Zeitungsmarkt Kernschmelze auf italienisch

Neuordnung am Kiosk: Mit der Fusion wanken Gewissheiten.

(Foto: Ralph Peters/imago)

Künftig erscheinen "La Stampa" und "La Repubblica" im selben Verlag. Die Meinungslandschaft formiert sich neu, viele Gewissheiten wanken. Einen dürfte das freuen: Premierminister Matteo Renzi.

Von Oliver Meiler

Die ganz großen Geschichten in Italien sind immer bunte Familiengeschichten, die schönen wie die tragischen. Und so lebt auch diese Geschichte, die von den drei großen politischen Zeitungen im Land und von deren Zukunft handelt, zunächst einmal von einer langen, intrigenreichen Familienfehde zwischen Turin und Rom. Bis vor Kurzem dachte man noch, der Streit würde ewig währen. Nun endet er in einer - nun ja - feierlichen Hochzeit.

Die Turiner La Stampa, gegründet 1867, bisher im Besitz der Familie Agnelli von Fiat und die Nummer drei am italienischen Zeitungsmarkt, schmiegt sich an das römische Blatt La Repubblica, gegründet 1976 und die Nummer zwei, die der Familie De Benedetti gehört. Die Titel bleiben zwar bestehen, kommen aber bald im selben Haus heraus, dem "Gruppo Espresso" der De Benedettis, der auch das gleichnamige Nachrichtenmagazin und zwei Dutzend Regional- und Lokalzeitungen verlegt. Allein die Zeitungen der Gruppe erreichen täglich 5,8 Millionen Leser, ihre Webseiten 2,5 Millionen Unique User. Gleichzeitig, und das verleiht der Fusion die Kraft einer Kernschmelze, verlassen die Agnellis den Aktionärsrat des Mailänder Corriere della Sera, der verschuldeten Nummer eins im Land. Bisher waren sie die größten Aktionäre des Corriere gewesen.

Da wanken also gleich viele alte Gewissheiten auf einmal. Die Meinungslandschaft Italiens formiert sich neu - zumindest jene, die sich noch immer an den großen, in der Krise kleiner gewordenen Zeitungen orientiert.

Abgezeichnet hatte sich der Deal vor zwei Monaten, als Repubblica für die Nachfolge ihres langjährigen Chefredakteurs Ezio Mauro den Kollegen von der Stampa holte, Mario Calabresi. Schon Mauro war von der Stampa gekommen. Und auch das passt ganz gut zur Geschichte: Bei aller Rivalität zwischen dem alten Blatt aus der nüchternen, eleganten Industriestadt am Fuß der Alpen und der jungen, frechen Zeitung mit ihrem Hang zur narrativen Üppigkeit aus der lauten, barocken Kapitale war man sich eben doch immer schon sehr nahe gewesen - zwangsläufig. Die beiden Familien, beide aus Turin, sind sogar verwandt miteinander, eingeheiratet.

Das aber hinderte ihre prominentesten Abkömmlinge nie daran, sich bei jeder Gelegenheit zu balgen, oft über die zwischengeschalteten Zeitungen. Gianni Agnelli, den sie in Italien "L' Avvocato" nannten, aber wie einen König feierten, und Carlo De Benedetti, auch als "L' Ingegnere" bekannt, weil er Ingenieur war und früher mal Olivetti leitete, den Hersteller von Bürogeräten und Computern aus Ivrea, liebten es, sich zu hassen. Agnelli holte De Benedetti in den Siebzigern zu Fiat, machte ihn zum Konzernchef, um ihn nur vier Monate später wieder zu entlassen. Seither machte Repubblica einen Sport daraus, Fiat in den Boden zu schreiben.

Als Gianni Agnelli 2003 starb, schickte ihm De Benedetti diese Würdigung nach: "Er war ein großer Botschafter des Landes, aber ein miserabler Unternehmer." In der Stampa erschien darauf ein unsignierter Leitartikel über den Zusammenbruch von Olivetti.

Auch das Engagement der Agnellis beim Corriere della Sera diente dazu, De Benedettis wachsender römischer Zeitungsmacht etwas entgegenzusetzen. Corriere und Stampa vertraten immer das liberal-konservative Bürgertum, die "Borghesia" der Finanzen und der Industrie im produktiven Norden Italiens - oder wie die Italiener sagten: die "poteri forti", die wahren Mächte im Land. Die Repubblica wiederum war immer das Blatt der progressiven und säkularen, urbanen und reformerischen Linken und zwei Jahrzehnte lang damit beschäftigt, sich an Silvio Berlusconi abzuarbeiten.

Die Nummer Eins im Land, der "Corriere della Sera" steht mit 350 Millionen Euro Schulden da

Für Matteo Renzi, den sozialdemokratischen Premierminister Italiens, ist diese Hochzeit also eine eher gute Nachricht. Die beiden Blätter aus dem nunmehr mächtigsten Verlagshaus im Land sind ihm wohlgesonnen, obschon sie ihn auch schon mal kritisieren. Der "Renzismus", dieser postideologische Regierungsstil, der sich nicht mit den alten Kategorien von links und rechts aufhält, entspricht dem Denken der neuen Chefredakteure in Rom und Turin.

Doch was wird aus dem Corriere della Sera? Die Zeitung hat sich mit einigen teuren Zukäufen in Spanien selber überfordert und steht nun, im 140. Jahr ihres Bestehens, mit 350 Millionen Euro Schulden da - und das trotz einer Reihe schmerzvoller Sparprogramme, einer Kapitalerhöhung und dem Verkauf des Buchverlags Rizzoli. Es kursiert das Gerücht, der Corriere könnte mit der Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore fusionieren, dem Blatt des Arbeitgeberverbands. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich zwei bisherige Kleinaktionäre, der Fernsehunternehmer Umberto Cairo oder der Modeunternehmer Diego Della Valle von Tod's, um die Mehrheit bemühen würden. Vielleicht würde der Corriere dann sein konservatives Profil zusätzlich schärfen, um sich einerseits von La Repubblica und La Stampa abzuheben und anderseits die schreierischen Blätter der ungemäßigten Rechten, Il Giornale und Libero, zu verdrängen. Auch das käme Renzi entgegen.

Einen persönlichen Triumph feiert nun Carlo De Benedetti, "L' Ingegnere", eine späte Revanche sozusagen - in Turin, dem Terrain des "Avvocato". Viel Widerstand gab es nicht. Die neue Generation der Dynastie Agnelli möchte sich ganz aufs Kerngeschäft konzentrieren: aufs Auto. Fiat ist Italien längst entwachsen. Gianni Agnelli sagte früher gern: "Was gut ist für Fiat, ist gut fürs Land." Das war auch lange Zeit wahr, ist jetzt aber lange her. Seit dem Zusammengehen mit Chrysler ist Fiat ein globaler Konzern. Unlängst kaufte man sich beim englischen Wochenmagazin The Economist ein, weil das internationale Heft besser zum neuen Selbstverständnis passt. Als Verleger in Italien ziehen sie sich aber ganz zurück, das ist ihnen wohl zu provinziell. Zu klein auch, zu teuer. Und nostalgische Symbole kümmern die neue Generation offenbar nicht - nicht einmal alte Familienjuwele wie La Stampa.