WDR strahlt Sportradio während der EM aus Brisanter Testlauf

Ein echtes Event: Der WDR will während der Fußball-EM ein digitales ARD-Sportradio testen - 18 Stunden täglich und live. Der öffentlich-rechtliche Sender konkurriert so bundesweit mit den Privaten - warum darf er das?

Von Hans Hoff und Claudia Tieschky

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in Köln hat eine ehrwürdige Hörfunktradition, an der Spitze des größten ARD-Hauses stand lange Jahre der frühere Hörfunkchef Fritz Pleitgen, auf ihn folgte die frühere Hörfunkdirektorin Monika Piel. Als Intendantin muss Piel, die derzeit in der ARD den Vorsitz führt, nun ausgerechnet eine umstrittene Reform des Kultursenders WDR 3 gegen Hörerproteste verteidigen, die Kritiker fürchten eine Verarmung des Programms und nennen sich plakativ "Die Radioretter".

Doch dabei ist der WDR gleichzeitig sehr aktiv an einem Ausbau seines Radioprogramms interessiert - allerdings nicht bei der Kultur, sondern beim massenattraktiven Sport. Nach einem WDR-Papier von Ende März, das der SZ vorliegt, plant die Kölner Anstalt ein brisantes Pilotprojekt: In der Zeit vom 18. Mai bis 8. Juli soll ein neues digitales Programm Event. Das ARD Sportradio zur Uefa Euro 2012 ausgestrahlt werden. Geplant ist während der Fußball-EM 18 Stunden täglich live moderiertes Programm, das im Digitalradio DAB plus, im Internet, auf Mittelwelle sowie über mobile Geräte verbreitet wird.

"Das Sendeschema gibt aktuellen Sport-Events zu jeder Zeit Vorrang", heißt es in dem Papier. Neben Fußball soll offenbar auch über die Schwimm-EM im Mai, die Leichtathletik WM und das Tennis-Turnier in Wimbledon im Juni/Juli sowie den Großen Preis von Silverstone in der Formel 1 berichtet werden. Andere Sender hätten Interesse an der Übernahme des ARD Sportradios, das durch Medienforschung begleitet wird: "Konkrete Zusagen vom SWR und BR liegen bereits vor", heißt es. Unter Federführung des WDR bereitet die ARD, so lässt sich das lesen, den Weg für einen gemeinsamen, gebührenfinanzierten digitalen Sportkanal im Radio.

Der WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz weist das auf Anfrage zurück. Das Projekt sei nicht bundesweit, sondern befristet, eventbezogen und somit ein Radioangebot, wie es das "in der ARD schon öfter gab, insbesondere bei großen Sportereignissen". Derartiges sei durch das WDR-Gesetz zulässig. Der WDR als Federführer für die EM-Berichterstattung produziere das Programm und biete es anderen Anstalten zur Übernahme an. Damit wolle man auch das Digitalradio fördern. Ein bundesweites Sportradio, sagt Schmitz, sei nicht geplant. Von einem "bewusst zeitlich begrenzten Testlauf" ist in den Unterlagen die Rede. Aber als Test wofür?

Rundfunkrechtlich fragwürdig

Das WDR-Papier aus der Hauptabteilung Zentrale Aufgaben jedenfalls nennt als ein Ziel des Testlaufs die "Ermittlung des personellen, kapazitären und technischen Aufwands für ein öffentlich-rechtliches, eventorientiertes digitales Sportradio (ggf. als ARD Kooperation)". Ein anderes Ziel lautet: Dem privaten Fußballkanal "90elf etwas entgegensetzen". Als Kernzielgruppe hat man "sportinteressierte Hörerinnen und Hörer unter 50 Jahre" im Blick. Aber auch das Verhältnis zu den Privaten will Hörfunkchef Schmitz ganz anders verstanden wissen: Das ARD Sportradio richte sich nicht gegen andere Sender, schon gar nicht gegen 90elf, "das als Bundesliga-Radio eine völlig andere Ausrichtung" habe. Wer versteht da also wen richtig im WDR?

Rundfunkrechtlich wäre ein digitales Sportradio für die ganze ARD jedenfalls fragwürdig: Die Anstalten, so steht es im Rundfunkstaatsvertrag, dürfen auch Gemeinschaftsprogramme nur "für ihr jeweiliges Versorgungsgebiet" veranstalten; "bundesweit ausgerichtete Hörfunkprogramme finden nicht statt" - nur das Deutschlandradio hat einen bundesweiten Auftrag. Auch sonst ist Event. Das ARD Sportradio ein zumindest erstaunlicher Vorgang in einer Zeit, in der vom strukturell aufgeblähten öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Recht Rückbau statt Ausbau verlangt wird. Nicht nur bei privaten Radiostationen dürfte deshalb die WDR-Initiative Irritationen hervorrufen.

Die Rundfunkratschefin des WDR, Ruth Hieronymi, sagt auf Anfrage: Wenn ein neues Radio entwickelt würde, müsse dafür laut Rundfunkgesetz eine andere Hörfunkwelle eingestellt werden, "aus diesem Grund gibt es keine Planung für eine neue Welle". Die Gremien und die Rundfunkaufsicht würden sehr genau hinsehen, dass die gesetzlichen Auflagen erfüllt sind.

Hörfunkchef Schmitz nennt den Test jedenfalls "sehr kostengünstig". Nach den Plänen sind "Voll-Reportagen", Interviews und zweimal pro Stunde Sportnews vorgesehen- die etwa liefern BR und SWR. In der ARD nennt man so etwas Gemeinschaftsprogramm.