WDR "Zimmer frei" - eine TV-Show als Lebensabschnittsgefährtin

Nach 20 Jahren wird die Fernseh-WG von Christine Westermann und Götz Alsmann aufgelöst. Ein Nachruf auf die letzten Unberechenbaren in einem gefallsüchtigen Medium.

Von David Denk

Für die obligatorische Hausmusik hatte sich Axel Prahl den Rio-Reiser-Schmachtfetzen "Junimond" ausgesucht. Es war die vorletzte reguläre Ausgabe von Zimmer frei , und der Schauspieler krönte seinen ohnehin schon sympathischen Auftritt als Gast in der TV-WG von Christine Westermann und Götz Alsmann damit, dass er - ein Hauch von Zeltlager lag über der Szene - den Text ab der zweiten Strophe umdichtete: "Der Götz sitzt ratlos an sein'm Akkordeon, und auch Christine schaut traurig und leer", sang er, "ich kann es kaum fassen - war es wirklich ihr Wille? -; ihre schöne Sendung, die gibt's bald nicht mehr. Und das tut mir so weh, ja, das tut mir so weh" - Kunstpause Prahl - "vor allem, wenn ich mir anschau', was ich sonst im Fernsehen so seh'." Dafür gab's heftigen Beifall vom Publikum und ein Küsschen von Alsmann.

Eine andere Szene: Die letzte Show beginnt, die Moderatoren treten aus der Kulisse, und das Studiopublikum, das bei Zimmer frei ja immer auch Mitspieler war, hält es nicht auf den Sitzen, es klatscht, johlt und trampelt - da wurde der Gast, ein alternder Entertainer namens Gottschalk, zur Nebensache und der Begrüßungsapplaus zum Requiem. Es ist vorbei, bye-bye.

Wo gibt es das schon (noch) im Schleim-Business Fernsehen?

Mit der 700. Folge geht an diesem Sonntag die 20-jährige Geschichte von Zimmer frei im WDR-Fernsehen zu Ende, und weil man beim Sender der Fangemeinde kalten Entzug nicht zumuten kann und will, gibt es noch zwei Best-of-Shows, bevor endgültig Schluss ist. Im großen Abschiedsspecial kommen noch einmal viele Freunde zu Besuch, Guido Maria Kretschmer zum Beispiel, Mary Roos und Anne Will.

Ganz sicher nicht dabei ist Cherno Jobatey. Die Folge mit ihm lag fast fünf Jahre im Giftschrank, bevor sie Ende 2003 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde - eine Anekdote, die zu Zimmer frei gehört wie das Bilderrätsel und die Hausmusik, weswegen auch Prahl darauf anspielte: "Nur Turnschuh-Cherno hat's nicht genossen, mochte eure Suppe nicht und schrieb alles verkehrt." Die Moderatoren setzten dem Legastheniker Jobatey, damals neuer Moderator von Verstehen Sie Spaß?, Buchstabensuppe vor und bekleckerten sich auch sonst nicht mit Ruhm - ein Ausrutscher, der der Beliebtheit des Formats keinen Abbruch tat, sondern die Alleinstellung noch untermauerte. Wo gibt es das schon (noch) im Schleim-Business Fernsehen - Sendungen, in denen Sympathie und Antipathie so hemmungslos ausagiert werden, bis hin zur Schlussfrage ans Studiopublikum, ob der jeweilige Gast in die WG aufgenommen werden soll.

Es liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Zimmer frei auch bei jenen Zuschauern satisfaktionsfähig geblieben ist, die eigentlich längst kein (lineares) Fernsehen mehr gucken - eine Insel des Unberechenbaren inmitten eines gefallsüchtigen Mediums. Dazu gehört auch, dass die Solidargemeinschaft aus Moderatoren und Zuschauern aus lahmen Sendungen gestärkt hervorging. Allermeistens waren die Gäste schuld, die entweder zu kontrollsüchtig waren, um sich dem champagnerseligen, anarchischen Geist dieses "Kindergeburtstags für Erwachsene" (Alsmann) hinzugeben, oder - auch nicht besser - krampfhaft Lässigkeit unter Beweis stellen wollten.

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Auch der zunehmenden Kurzatmigkeit der Branche entzog sich das Format: Ursprünglich nur als Lückenfüller für sechs Wochen Sommerpause konzipiert, durften sich die so gegensätzlichen Moderatoren aneinander und das Publikum an Zimmer frei gewöhnen, das sich über die Jahre so organisch-unmerklich weiterentwickelt hat wie jeder Zuschauer in dieser Zeitspanne wohl auch - eine TV-Show als Lebensabschnittsgefährtin.

Man könnte sagen, dass der WDR bei Zimmer frei ziemlich viel ziemlich richtig gemacht hat - doch es gab auch Misstöne: Als Alsmann Anfang 2015 im SZ-Interview das Aus ankündigte, sagte er, er könne sich nicht vorstellen, mit einer Jüngeren zu moderieren. "Dann bin in drei Jahren ich der alte Sack, der abgelöst wird." Törichte Gedankenspiele, Christine Westermann, seinerzeit 66, in Rente zu schicken, wendete das Duo ab, verdankt Zimmer frei seinen Erfolg doch maßgeblich der Chemie zwischen den Moderatoren, dem federleicht durchs Studio tänzelnden Alsmann und der so geerdet wie ungelenk wirkenden Westermann. Ihr Hoheitsgebiet waren die - mitunter sehr persönlichen - Fragen an die prominenten Gäste; seine - als Gegenpol - Musik und Schabernack. Oder wie Alsmann es zusammenfasste: "Ich wollte nichts erfahren, ich wollte sackhüpfen."

Es ist ein trauriger Abschied von Zimmer frei, aber endlich mal einer, auf den man gut vorbereitet ist. Das zumindest hat das Fernsehen dem Leben voraus. Was bleibt, ist Dankbarkeit für ein Format, das schon in seiner Anfangszeit wie ein Anachronismus wirkte, wie ein Relikt des guten alten Fernsehens, das noch Quatsch mit Tiefgang kombinierte und nicht Belanglosigkeit mit Zynismus.

Zimmer frei - Der Abschied, WDR, Sonntag, 22.15 Uhr.

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