WM-Doku "Die Mannschaft" in der ARD Zu viel Idylle im Paradies

Ausschnitt aus dem WM-Film "Die Mannschaft": Thomas Müller, Per Mertesacker und Benedikt Höwedes scherzen im Mannschaftsbus.

(Foto: dpa)

Modern, familiär und harmonisch: Die Doku "Die Mannschaft" inszeniert den deutschen WM-Sieg als Männer-Traum mit Thomas Müller im Dirndl. Aufregende Einblicke fehlen - der ärgste Rivale des Films ist der Sport.

Von Lothar Müller

Manchmal schweifen im Kino die Gedanken ab und lassen die Augen und Ohren eine Weile allein. Auf der Leinwand lernen die deutschen Nationalspieler und das Trainerteam ein wenig Portugiesisch, um sich auf Brasilien vorzubereiten. Der Spieler Thomas Müller serviert im Dirndl, weil er eine Golfwette verloren hat, den Mannschaftskollegen im Trainingslager in Südtirol das Essen. Es sind Busfahrten zu sehen, eine Fahrradtour in den Bergen. Ein Flugzeug, auf dessen Rumpf das Wort "FANHANSA" steht, steigt in den Himmel, und mit einer Fähre wird die Insel erreicht, auf der das Urlaubsparadies "Campo Bahia" liegt.

Die Gedanken wissen nicht mehr, wann genau die Unruhe sie erfasst hat, es muss irgendwann nach einem Auftritt des Managers Oliver Bierhoff und dem Staccato-Zusammenschnitt der deutschen Torflut beim 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale gewesen sein. Aber sie wissen, wovon die Unruhe ausging: von der vollkommenen Abwesenheit jeglicher Unruhe auf der Leinwand. Gut, da gab es diesen Unfall während einer Werbeaktion des Sponsors Mercedes-Benz in Südtirol, aber er huschte nur kurz vorbei.

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Und war da nicht der Schock, den in Fußball-Deutschland die Verletzung von Marco Reus am Ende des Trainingslagers, im Spiel gegen Armenien, auslöste? Hier gibt es den Pechvogel nicht, es gibt auch niemanden, der ihn vermisst. Es gibt nur die Mannschaft, wie sie ist, und die Welt, in der sie hier lebt: die Welt der reinen Idylle, in der Poldi flachst und brasilianischen Kindern über den Kopf streicht, der Pool das letzte Wort hat gegenüber allen Blessuren und Massagen und Schweini dem Fifa-Chef Sepp Blatter dafür dankt, dass er die WM in das tolle Land Brasilien geholt hat.

Kein Kampfeinsatz, zu dem die Mannschaft ausschwärmt, führt aus dieser Idylle heraus, immer kehrt sie als Sieger zurück, bis sie im Triumphzug vom Flughafen Tegel an fahnenschwenkenden Häftlingen im Gefängnis Moabit vorbei zum Brandenburger Tor fährt und dort die Trophäe schwenkt. Da haben die Gedanken längst den Kern ihrer Unruhe erreicht, die Frage: Warum ist dieser Film über ein hochdramatisches Ereignis so langweilig?

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Die Antwort ist: Der schärfste Rivale des Sportfilms ist der Sport selbst. Der Dokumentarfilm über eine Sieger-Mannschaft kann nichts dafür, dass er gegen die Live-Übertragung eines Fußballspiels, gar eines WM-Finales, gegen die Spannung, die aus der Ungewissheit des Endes hervorgeht, keine Chance hat. Aber eben, weil das so ist, müsste er alle Mittel der Bildsprache, alle Tricks der Dramaturgie, alle Energien der Recherche aufbieten, um gegen den übermächtigen Rivalen zumindest eine gute Figur zu machen.

"Die Mannschaft" aber, offizieller Film der Fifa und des DFB, gedreht von Martin Christ, Jens Gronheid und Ulrich Voigt, kann und will nicht mehr sein als ein Film, der die Siegermannschaft hofiert. Und dabei in einer überaus konventionellen Bildsprache die Deutung des Sieges illustriert, die Trainerteam, Mannschaft und DFB verbindlich machen wollen. Diese Deutung trägt der Film im Titel: Wir haben gewonnen, weil wir eine so tolle Mannschaft sind.