Wie ARD und ZDF die Olympia-Rechte verloren "Ihr seid raus"

Für 1,3 Milliarden Euro hat Discovery die Olympia-Rechte gekauft - und sich obendrauf verpflichtet, gemeinsam mit dem IOC einen neuen Kanal zu entwickeln.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Verdächtige Stille, keine Nachbesserungswünsche, man sprach gar nicht richtig miteinander. Was beim Deal um die TV-Rechte an den Olympischen Spiele wirklich geschah.

Von Max Hägler

Vor dem Schweiß, dem Siegesjubel, den Tränen der Enttäuschung, die auf den Fernsehern zu sehen sind, steht ein Handel. Er läuft eigentlich immer gleich ab, nur diesmal, bei diesem Milliardendeal zu Olympia, fehlte ein Schritt. Da hätte man schon etwas ahnen können. Das übliche Procedere läuft folgendermaßen: Ein großer internationaler Sportverband schreibt Übertragungsrechte aus, mit der Aufforderung, dafür zu bieten. Sender geben schriftlich Gebote ab und dann, einige Wochen später, verhandeln Geschäftsleute mit Aktentaschen und in Anzügen über die Fernsehrechte, die gerade beim Sport viele Millionen Euro kosten - pro Land.

Käufer und Verkäufer treffen sich in einem Nebenzimmer am Flughafen in Genf, Paris oder München - und die Deutschen sind da gerne gesehen. Gerade die Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender, die gedeckte Schecks in der Tasche haben. Wenn der Preis in die Höhe getrieben werden soll, setzt der Verband auch mal zwei Bieter nebeneinander an den Tisch und wartet, wer mehr Cash gibt. So läuft das bei Deals mit den Fußballverbänden FIFA und Uefa - und so lief es bislang auch beim Olympischen Komitee, dem IOC.

Doch diesmal war es anders. Bei der Verhandlung über eines der größten jemals geschnürten Sportrechtepakete - die Berichterstattung über Olympia zwischen 2018 und 2026 - gab es kein solches Treffen mit den beiden deutschen Öffentlich-Rechtlichen. Man sprach gar nicht richtig miteinander. Mitte Juni hatten ARD und ZDF mittels ihrer Sportrechteagentur SportA ihr Angebot abgegeben. Kein Nachbesserungswunsch. Nichts. Dann an diesem Montag ein Mitteilung: Ihr seid raus. Discovery Communications hat den Zuschlag bekommen, der Mutterkonzern von Eurosport.

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Nur einige Minuten Informationsvorsprung hatten die wohl 18 Bieter - einschließlich ARD und ZDF - vor der Öffentlichkeit, konnten sich kaum vorbereiten, da lief in Eurosport bereits das Laufband "Breaking News: The Olympics will be on Eurosport" - und Olympia-Boss Thomas Bach und Discovery-Networks-Chef David Zaslav feierten den "historischen" Moment dort. "Sehr ungewöhnlich" sei das gewesen, sagen Leute, die beteiligt waren.

Wobei es auch kleine Signale dafür gab, dass Discovery ernsthaft im Rennen war. Das IOC setzt in seiner "Strategie 2020" auf einen eigenen olympischen TV-Kanal, dies stand in der Ausschreibung: wer bietet, möge das mitbedenken. ARD und ZDF konnten dazu nichts liefern, genauso wenig wie der Senderzusammenschluss EBU, der viele öffentlich-rechtliche Anstalten in einem Sammelangebot vertreten hatte. Zu zerklüftet ist die öffentlich-rechtliche Medienlandschaft, zu stark sind die internationalen Konzerne geworden. Die aus nationalen Gebühren gespeisten Millionenetats reichen nicht mehr. "Wir müssen uns überlegen, ob wir künftig nicht an der Seite der EBU stärker auftreten", sagt nun ARD-Sportchef Axel Balkausky. Und weist auf einen weiteren Aspekt hin: die gewünschte Verbreitung über Handy und Internet. Das machen ARD und ZDF, aber dürfen dafür nicht viel Geld ausgeben. "Hier ist auch die Politik gefordert", sagt Balkausky, "wenn man Events dieser Größenordnung im öffentlich-rechtlichen Angebot sehen möchte."

Discovery dagegen sendet bereits auf beinahe dem gesamten Kontinent, auf allen technischen Abspielwegen, ohne aufwendige Abstimmungen. Und dass der US-Medienkonzern weiter angreifen will, weiß die Branche spätestens, seit Discovery vor ziemlich genau einem Jahr einen der besten und erfahrensten Medienmanager Europas angeworben hat - den BBC-Mann Dominic Coles, der für die Briten über viele Jahre die Rechte eingekauft hatte. Der Erfolg dürfte auch sein Erfolg sein: Für 1,3 Milliarden Euro hat Discovery die Rechte erworben - und dazu noch Knowhow gegeben: der Medienkonzern hat sich verpflichtet, gemeinsam mit dem IOC einen neuen Olympia-Kanal zu entwickeln. Das will Bach unbedingt, glauben sie bei ARD und ZDF. Und manche fragen: War das Discovery-Gesamtpaket schon lang vor der Ausschreibung vorbereitet? Im vorigen Jahr verkaufte das IOC die Rechte für die USA bis 2032 an den Sender NBC, noch stiller. Ebenfalls verbunden mit Leistungen, die in einem Olympischen Kanal münden. In einen Kanal, in dem es vielleicht nicht zwingend Journalisten gibt, die Doping und Menschenrechtsverletzungen an Austragungsorten zum Thema machen.

Darauf stellt auch ARD-Mann Balkausky ab, zieht dazu die vergangene Fußball-WM heran, auch die WM ist so ein Großereignis, das womöglich bald nicht mehr auf ARD und ZDF zu sehen sein könnte, weil selbst viel Geld nicht reicht, um die Rechte gegen Gebote aus der Privatwirtschaft zu bekommen. "Wir haben zur Weltmeisterschaft in Brasilien 150 Dokus und Features über soziale und politische Themen gesendet", sagt er, "das kann Eurosport nicht leisten." ARD und ZDF können so etwas, auch bei künftigen Olympia-Übertragungen: Sublizenzen gibt es zu kaufen von Discovery. Man werde prüfen, sagt Balkausky, was genau auf den Markt ist. Und dann werden ARD und ZDF gegebenenfalls verhandeln. Mit Aktenkofer und Anzug.