Web-Video über Syrien-Krieg Inszenierter Heldenmythos

Fünf Millionen Menschen haben das Web-Video "Syrian Hero Boy" angesehen, doch der Clip über den syrischen Bürgerkrieg ist gefälscht. Der Regisseur bekennt sich klar zu der Trickserei - Verschwörungstheoretiker greifen das genüßlich auf.

Von Ronen Steinke

Seit dem vergangenen Montag macht ein Youtube-Video die Runde, das eine berührende Szene im syrischen Bürgerkrieg zeigt: Ein kleiner Junge rettet mitten im Kugelhagel ein Mädchen. Schüsse fallen, Staub wird aufgewirbelt, der Junge, vielleicht acht Jahre alt, stürzt vornüber zu Boden. Nach wenigen Sekunden springt er wieder auf, hechtet hinter ein verlassenes Fahrzeug. Er hat sich offenbar nur totgestellt, um seine Angreifer zu täuschen. Und nun erst sieht man, worauf er es abgesehen hat: Ein Mädchen im rosafarbenen Rock kauert hinter dem Auto, der Junge schnappt es und zerrt es in Sicherheit.

"Syrian Hero Boy" lautet der Titel, unter dem das Video zum grimmigen Klick-Hit geworden ist, fünf Millionen Menschen haben es angesehen, selbst das US-Außenministerium hat es per Twitter verbreitet. Aber: Alles nur inszeniert, hat nun am Freitag ein norwegischer Filmemacher eingeräumt, Lars Klevberg. Er habe das Video auf Malta gedreht, um auf das Los von Kindern aufmerksam zu machen. Zuvor hatte die BBC über aufkommende Zweifel an der Authentizität des Videos berichtet.

Wie viel ist Wahrheit, wie viel Propaganda?

Seitdem schlägt dem Filmemacher die Empörung von Menschenrechtlern entgegen. Der Video-Fake mache es Kriegsverbrechern künftig leichter, echte Beweise für Gräuel in Zweifel zu ziehen, erklärte ein Sprecher von Human Rights Watch.

Verschwörungstheoretiker greifen den Klevberg-Fake im Netz bereits genüsslich auf, zumal der norwegische Filmemacher sich nicht nur klar zu einer politischen Seite bekannt hat - er habe sich beim Dreh auf Malta von syrischen Assad-Gegnern helfen lassen, erklärte er am Wochenende einer Reporterin des TV-Senders Euronews. Sondern weil er auch Geld aus drei Fördertöpfen der norwegischen Regierung erhalten haben will. Das Nato-Land finanziert Fake-News gegen Assad?

Aha! Wie viel Wahrheit steckt dann bitte in den Berichten über die Verbrechen des syrischen Assad-Regimes, über Fassbomben und Giftgas, wenn doch nirgends unabhängige Journalisten sind, die das überprüfen können? Und wie viel Propaganda, inszeniert wie in der amerikanischen Mediensatire "Wag the Dog" von 1997, in der Dustin Hoffman einen kompletten Feldzug im Studio entstehen lässt?

Klares Bekenntnis zur Trickserei

Dass unter den Homemade-Beweisen, die in Kriegszeiten zu Tausenden das Internet überschwemmen, Fälschungen sind, ist freilich nicht neu. Das russische Staatsfernsehen brachte jüngst den "Fotobeweis" dafür, dass das Passagierflugzeug MH17 von einem ukrainischen Armeejet abgeschossen worden sei; und während des jüngsten Gazakriegs tauchten bei Twitter Fotos von palästinensischen Opfern auf, die, wie die BBC zeigte, in Wahrheit aus früheren Kriegen stammten.

Der Syrien-Fall ist nur deshalb besonders, weil sich der Urheber des Fakes klar zum Tricksen bekannt hat - und weil er argumentiert, dies sei sogar legitim. "Wir wollten sehen, ob der Film Aufmerksamkeit bekommen und eine Debatte über Kinder im Krieg in Gang setzen kann", schrieb Klevberg in einer Presseerklärung. Dafür habe man ganz bewusst einen "Moment zusätzlicher Magie" durch die heroische Rettung des Mädchens geschaffen: einen Klick-Anreiz.

Sekunden vor dem Kopfschuss

Auf Youtube kann man Menschen in Kriegsgebieten täglich beim Sterben zusehen. Die Aufnahmen werden mit jedem Konflikt zahlreicher, schneller veröffentlicht und grausamer. In der Öffentlichkeit bleibt die neue Bilderflut jedoch seltsam wirkungslos. Von Johannes Boie mehr ... Analyse

Die Nachrichtenagentur Reuters beschäftigt in London ein Team von Video-Forensikern, sie verhinderten die Verbreitung des Klevberg-Videos. Auch die BBC fand Ungereimtheiten, hielt aber immerhin den Drehort Syrien für echt. Im Interview mit Euronews erklärte Klevberg nun, man habe auf Malta ein Set genutzt, das zuvor für Hollywood-Filme wie "Gladiator" verwendet wurde.