WDR "Ich muss auf niemanden hören"

Eine neue Beauftragte soll unabhängig prüfen, wie der Sender mit Vorwürfen sexueller Belästigung umging. Dem Intendanten Tom Buhrow dürfte das vor allem ein wenig Ruhe verschaffen.

Von Hans Hoff

Die ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende Monika Wulf-Mathies soll für den WDR prüfen, ob der Sender mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung durch hochrangige Mitarbeiter angemessen umgegangen ist. Sie könne dies in völliger Unabhängigkeit tun, versprach Intendant Tom Buhrow am Donnerstag in Köln. "Wir haben nichts zu verbergen", betonte er und reagierte damit auf die vielen Vorwürfe, die den Sender in der vergangenen Wochen in Atem gehalten haben. "Wir sind insgesamt nicht so schlimm, wie es im Augenblick aussieht", schob er noch nach und hofft nun, dass ihm auch Wulf-Mathies das bald bescheinigen wird, mit dem Befund, dass sich der Sender in Sachen Aufarbeitung nichts vorzuwerfen hat.

Obwohl das Wörtchen "bald" falsche Hoffnungen weckt, denn im Mai macht die Beauftragte erst einmal Urlaub. "Mein Interesse ist es, schnell zu arbeiten", sagt sie trotzdem und will auf jeden Fall Sorgfalt vor Tempo setzen. Mit Ergebnissen wäre demnach frühestens nach den Sommerferien zu rechnen. Das dürfte Buhrow gelegen kommen, denn im Zentrum der Vorwürfe, dass mit den verschiedenen Fällen nicht entschieden genug umgegangen worden sei, steht WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Der betont zwar, dass er in seiner Zeit als Chefredakteur alles getan habe, um die Vorwürfe zu prüfen, doch die Stimmen, die ihm in dieser Hinsicht zumindest Unentschiedenheit vorwerfen, wollen einfach nicht verstummen.

Das ist misslich für Buhrow, der im Juni seinen Adlatus Schönenborn gerne nochmal als Fernsehdirektor durch die Abstimmung im Rundfunkrat bringen möchte. Da käme es ihm sicher nicht ungelegen, wenn mit der Verpflichtung von Wulf-Mathies nun erst einmal Ruhe herrschte und Schönenborn sich halbwegs unbelastet dem Aufsichtsgremium stellen könnte.

Drei Kanzleien sind mittlerweile in die Vorgänge eingeschaltet

Wulf-Mathies gibt sich derweil entschlossen, aufzuklären. Sie dürfe in alle Akten schauen und überall hingucken, versichert Buhrow. Dem Vorwurf, nur zur Reinwaschung der WDR-Weste herhalten zu sollen, will sie sich nicht aussetzen. "Es geht mir um eine kulturelle Veränderung", sagt sie und betont ihre Unabhängigkeit: "Ich muss auf niemanden hören." Auch nicht auf Buhrow, der zumindest einräumt, es sei ein Fehler gewesen, dass es im WDR lange Zeit den Vorgesetzten allein überlassen blieb, wie sie mit Hinweisen umgingen. Auch habe man im Hause zu spät erkannt, dass es höchst ungeschickt war, mit der externen Aufarbeitung der aktuell bekannt gewordenen Vorwürfe ausgerechnet jene Anwaltskanzlei zu beauftragen, die in der Vergangenheit mehrfach gegen WDR-Mitarbeiter tätig wurde. Diesen Fehler habe man erkannt und nun eine weitere Kanzlei beauftragt.

Es kümmern sich aber nun nicht nur zwei Kanzleien um die Vorgänge, denn auch Wulf-Mathies greift als Aufklärerin auf die Dienste einer Kanzlei zurück. Drei Kanzleien sind also aktuell mit der Aufarbeitung der Vorwürfe befasst. Es herrscht Konjunktur im Juristengeschäft. Dazu passt eine Meldung, die am Donnerstag parallel zur WDR-Pressekonferenz in den Redaktionen eintraf. In der wurde verkündet, dass die ARD eine Erfolgsserie fortsetze, Titel: Die Kanzlei.