Wozu noch Journalismus? Primat der Unterhaltung

Dass das Internet den Journalismus verbessere, wie die Unterzeichner des Manifests behaupten, ist umstritten. Schon 2007 konstatieren die beiden Onlinejournalisten Steffen Range und Roland Schweins in der sehr lesenswerten und noch immer aktuellen Studie "Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichtensites im Internet. Wie das Web den Journalismus verändert": "Krawall- und Sensationsjournalismus und seichte Unterhaltung haben die auf Seriosität bedachte unaufgeregte Berichterstattung in den Hintergrund gedrängt. Boulevard und Information sind im Netz ein Bündnis eingegangen." Und: "Der Gegensatz von Information ist nicht Unterhaltung, sondern Manipulation und Fälschung. Doch wenn selbst Nachrichten, Faktenwissen und Börsenkurse einem Primat der Unterhaltung unterworfen werden, befindet sich der Qualitäts-Journalismus alter Schule in ernster Gefahr."

Und weiter: "Gemessen an den strengen Kriterien an Qualitäts-Journalismus, die Verleger und Chefredakteure selber aufgestellt haben, versagen die meisten ihrer Nachrichten-Sites. Kennzeichen des tatsächlich vorherrschenden Nachrichten-Journalismus sind Zweitverwertung, Agenturhörigkeit, Holzschnittartigkeit, Eindimensionalität und Einfallslosigkeit."

Was hier kritisiert wird, gilt nicht nur für die Berichterstattung im Internet. Selten habe ich - auch in so genannten Qualitätszeitungen - so viel Einseitigkeit, Mangel an Recherche und Meinungsmache gesehen, wie in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Internetaktivitäten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Da wird beispielsweise der angeblich ungezügelte Ausbau von deren Onlineangebot beklagt und als Beleg werden Investitionen für die digitalen TV-Kanäle ins Feld geführt - sachlich etwas ganz anderes.

Meinungen statt Fakten

Aber auch das ist keine neue Entwicklung im Journalismus: Schon 1984 schreibt Wolf Schneider: "Die Abwesenheit von Lüge ist ohne Zweifel die wichtigste Voraussetzung für sachgerechten Journalismus; gleichbedeutend mit der Anwesenheit von Wahrheit ist sie nicht. Der Autor einer Nachricht schwebt ständig in der Versuchung, mit nachweislich zutreffenden Fakten so zu hantieren, daß nicht in erster Linie diese Fakten, sondern die Meinung zum Ausdruck kommt."

Meinungen statt Fakten - eine Tendenz im Journalismus, die möglicherweise dadurch verstärkt wird, dass keine Zeit für die Recherche der Fakten bleibt. Eine Meinung hat Jede(r) und Recherche ist oft langwierig und zeitaufwändig. Eine weitere Entwicklung: Schnelligkeit wird mehr und mehr zum wichtigsten Qualitätsmerkmal im (Nachrichten-)Journalismus. "Be first, but first be right", lautet ein alter Agenturspruch - häufig wird davon nur noch der erste Satzteil beherzigt, nicht nur, aber eben oft im Onlinejournalismus. Range und Schweins stellen fest: "Dieser Zwang zur Aktualität wirft viele Probleme auf. Was geschrieben wurde, geht oftmals online, ohne dass zuvor noch einmal ein Chef vom Dienst oder ein Redakteurskollege einen Blick darauf wirft. Gelegentlich werden Agenturmeldungen ohne Bearbeitung übernommen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Schnelligkeit so ein wichtiges Kriterium geworden ist.