12. Oktober 2012, 12:28 Boom sozialer Einrichtungen Die Not kehrt zurück

Es wäre eine Katastrophe, wenn es die "Tafeln" nicht mehr gäbe. Aber es ist noch eine viel größere Katastrophe, dass es sie in unserem reichen Land geben muss. Ein Staat, der tausend Tafeln braucht, ist kein guter Sozialstaat.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Die große Angst vor der Armut

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Suppe wird dort nicht ausgeschenkt. "Die Tafel" ist keine Suppenküche im klassischen Sinn. Auf den Tafeln liegen Sachen, die man gut mitnehmen kann: Brot, Obst, Gemüse, Wurst - Verderbliches oft, kurz vor dem Ablaufdatum gespendet. Marmelade, Schokolade, Tütensuppe. Die Tafeln sind Einkaufsorte, nein Ausgabestellen für Leute, die sich ein normales Einkaufen nicht leisten können. Dort finden sie Lebensmittel und oft auch Kleidung. Wie nennt man Leute, die dort hingehen? "Kunden " klingt besser als "Arme". Es gibt immer mehr Kunden an immer mehr Tafeln. An manchen Tafeln zahlt man einen Euro am Eingang, an anderen fünf. So einen Obolus finden fast alle gerecht, die da anstehen. Das hilft gegen das Gefühl, es würde einem alles geschenkt. Man nimmt, was man kriegt. Viele sagen, sie hätten nie gedacht, einmal "so was" in Anspruch nehmen zu müssen.

Tafeln gehören zu den erfolgreichsten Einrichtungen in Deutschland. Sie expandieren wie sonst nichts. Sie expandieren, weil Not und Bedürftigkeit in Deutschland expandieren. Mehr als 900 Tafeln gibt es in Deutschland, dort versorgen eineinhalb Millionen Kunden sich und ihre Familienangehörigen. Soeben hat der Fiskus dafür gesorgt, dass das so weitergehen kann: Die Finanzämter verzichten darauf, dass die Spender auf ihre gespendeten Waren Mehrwertsteuer zahlen müssen. Der Staat hätte sich selbst geschadet, wenn er auf diese Weise den Tafeln geschadet hätte. Die nämlich bewirken, dass die Not in Deutschland nicht so laut schreit, wie sie das sonst täte. Die Tafeln breiten ein deutschlandgroßes Tischtuch über die Armut.

Es wäre eine Katastrophe, wenn es diese gemeinnützige Einrichtung nicht mehr gäbe. Es ist aber auch eine Katastrophe, dass es sie geben muss. Tafeln sollten dürfte es in einem der reichsten Länder der Erde eigentlich gar nicht geben. Die vielen Tafeln zeigen, dass die Not zurückgekehrt ist in ein reiches Land. Natürlich ist diese Not eine andere Not als die in Kalkutta. Die Armen in Deutschland sind relativ arm - sie sind arm dran. Armut in Deutschland hat viele Gesichter: Da ist der wegrationalisierte Facharbeiter, da ist die alleinerziehende Mutter, die den Sprung ins Berufsleben nicht mehr schafft; da sind Familien mit Kindern, Migranten, Niedriglöhner, Langzeitarbeitslose, Ein-Euro-Jobber und Rentner. All diese relativ Armen haben wenig gemeinsam, es verbindet sie nur Hartz IV. Die Hartz-Gesetze sind der große Hobel der deutschen Gesellschaft. All die relativ Armen, ob sie arbeiten oder nicht, verbindet das Faktum, dass ihnen das Geld zum Leben nicht reicht. Sie stehen für billige, ansonsten unverkäufliche Lebensmittel an.

Die Nutzer der Tafeln sind keine Randgruppe, weil eineinhalb Millionen Menschen keine Randgruppe sind. Das "Gesetz über die Grundsicherung von Arbeitssuchenden" (so heißt das Hartz-IV-Gesetz im Wortlaut) hat der deutschen Gesellschaft die Grundsicherheit genommen, die Sicherheit darüber, dass es in Deutschland eine ausreichende soziale Basis-Sicherung gibt. Hartz IV ist die Chiffre dafür, dass das Sichere nicht sicher ist. Und die Tafeln sind der Beleg: Ihre Zahl hat sich seit Einführung der Hartz-Gesetze vervielfacht. Wenn man von den Erfolgen dieser Gesetze redet - das gehört auch dazu. An den Tafeln kann man studieren, wie sich die Ungleichheit der Gesellschaft verändert, Nicht nur Arbeitslose kommen dahin, sondern auch Leute, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Die Spaltungslinien der Gesellschaft verlaufen nicht mehr nur zwischen arbeitenden und arbeitslosen Menschen. Sie verlaufen kreuz und quer. Auf diesem Kreuzund-Quer stehen die Tafeln.

Die Tafelbewegung ist wohl die derzeit größte Bürgerbewegung der Bundesrepublik. Mehr als vierzigtausend Menschen arbeiten ehrenamtlich dafür, dass Bedürftige ihr täglich Brot bekommen. Sie sammeln die Lebensmittel, die sonst als Biomüll entsorgt werden müssten. Davon profitieren die Bedürftigen und die Spender. Erstere haben was zu essen, Letztere ersparen sich Entsorgungskosten (zum Teil werden sie an die Tafeln weitergegeben, weil letztlich doch einiges im Müll landet). Und der Staat erspart sich ein Sozialsystem, das den Bedürftigen wirklich das gibt, was sie brauchen. Tafeln sind etwas Wunderbares, weil sie Pragmatismus mit Wohltätigkeit verbinden, weil die Idee, die hinter den Tafeln steckt, so verblüffend einfach ist. Aber: Soll man wirklich als Großtat der Bürgergesellschaft feiern, was eigentlich ein Armutszeugnis ist?

Tafeln sind ein Notbehelf, sie bieten Almosen, sie liefern die Krümel vom Überfluss, sie sind Gnadenbrot. Aber sie sind keine geeignete Antwort auf Not und Armut in einer reichen Gesellschaft - sondern Anklage. Wenn der Staat sich auf die Tafeln verlässt, verstößt er gegen seine soziale Fürsorgepflicht. Vielleicht sollten die Wohlfahrtsverbände, welche die Tafeln organisieren, einmal streiken. Armutsbekämpfung verlangt mehr als Barmherzigkeit. Ein Staat, der tausend Tafeln braucht, ist kein guter Sozialstaat.