WDR-Dokuserie Wer ist hier der Boss?

Abgehoben: Projektentwickler Christoph Gröner arbeitet im Privatjet.

(Foto: WDR)

In drei Episoden vermisst ein Langzeitrecherche-Projekt das Verhältnis von Arm und Reich im deutschen "Ungleichland".

Von Holger Gertz

Natürlich ist es ein journalistischer Coup, einen Protagonisten wie diesen Christoph Gröner monatelang begleiten zu dürfen. Gröner ist superreicher Bauunternehmer und als klassischer Geldsack erst mal jemand, dessen Sympathiewerte überschaubar sind. "Ich bin in dreißig Jahren dreimal nicht zur Arbeit erschienen - fragen sie mal meinen Wachmann, wie oft der nicht zur Arbeit erschienen ist", sagt Gröner, der später seine Assistentin dafür lobt, dass sie sein enormes Arbeitstempo mithalten kann. Aber andererseits ist die junge Frau schließlich auch "erst ein paar Monate dabei, die ist noch frisch".

Doch Gröner ist eben auch einer, der über die Wohnungsnot nachdenkt, wobei er sich als Teil der Lösung sieht, nicht als Teil des Problems. Einmal gerät er mit wütenden Kapitalismuskritikern aneinander; es ist der aus der Kontrolle geratene Dialog zwischen einem, der hat und vielen, die suchen. Gröner erinnert in dieser Sequenz an Uli Hoeneß, damals, als der den Traditionalisten bei der Jahreshauptversammlung hinrieb, ohne die Hummerfresser in der Loge könnten sie ihre subventionierten Eintrittskarten vergessen.

Das Langzeitrecherche-Projekt docupy, eine Koproduktion von WDR und der Kölner bildundtonfabrik, bemüht sich, Licht in das Verhältnis zwischen Arm und Reich zu bringen und die Fliehkräfte in einem Land wie Deutschland zu beschreiben, in dem eigentlich die Dinge noch immer halbwegs im Lot zu sein scheinen. Eigentlich. In kaum einer Industrienation ist der Reichtum so ungleich verteilt, lernt der Zuschauer in der Dokuserie Ungleichland, er erfährt auch, dass den reichsten fünf Prozent die Hälfte der Behausungen im Ungleichland gehört, das seinen Namen also sehr zurecht trägt. Vor einer Woche lief im Ersten schon eine Art "Best-of", von diesem Mittwoch an wird das Ungleichland Germany im Spätprogramm des WDR in drei Episoden gründlich vermessen, Gröner spinnt dabei einen der roten Fäden. Aber auch der Berliner Baustadtrat Florian Schmidt oder Bewohner von Leipzig-Grünau und Duisburg-Marxloh kommen ausführlich zu Wort. All diese Menschen werden sorgfältig ins Bild gesetzt, und es ist sehr angebracht, dass Ungleichland nicht zum Genre der Presenter-Reportagen gehört: Ganz klassisch sind hier die Befragten wichtiger als die Fragenden.

Wobei aus dem Off in aufgeräumter Sprache die passenden Fragen gestellt werden, etwa nach dem Verhältnis von Besitz und Einfluss. Der Reiche ist mächtiger als der Politiker, und die Vermögensverwalter sind mächtiger als die Banken. Diagramme werden eingepflegt, Experten wie der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sprechen das Publikum an. Und der Freiherr von Bechtolsheim denkt über die Qualitäten seines österreichischen Militärfahrzeugs nach, das es ihm möglich macht, nach der Jagd jeden noch so schweren Hirschen per Seilwinde an Bord zu hieven.

Ungleichland schwingt sich, durch diese Verbindung verschiedener Elemente, von der anschaulichen Reportage zur nachhaltigen Gedankenreportage auf, an deren Ende die selten so klar übermittelte Botschaft steht: Wenn es so weiterläuft, wird die Gesellschaft zerrissen.

Ungleichland, WDR, mittwochs, 22.10 Uhr. Alle Filme sind vom 16.5. an in der Mediathek verfügbar.