlaubte Veröffentlichung mit Kohl ab.

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Das Buch birgt nur mäßig Neues, aber die ganze Angelegenheit ist eine kleine Tragödie. Kohl wurde durch die Zeitenwende von 1989/91 unversehens ein historisch bedeutender Kanzler. Unabhängig von aller Kritik, die man mit Fug und Recht üben kann, bleibt mit seinem Namen der Prozess der deutschen Einheit, aber auch jener der Veränderungen in Europa verbunden. Und ja, die Tatsache, dass er bis heute gegen das Parteienfinanzierungsgesetz verstößt, ist sehr ärgerlich.

Leider ist Kohl ein Spielball der Eifersüchteleien seiner Freunde und Feinde geworden. Vielleicht kann er sich gegen den erdrückenden Schutz seiner Gattin nicht wehren; vielleicht will er es nicht, weil er sich bis heute von Feinden umgeben glaubt. Auf der anderen Seite nehmen ihm immer noch zu viele alte Gegner seine lange, bräsige Dominanz übel. Kohl hat viele verletzt, und er hat viel verloren. Trotz alledem gebührt ihm mehr Respekt - von den Seinen, aber auch von den anderen.

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