Wikileaks Geldwerter Vorteil

Spiegel-Kronzeuge Pfeiffer in der Barschel-Affäre: Zuwendungen, um Einkommensverluste auszugleichen.

(Foto: AP)

Die Online-Plattform Wikileaks setzt 100 000 Euro für Dokumente aus - das passt weniger zur Lehre vom selbstlosen Informanten, sondern erinnert an altbekannten Scheckbuch-Journalismus.

Von Hans Leyendecker

Der Enthüllungs-Plattform Wikileaks, die von ihren Gegnern bedroht, verfolgt und finanziell zugrunde gerichtet werden sollte, geht es wieder gut. Sie veröffentlicht in Serie brisante Dokumente über Spähziele der NSA in Deutschland, Frankreich, Brasilien, Japan - und bald schon werden noch andere Länder folgen. Reichlich Material soll bei Wikileaks vorhanden sein.

Nun sucht die Online-Plattform schon zum zweiten Mal mit einem öffentlichen Aufruf und in einer Art Steckbrief weitere Informanten: 100 000 Euro Belohnung für vertrauliche Dokumente über das Freihandelsabkommen TTIP schrieb Wikileaks aus. Das Geld soll durch Crowdfunding zusammenkommen. Zu den ersten Unterstützern gehört der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis.

Geld passt nicht zur reinen Lehre vom selbstlosen Informanten wie Manning oder Snowden

Die große Geopolitik ist ein Steckenpferd von Wikileaks-Gründer Julian Assange geworden. China, die USA und so. Seit zwei Jahren stellt die Online-Plattform immer wieder mal vertrauliche Teile der Handelsabkommen TISA und TPP ins Netz - auch die SZ hat über diese Dokumente berichtet. Ziemliche Lücken gibt es noch bei dem wichtigsten Abkommen, bei TTIP. Eine Belohnung von Wikileaks für die Lieferung von Geheimpapieren ist, nicht nur auf den ersten Blick, eine ziemlich ausgefallene Idee. Die Zahlung von Geld passt jedenfalls nicht zu der reinen Lehre von dem altruistischen Informanten, der selbstlos gegen das Böse kämpft - wie etwa Edward Snowden oder Chelsea Manning, früher Bradley Manning, gekämpft haben oder kämpfen.

Andererseits: Ob Whistleblower uneigennützig dem vermeintlich Guten zum Durchbruch verhelfen möchten oder ob sie aus eher niederen Gründen agieren, ist manchmal völlig unerheblich. Wenn ein geldgieriger Tippgeber auf erhebliche Missstände aufmerksam macht, bleibt er geldgierig, aber man darf als Journalist hoffen, dass er auf seine eigene Sicherheit achtet. Wenn ein sympathischer, uneigennütziger Whistleblower seine Hinweise nicht ausreichend belegen kann, schadet er dem Gemeinwohlinteresse; oft gefährdet er auch sich selbst.

Das 100 000-Euro-Versprechen von Wikileaks erinnert an den alten Scheckbuchjournalismus, den es bei Magazinen wie Spiegel, Stern und Focus gegeben hat. Längst nicht so häufig wie oft behauptet. Manchmal zum Zweck der Aufklärung. Manchmal auch nur aus Konkurrenzgründen.

Ob das Kaufen von Informationen ethisch korrekt ist oder nicht und ob man solchen Informationen trauen darf, ist eine Frage, die häufig auf Kongressen diskutiert wird, wenn sich Journalisten über den eigenen Beruf, über ihren Alltag und die Umstände der Arbeit austauschen. Meist ist das Ergebnis vorhersehbar: Die Vertreter kleiner Blätter, die nicht zahlen können, verurteilen gewöhnlich Scheckbuchjournalismus. Das tue man nicht. Blätter wie die Zeit, die SZ, die FAZ und andere könnten finanziell vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Sie tun es jedenfalls nicht. Und die es manchmal machen, sind nicht deshalb schlechter.

Der frühere Zeit-Herausgeber Theo Sommer hat diesen Konflikt mal in einer Augstein-Hommage beschrieben ("Dein Ted"). Viele rümpften übers Scheckbuch die Nase, schrieb Sommer. Er nicht. Die Zeit habe zwar niemals Geld für Informationen bezahlt. "Aber wir sind da ein bisschen in der Lage der Klosterschülerin, deren Schulgeld die Mutter auf dem Strich verdient: Wir können uns leicht erhaben dünken; die Dreckarbeit tun die anderen."

