W&V: Neuerungen bei Focus Weimer räumt Markworts Slogan ab

"Die Lage ist ernst, sehr ernst": Der neue "Focus"-Chef Wolfram Weimer informiert seine Redaktion über den neuen Kurs des Magazins. Ressorts werden neu zugeschnitten - Ziel sei ein "nachhaltiger Journalismus".

Von Lisa Priller-Gebhardt

Eigentlich war das heutige Get-Together der Redaktion, zu dem der neue Focus-Chef zusammen mit seinem Kollegen Uli Baur eingeladen hat, dazu gedacht, den Kollegen die Entscheidung pro oder contra Abfindungsangebot zu erleichtern.

Focus muss Personal abbauen, daher hat Magazingründer Helmut Markwort seinen 280 Mitarbeitern ein Abfindungsangebot unterbreitet. Für Schnellentscheider, die bis 30. Juni das Angebot annehmen, gibt es sogar eine Turbo-Prämie. Vor der Entscheidung aber hatten die Mitarbeiter gefordert, über die künftige Ausrichtung des Blattes informiert zu werden. Und so wurde das große Redaktionsgespräch zu Weimers Antrittsrede.

Am heutigen Dienstag lüftete also der neue Blattchef das Geheimnis und weihte die Mannschaft ein, wohin die Focus-Reise geht. Im Raum "Sydney", im Westin Grand Hotel an der Arabellastraße, das sich in Fußnähe zum Verlagsgebäude befindet, informierte Wolfram Weimer in einer Art Regierungserklärung über die unerfreulichen Tatsachen zur aktuellen Lage des Blattes.

Seinen künftigen Mitarbeitern erklärt er: die Lage ist "ernst, sehr ernst". Sein Lösungsansatz: Statt "Fakten, Fakten, Fakten" müsse es künftig "Relevanz, Relevanz, Relevanz" heißen. Denn Fakten finde man seit langem im Internet. Dazu brauche es keinen gedruckten Focus. "Im Zeitalter der Nachhaltigkeit brauchen wir nachhaltigen Journalismus", so der neue Focus-Chef.

In seiner Erklärung fordert er primär die "Rückeroberung der Deutungsmacht". Schaffen will er dies unter anderem auch mit Fremdautoren - und außerdem soll der Wettbewerb mit dem Spiegel wieder aufgenommen werden. Focus müsse ein Nachrichtenmagazin bleiben und zugleich ein Orientierungsmedium werden. Eine Mischung aus Economist und Paris Match strebt der neue Chef an. Daher muss der Focus künftig eine komplett neue Bildsprache lernen. Außerdem plant der frühere Cicero-Chef neue Ressorts, beziehungsweise neue Zuschnitte.

Die Bereiche Ausland und Inland werden zusammengelegt. Die Ressorts Medien und Modernes Leben wandern unter das Dach eines großen Kulturressorts, das Christine Eichel leitet. Die neu eingeführte Seite "Menschen" soll zu einem Ressort ausgebaut werden, ebenfalls neu dazu kommt das Ressort investigative Recherche, der Bereich Reportage fällt dagegen weg. Der Umbau des Focus werde "ein Prozess der kontinuierlichen Veränderung". Bis Januar 2011, pünktlich zum 18. Geburtstag des Titels, soll dieser abgeschlossen sein.

Darüber hinaus kündigt Weimer "strategische Partnerschaften mit internationalen Unternehmen" für den Austausch neuer Produkte an. Welche dies sein werden, lässt er jedoch offen.

In Weimers Fokus rückt auch eine vernetzte Medienstrategie. Bislang hätten sich Print und Online teils kannibalisiert. Das müsse sich ändern. Nach Weimers Willen sollen künftig auch die Print-Redakteure für den Netz-Auftritt schreiben. Außerdem will Weimer den Bereich Nebenprodukte ausbauen und das Thema Fernsehen angehen. Hier gibt es derzeit eine Lücke: Das Format Focus TV wurde Ende letzten Jahres eingestellt. Eine neue Talksendung mit ihm als Gastgeber wäre sicher nicht der falsche Weg, um den neuen Focus-Chef einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dass er das Moderatoren-Gen hat, stellte Weimer vor kurzem auf der Digitalkonferenz DLD unter Beweis.

Dem Focus-Gründer Helmut Markwort, der sich derzeit bei den Proben zu Jedermann in Frankfurt befindet, reicht Weimer symbolisch die Hand. Markworts Erbe solle bewahrt werden. Auch die politische Haltung werde beibehalten.