Im Netz entsteht ein neuer interaktiver Pluralismus. Gleichzeitig wird ein vollkommener Markt geschaffen, dem es noch an Geld mangelt. Der Journalismus wird auch das überleben.
Der moderne Messias trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, ausgelatschte Joggingschuhe und eine randlose Brille des Schwarzwälder Markenherstellers Lunor, Modell "Classic". Wenn Steve Jobs vor sein Publikum tritt, umgibt ihn eine mystische, fast religiöse Aura.
Bild vergrößern
Das Buch zur Serie "Wozu noch Journalismus", herausgegeben von Stephan Weichert, Leif Kramp und Hans-Jürgen Jakobs erscheint im September beim Verlag Vandenhoeck&Ruprecht, 200 Seiten, kartoniert, 17,90 Euro. (© Cover/sde)
Anzeige
Die öffentlichen Auftritte des Apple-Chefs werden ebenso hoffnungsvoll wie unterwürfig zelebriert - denn Jobs hat sich aufs Revolutionieren ganzer Wirtschaftszweige spezialisiert: Vor einem guten Vierteljahrhundert die Computerindustrie, in den 1990er Jahren den Berufsstand der Graphiker und Werber, später dann die Musik- und Kino- und erst vor wenigen Jahren die Mobilfunkbranche. Seine Erfindungen setzen nicht Akzente, sondern Maßstäbe. Fans wittern in jeder seiner Gesten ein globales Trendsignal. Und seine Kritiker wünschen ihm nichts sehnlicher als einen Misserfolg - werden allerdings immer wieder enttäuscht.
Wer nach einem materialisierten Gottesbeweis sucht: Bei dem 55-Jährigen könnte er fündig werden - letztlich ist Apple eine Glaubensfrage. Denn auch dem neuesten Coup biblischen Ausmaßes, vom Wirtschaftsblatt Economist bereits vier Monate vor der Markteinführung im Januar 2010 ehrfürchtig "The Book of Jobs" genannt, eilte sein Ruf weit voraus: Das iPad, ein Ding, das aussieht wie eine Schiefertafel aus Plastik und Glas, kaum größer als ein Buch und um einiges leichter als eine volle Milchtüte, löste auch in Deutschland einen Hype aus, als stünde die nächste Medienrevolution ins Haus.
Welt der Informationen im Taschenbuchformat
Sexy, smart und sleek (dt. "geschmeidig") - mit diesen Eigenschaften hat der Apple-Hohepriester schon dem iPhone seine Jünger zugeführt und sie zu Abhängigen gemacht, die ohne den mobilen Alleskönner nicht mehr sein wollen. Jetzt plant er, mit einem Tablet-PC unseren Konsum von Text, Bild und Video vollkommen umzukrempeln - und den Journalismus gleich mit. Vereinfacht gesagt: Zuerst hat Jobs den Menschen das Internet in die Hosentasche gesteckt, jetzt will er ihnen beweisen, wie faszinierend es sein kann, die Welt der Information im Taschenbuchformat zu nutzen.
Schon ist die Rede davon, dass iPad sei der "erste wahre Homecomputer" (Time) und die neue Generation der Tablet-Computer werde "alles verändern" (Wired Magazine). "Begeistert" (Economist) seien vor allem die Zeitungs- und Magazinverleger ob des großen Potenzials: Ihre Hoffnung sei es, neue Erlösmodelle im Anzeigen- und Vertriebsbereich zu finden, die ihnen alternative Möglichkeiten zur Finanzierung journalistischer Inhalte eröffnen.
Bekanntlich lebte der Journalismus bislang gut davon, Fragen zu stellen. Er war und ist organisierte Fragenstellerei. Üblicherweise werden dabei andere, Branchenfremde gefragt, um Informationen und Hinweise für neue, möglichst exklusive Geschichten zu bekommen. Doch unter dem Eindruck des digitalen Wandels durch das Internet und den damit verbundenen technologischen Innovationen richten Journalisten Fragen an sich selbst: Wie geht es weiter mit Zeitungen und Zeitschriften? Hat Papier noch Zukunft? Was wollen die Leute lesen? Wie kann man sie einbeziehen? Wo kommt das Geld her? Wie sieht das Geschäftsmodell aus?
Eine tiefe Verunsicherung hat eine Branche ergriffen, die davon profitiert, mit klugen Analysen und Kommentaren, spannenden Reportagen und investigativen Nachrichtenstories die Bürger aufzuklären. Die Verunsicherung im Journalismus wird jedoch größer, weil es mit jedem Monat mehr Fragen als Antworten gibt - und nicht abzusehen ist, wie sich der Medienkonsum verändert. Denn letztlich entscheiden Märkte, also in Geldeinheiten gefasste Kundenpräferenzen, über das Schicksal der Medienschaffenden. Aber was heißt das schon in einem Metier, das einen public service leistet, der von der Gesellschaft offensichtlich nicht mehr ausreichend als Nutzen für unser Gemeinwesen und unsere Demokratie goutiert wird.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
- Thema
- Wozu noch Journalismus RSS
- Wozu noch Journalismus? Niemand muss sich fürchten 19.07.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? Dahinter müssen kluge Köpfe stecken 13.07.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? Selbstversuch mit Stoppuhr 26.06.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? Ein Leben voll gefilterter Luft 20.06.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? Wie Schiffeversenken, nur ernster 13.06.2010
- Serie: Wozu noch Journalismus? Philosoph und Spürhund 31.05.2010
Kandidaten für Tassilo-Preis
...sondern mit ihm in einen unablässigen Dialog treten."
Ach so - und wo diskutieren SZ Journalisten mit den Lesern?
Wenn es einen Berufsstand gibt, der schwer mit Kritik umgehen kann, dann sind es Journalisten.
"Politiker und Journalisten teilen das traurige Schicksal, dass sie heute schon über Dinge reden, die sie erst morgen ganz verstehen." (Helmut Schmidt)
Meine größte Freude: der Niedergang des Prints
Endlich wird ein Fremdkörper der bürgerlichen Demokratie, die Adelsherrschaft der Verleger und Chefredakteure beendet und durch die ,einer Demokratie einzig gemäße freie ungefilterte Informationen und Kommentare im Net, auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt
Im Print und vor allem im Net überleben nur Kostenminimierer, mit oder ohne Unternehmens- Beratern. Ihr Angestellten von Verlegern müsst euch dem Kostendruck anpassen. Bei eurer erwiesenen Feigheit gegenüber der „allgemein vorherrschenden“ Meinung, nämlich der eurer Chefs, wohl eher ein kleines Problem für euer Überleben.