Wahr ist aber auch, dass auch der Scheckbuch-Journalismus seine Risiken hat. Der Skandal um die Hitler-Tagebücher hat den Verlag Gruner + Jahr umgerechnet gut viereinhalb Millionen Euro gekostet und, schlimmer, den Stern die Reputation für lange Zeit. Der Spiegel fiel auf ein gefälschtes Waldheim-Telegramm herein. Ein Gauner hatte in den Neunzigerjahren eine Depesche fabriziert, die eine internationale Debatte über die angebliche Beteiligung des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim an Kriegsverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus auslöste. Der Betrüger hatte für das Papier 50 000 Mark bekommen. Die Investition des Spiegel einer hohen Summe in den Kauf von Unterlagen des Immobilienkonzerns Neue Heimat, der den Gewerkschaften gehörte, diente hingegen der Aufklärung und war eine Sternstunde des Informationsauftrags, den Medien haben. Am Ende stand eine der großen Affären der Republik. Zur Geschichte gehört auch, dass der Informant vorher beim Stern war und dort die Informationen nicht loswurde. Die trauten sich nicht .

Ähnlich wie der Informant aus der Neuen Heimat bekam auch Reiner Pfeiffer, der Kronzeuge in der Affäre um den Kieler Ex-Ministerpräsidenten Uwe Barschel, Geld vom Spiegel. Die Zuwendungen sollten seine Einkommensverluste ausgleichen. Die Frage, ob das ethisch falsch oder ob es richtig war, ist heute eng mit der Frage verknüpft, ob die Pfeiffer-Geschichten stimmten oder nicht. Vermutlich war Barschel mehr Opfer als Täter. Folglich diente das Geld für Pfeiffer nicht der Wahrheitsfindung. Aber: Wer weiß das vorher?

Als Ende der Achtzigerjahre der Hobbyflieger Mathias Rust mit einer angeblichen "Friedensmission" in einer kleinen Cessna auf dem Roten Platz in Moskau landete, war das eine Weltsensation. Der Stern kaufte für 100 000 Mark die Exklusivrechte, und wer auch nur Belanglosigkeiten von Rust nach seiner Rückkehr nach Deutschland senden wollte, musste den Hinweis "mit Genehmigung des Stern" oder "by courtesy Stern" einblenden. Gelohnt hat sich der Einsatz nicht.

Der Deutsche Presserat hat sechzehn "Publizistische Grundsätze" (Pressekodex) aufgeschrieben, und in der Richtlinie 1,1 heißt es, die "Unterrichtung der Öffentlichkeit" dürfe nicht "durch Exklusivverträge mit den Informanten oder durch deren Abschirmung eingeschränkt" werden. In einigen Landespressekonferenzen gibt es aber auch stille Vereinbarungen zwischen den Journalisten, dass der Beschaffer von halbwegs exklusivem Zeug die Kollegen vor Erscheinen darüber ins Bild setzen soll. So versuchen die anderen, Nachfragen ihrer Redaktion zu verhindern, warum sie von diesem oder jenem Stoff keine Ahnung gehabt hätten. Dieses merkwürdige Exklusiv-Kartell verbietet keine Presserat-Richtlinie.

Journalisten, die exklusiven und die anderen, berufen sich gern auf den Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Pressefreiheit schützt. Zu dem Artikel gehört auch der Satz, dass die Pressefreiheit "ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze" findet. Der Satz gilt. Journalisten machen sich beispielsweise strafbar, wenn sie Informanten, die zur Gruppe der Beamten oder Amtsträger gehören, für Informationen Geld zahlen. In anderen Ländern gibt es andere Gesetze. Da ist Wikileaks, das 100 000 Euro von wem auch immer für TTIP-Unterlagen anbietet, gut dran. Auch bleibt in der Regel der Informant anonym.

In anderen Ländern wird zur Beschaffung von Informationen viel häufiger als in Deutschland Geld eingesetzt. Das gilt auch für die vielen neuen Online-Medien. Das US-Klatschportal TMZ.com etwa soll, so heißt es, viel Geld für Informationen ausgeben, die man am besten von Krankenhauspersonal oder Polizisten bekommt. Netzwerker der alten Schule haben mit den neuen Gerüchte-Köchen so ihre Probleme. Die wiederum verweisen darauf, dass die großen US-Fernsehanstalten Info-Honorare gern als "Lizenzgebühren" ausgäben. In Deutschland fällt auf, dass Informanten - viel häufiger als früher - von einigen Medien Mitarbeiter-Verträge angeboten werden. Auch ist in Deutschland die Rechtslage anders als in den USA. Persönlichkeitsrechte werden besser geschützt.

Der britische Reporter Nick Davies vom Guardian brachte vor Jahren mit seinen Recherchen über den Abhörskandal das Medienreich von Rupert Murdoch in England ins Wanken. Sogar das berüchtigte Murdoch-Traditionsblatt News of the World musste dichtmachen. Bei den verdienstvollen Davies-Recherchen kam auch heraus, wie intensiv Boulevard-Blätter in England die Landschaft pflegten. Polizisten erhielten häufig Bares für Informationen zugesteckt. Auch in Deutschland hat es einige Fälle gegeben. Wenn sich die angegriffenen Journalisten auf die Pressefreiheit berufen, wie das geschehen ist, haben sie nicht verstanden, was Pressefreiheit meint. Journalisten stehen nicht außerhalb des Rechtssystems.