Zukunft des Nachrichtenmagazins Rätselwochen beim "Spiegel"

Das Spiegel-Verlagsgebäude - über die Zukunft des Magazins ist heftiger Streit entbrannt.

(Foto: dpa)

Kann ein Chefredakteur gegen seine ganze Redaktion arbeiten? Und stützen die Gesellschafter des "Spiegel" Wolfgang Büchners Pläne wirklich? Der Gesprächsbedarf beim Hamburger Magazin ist weiter enorm.

Von Claudia Tieschky

Rudolf Augstein hat es gut gemeint. 1969, sieben Jahre nach der Spiegel-Affäre, als das Hamburger Magazin zum Inbegriff der Pressefreiheit geworden war und der Journalismus in der Bonner Bundesrepublik die Heldenrolle probiert hatte, bot er seinen Leuten Teilhabe am Magazin an. Fünf Jahre später erwarb tatsächlich die dafür gegründete Mitarbeiter KG des Spiegel die Hälfte des Verlagskapitals und ist seit November 1974 wichtigster Gesellschafter des Wochentitels; die Mitarbeiter profitieren von der Rendite, und ohne die KG geht gar nichts. Mit ihr manchmal auch nichts.

Der Spiegel ist dank Rudolf Augstein - diesen Umstand spürt der aktuelle Chefredakteur Wolfgang Büchner gerade deutlich - von keinem alleine qua Amt regierbar. Er ist es unter Umständen durch elaborierte Formen von Autorität und Bündnissen. Ein Chefredakteur ist gewissermaßen auch Angestellter der Mitarbeiter und der Spiegel deshalb ein Ziergarten demokratischer Mitbestimmung, oder mindestens - kleiner ging es nicht - "Eigentum der ganzen Republik". Das schrieb die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von den Grünen 1994 in der taz. Damals setzte Rudolf Augstein den Spiegel-TV-Mann Stefan Aust als Chefredakteur durch, gegen die Redaktion. Aust hatte Rückendeckung von Augstein und blieb umstritten, aber blieb.

Der Spiegel ist nicht Eigentum der ganzen Republik, sondern er gehört neben der KG (50,5 Prozent Anteile) dem Verlag Gruner + Jahr (25,5) und den Augstein-Erben (24). Das ist kompliziert genug, wenn sich die Frage nach der Machtbasis eines Chefredakteurs stellt; die publizistische Autorität eines Herausgebers gibt es seit dem Tod Rudolf Augsteins im Jahr 2002 nicht mehr.

Beim amtierenden Chefredakteur Wolfgang Büchner stellt sich die Frage nach seiner Macht inzwischen sehr deutlich. Mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter haben sich in einer Petition gegen Pläne ausgesprochen, die Büchner als eine Art Regierungsprogramm für die Zukunft des Spiegel ausgegeben hat. Kann er gegen eine solche Mehrheit der Redaktion arbeiten? Eine Mitteilung der Gesellschafter von Freitagabend gibt zudem Rätsel auf.

Die Erklärung betrifft ebenfalls Büchners Reformpläne für eine engere Verzahnung von Print und Online, die er unter dem Namen Spiegel 3.0 durchsetzen will. Was von den Gesellschaftern nach langer Sitzung am Freitag zu dem strittigen Konzept verbreitet wurde, stützt überraschend scheinbar die Position des Chefredakteurs auf ganzer Linie. Nur: Ist das wirklich so?

Über den Willen der Redaktion einfach hinweggesetzt?

Das Konzept löste vergangene Woche einen Eklat in der Redaktion aus, selbst über Streik wurde gesprochen, denn Büchner will alle Ressortleiterposten rasch neu ausschreiben - eine radikale Idee, um Führungsspitzen mit gemeinsamer Verantwortung für Print und Online zu etablieren.

Unter den Ressortchefs hat er mächtige Kritiker, spätestens, seit er den Bild-Journalisten Nikolaus Blome in die Chefredaktion holte; Büchner muss damit gerechnet haben, wie der Plan interpretiert wird: als Instrument, Gegner loszuwerden. Die hat er. Büchner gilt nicht als journalistischer Feuerkopf, Titelgeschichten über Bewegungsarmut, späte Elternschaft und Kopfschmerz erinnerten eher an den Nutzwertjournalismus des Focus.

Büchner bestreitet, dass es ihm darum gehe, Gegner loszuwerden. Die Lizenz zum Durchregieren brächte das Konzept dennoch, es ist eine Geste der Macht. Das haben sie beim Spiegel, wo die Mitarbeiter Eigentümer sind, auch genau verstanden. Vielleicht ist deshalb die Liste derer, die sich Büchner per Petition verweigern, nun doch lang geworden.

Vorigen Dienstag hatte Büchner seine Pläne, hinter denen auch Geschäftsführer Ove Saffe steht, der Mitarbeiter KG vorgestellt. Büchner und Saffe wünschten sich die Zustimmung der KG und das Ja der Gesellschafter vor Ablauf der Woche. An diesem Montag sollte Spiegel 3.0 der Redaktion vorgestellt werden - dass es dann schon ein fait accompli sein sollte, weist eine Spiegel-Sprecherin zurück. Es gehe um Dialog.

Tatsächlich kann sich Büchner Zerwürfnisse und Chaostage wie zuletzt nur bedingt leisten: Ein Pay-Konzept im Netz soll kommen, im Januar 2015 rückt der Spiegel-Erscheinungstag auf Samstag. Aber wozu ist Büchner denn nun tatsächlich ermächtigt? Am Freitag verbreiteten KG, G + J und Augstein-Erben, Spiegel 3.0 finde "die Unterstützung aller Gesellschafter". Man begrüße, dass "die Chefredaktion und die Geschäftsführung" das Projekt in Zusammenarbeit mit der Print- und Onlineredaktion umsetzen wollten.

Die fünf KG-Vertreter im Gesellschafterkreis bringt das in Erklärungsnot. Setzten sie sich über den Willen der Redaktionsmehrheit hinweg? Bis in den späten Freitagabend mühten sich KG-Vertreter im Verlagshaus an der Ericusspitze um Lese- und Deutungshilfen für Menschen, die beim Spiegel zu den führenden Journalisten des Landes zählen. In einer Mail der KG-Führung wurde verbreitet, es gebe "keinen Beschluss" der Gesellschafter, der das Konzept in der vorgesehenen Weise billige. Erst nach einer inhaltlichen Klärung über "Art und Ausgestaltung der Umsetzung wie auch einen möglichen Zeitpunkt und Zeitablauf" könne es einen Beschluss der Gesellschafter geben. Mit anderen Worten: Büchner habe sich keineswegs durchgesetzt. Als vielsagend wird auch empfunden, dass die Namen Büchner und Saffe in der Erklärung nicht fallen.

Büchner dagegen, das teilte eine Spiegel-Sprecherin mit, sei "sehr froh über diesen Beschluss", der bestätige, was der Chefredakteur vorgelegt habe, und "grünes Licht" gebe. Die Frage nach einer erforderlichen weiteren Zustimmung der Gesellschafter für die Pläne stelle sich nicht - "weil der Chefredakteur ohnehin nichts ohne Zustimmung der Gesellschafter tun wird". Büchner wolle nun mit der Redaktion von Print und Online sowie den Betriebsräten ins Gespräch kommen.

Er geht auf Werbetour. Vor der Redaktion wird Büchner am Montag verkünden, dass er sich für das Projekt bis auf Weiteres aus dem journalistischen Tagesgeschäft zurückzieht. Das wäre für einen Spiegel-Chefredakteur eine ganz neue Berufsbeschreibung.