ZDF "Lieber Steffen Seibert, ..."

Die Bundesregierung brauche nun mal gute Leute - die Gewerkschaft Verdi im ZDF macht sich lustig über den politischen Aufstieg des TV-Stars Steffen Seibert.

Am 11. August beginnt er sein Amt, und er wird vermutlich ein gewandter Presenter der Nachrichten aus dem Hause Angela Merkel sein. So galant, wie er bisher die Nachrichten des ZDF bei heute und heute-journal dargeboten hat.

Zwei wurden Intendant

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Doch so ein Wechsel - vom behaupteten unabhängigen Journalismus direkt in die Hemisphäre der Kanzlerin-PR - wirft Fragen auf. Und so richten die Gewerkschaftskollegen von Verdi im ZDF einen vergiftet-netten Brief an Steffen Seibert, 50, der 22 Jahre für den Mainzer Sender gearbeitet hat. Er beginnt mit einem Hinweis auf die Intervention der Union mit ZDF-Verwaltungsrat Roland Koch an der Spitze, die im Ergebnis den bärbeißigen Chefredakteur Nikolaus Brender zum Kippen brachte.

Lieber Steffen Seibert, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Perspektive als Sprecher von Angela Merkel. Die Bundesregierung braucht endlich gute Leute - das sehen wir auch so. Nachdem die Bundeskanzlerin im vergangenen Jahr die Proteste gegen den Rausschmiss von Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur ignorierte, ist es besonders erfreulich, dass Sie als einer der Unterzeichner eines Protestbriefs in ihre Nähe gelangen. Sie haben jetzt die Chance ihr zu erklären, wie wichtig Staatsferne für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist und warum auf Redaktionen kein politischer Einfluss ausgeübt werden soll. In der Öffentlichkeit wurde oft behauptet, die CDU würde im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Karrieren beeinflussen. Ihre Berufung beweist, dass ein berufliches Fortkommen auch in umgekehrter Richtung möglich ist.

Voller Spottlust gibt die Verdi-Mannschaft im ZDF bekannt, den Wechsel des heute- und heute-journal-Anchor ganz ausdrücklich zu begrüßen. Seibert sei für das Personaltableau der Regierungskoalition "nicht nur eine große Bereicherung, sondern könnte ein erster Schritt sein, eine ganze Reihe unübersehbarer Kompetenzprobleme in Merkels Kabinett zu lösen". Die satirischen Vorschläge erinnern an Neues aus der Anstalt: "Wäre das Wirtschaftsressort nicht bei einem Wiso-Kollegen in besseren Händen? Und für das Außenministerium kämen gleich mehrere erfahrene Korrespondenten in Frage, die sogar Fremdsprachen beherrschen. Das Magazin Leute heute könnte eine telegene Familienministerin stellen."

Das ZDF hätte auch, so heißt es weiter, "mühelos Kandidaten vorschlagen können, die nicht nur diplomatisches Agieren auf schwierigem Terrain in großer Würde mühelos beherrschen, sondern sogar schon einschlägige Erfahrung im Verlesen von Fernsehansprachen mitbringen", so die Verdi-Journalisten.

Der Brief endet mit einem Verweis auf Ulrich Wilhelm, den bisherigen Regierungssprecher, der an die Spitze einer öffentlich-rechtlichen Anstalt rückt. Die Autoren schreiben an Seibert: Ihnen wünschen wir viel Glück, wenn Sie jetzt mit aller Kraft den Bürgern Merkels Politik vermitteln wollen. Journalisten sollen stets neugierig sein und auch die "andere Seite" kennenlernen wollen. Die alte Regel, derzufolge ein Wechsel vom unabhängigen Journalismus in die aktive Politik eine Einbahnstraße und eine Rückkehr ausgeschlossen sei, ist nicht mehr zeitgemäß. Ihr Vorgänger wurde zum Intendanten des Bayerischen Rundfunks gewählt. Wir freuen uns auf eine Rückkehr, Intendanten werden immer wieder gesucht.

Klar ist, dass Steffen Seibert offenbar im ZDF einige Freunde verloren hat. Schon Chefredakteur Peter Frey hatte sich mokiert, dass der TV-Journalist die im Sender erworbene Glaubwürdigkeit jetzt anderweitig nutzt.

Vielleicht hilft Seibert seiner neuen Chefin Merkel ja auch einmal aus, ihr wöchentliches Videoblog attraktiver zu gestalten - im Stil einer bekannten Nachrichtensendung.