Wenn wir so weitermachen, also Schnelligkeit zum wichtigsten Qualitätskriterium des Journalismus machen, verspielen wir eine der wichtigsten Tugenden, die professionellen Journalismus ausmacht: Glaubwürdigkeit. Die Authentizität der Nachricht, die nachprüfbare Recherche ist für den Medienkonsumenten angesichts der ungeheuren Flut an Informationen von großer, von wachsender Bedeutung. Aber auch die Verlässlichkeit der Person, die die Nachricht vermittelt, wird für den Leser, Zuschauer oder Hörer immer wichtiger. Wenn dies zutrifft, können wir dann Nachrichten Glauben schenken, die über Twitter oder Facebook übermittelt werden?
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Kürzlich haben sich fünf französischsprachige Journalisten eine Woche lang einem Experiment unterzogen. Sie lebten abgeschieden auf einem Bauernhof in Südwestfrankreich und informierten sich im Internet lediglich über die beiden derzeit erfolgreichsten, weil reichweitenstärksten, sozialen Netzwerke. Höhepunkt der Berichterstattung während des Versuchs: eine Welle sich widersprechender Facebook- und Twitter-Meldungen, weil ein Flugzeug die Schallmauer durchbrochen hatte: Nutzer berichteten über den Absturz oder spekulierten über Atomwaffen an Bord der Maschine. Die Auflösung brachte dann die auf Twitter kopierte Meldung der Onlineausgabe einer Zeitung.
Der Journalist als Verbreitungsweg
Ein anderes Beispiel, das nicht das Gegenteil - also die Verlässlichkeit der Information aus dem Netz - belegen soll, das aber die Nützlichkeit von Internetquellen für Journalisten zeigt: Ohne die Tweets oder YouTube-Videos der iranischen Oppositionellen wäre deren Protest gegen die Präsidentschaftswahl niemals in dem gezeigten Ausmaß in den westlichen Medien thematisiert worden. Zwar waren neben bloggenden Oppositionellen auch der iranische Geheimdienst und die Regierung im Netz aktiv, was die Recherche um die Echtheit der Information erheblich erschwerte - dennoch sollte eine Vielzahl von Quellen in der Regel zu einer besseren Berichterstattung führen als einige wenige.
Was will ich mit diesen Beispielen sagen? Journalisten müssen sich heute und in Zukunft des Internets bedienen: als Quelle, als Verbreitungsweg und als Mittel zum Dialog mit Nutzern. Das ist anstrengend. Unter anderem deshalb, weil die traditionellen Quellen, also Nachrichtenagenturen, Zeitungen oder die eigenen Korrespondenten, ihre Berichterstattung nicht in dem Maße verringern, in dem im Internet zusätzliche Quellen zur Verfügung stehen, sondern die Masse der Informationen noch steigern. Der Journalist muss demzufolge immer mehr Quellen sichten und bewerten und hat dafür immer weniger Zeit.
Einige Journalisten bezweifeln, dass eine ständige und systematische Beschäftigung mit vielen unterschiedlichen Quellen und Medien sinnvoll ist. Frank Schirrmacher bezieht sich in seinem Buch Payback auf eine Studie des Stanford-Forschers Clifford Nass, die besagt, dass Menschen, die dem "Medien-Multitasking" (dem gleichzeitigen Nutzen von mobilem oder stationärem Internet, TV und anderen Medien) intensiv nachgehen, weniger auswählen, nicht mehr zwischen Wichtigem und Unwichtigem entscheiden könnten und häufiger auf "falschen Alarm" reagieren, mithin ineffizienter würden.
Ausschalten, wegzappen ignorieren?
Zugegeben, für den Journalisten heutzutage und in der Zukunft wird es bei der Vielzahl von Quellen und Input immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Doch was wäre die Alternative? Ausschalten, wegzappen, ignorieren? Eine wesentliche Aufgabe des Journalisten besteht darin, auszuwählen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Komplexität zu reduzieren, einzuordnen und Orientierung zu geben. Die Aufgabe von Journalismus ist es, dem Mediennutzer einen Weg durch den Informations-Dschungel zu schlagen, in dem dieser sich sonst verlaufen würde. Der Journalist sollte dabei ein "trusted guide", ein vertrauensvoller Führer sein. Wenn Journalisten diese Funktion erfüllen, erhöhen sie die eigene Glaubwürdigkeit und tragen zu einem zukunftsfähigen und besseren Journalismus bei.
"Wozu Journalisten?" fragte die Akademie für Publizistik im vergangenen Jahr in ihrem Journalisten-Wettbewerb. Die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Kollegin beantwortete die Frage am Ende ihres Beitrags so: "Wir brauchen keine Journalisten. Wir brauchen gute Journalisten. Solche, die es versuchen."
Jörg Sadrozinski ist Redaktionsleiter von tagesschau.de.
Im Herbst 2010 erscheint das Buch "Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert" im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
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(sueddeutsche.de/berr)
Studie von UN-Kinderhilfswerk
die Chomskys Medienmodell nicht erwähnt, ist nicht einmal das Papier (bzw. die Bytes) wert, auf die sie gedruckt wird. Und ich weiß nicht, ob ich es erschreckend oder faszinierend (oder beides?) finden soll, wie sehr sich dieses Modell mit jedem Tag besser bestätigt.
Was geschrieben wurde, geht oftmals online, ohne dass zuvor noch einmal ein Chef vom Dienst oder ein Redakteurskollege einen Blick darauf wirft. Gelegentlich werden Agenturmeldungen ohne Bearbeitung übernommen."
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Wie steht denn der Herr dazu, daß der Regierungssprecher von Mutti Merkel nun im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an hoher Stelle untergekommen ist? Wieso berichtet die Tagesschau in erster Linie "entlang" der Regierungsmeinung?
Wieso hat man NICHTS, aber auch gar nichts zu den Möglichkeiten (!) eines Staatsbankrotts im Falle Griechenlands gehört? Ist das die Unabhängigkeit und Recherche, die gefordert wird.
Selber mal an die eigene Nase fassen und sich bessern!