WDR-Doku "Die zweite Hinrichtung" Henker auf der Suche nach einer Vene

Wie oft kann man versuchen, einen Menschen hinzurichten? 18 Mal wollten Henker in Ohio einem Todeskandidaten Gift in den Körper einleiten - vergeblich. Filmemacher Michael Verhoeven reiste in die USA um einen Dokumentarfilm über den Fall zu drehen. Was ihn dort ewartete, machte ihn fassungslos.

Von Hans Hoff

Der Filmautor Michael Verhoeven kann sich noch gut erinnern, wie das war, als im Herbst 2009 die Zeitungslektüre ganz besondere Folgen zeitigte. Er las einen Artikel über einen wegen Entführung, Vergewaltigung und Mordes zum Tode verurteilten Amerikaner, den man in Ohio hatte hinrichten wollen. Ganze 18 Mal hatten die Henker nach einer Vene gesucht, in die sie Gift einleiten wollten - sie fanden keine.

Die Hinrichtung wurde abgebrochen, und nun sollte es eine Anhörung geben zu der hierzulande unglaublich anmutenden Frage, ob man jemanden zweimal hinrichten darf. Verhoeven, der Zeitungsleser, war bestürzt und elektrisiert. Er buchte einen Flug nach Cleveland/Ohio und engagierte ein örtliches Kamerateam. "Ich wollte vor Ort sein, wenn da diskutiert wird", sagt er heute.

Ein paar Tage später stand er vor dem Saal, in dem die Anhörung stattfand, durfte aber nicht filmen. Er hatte Protestkundgebungen vor dem Gericht erwartet. Aber nichts dergleichen gab es. Amerika ertrug das, was Verhoeven so sehr empörte, mit Gleichmut. Zudem wollte kaum jemand mit ihm sprechen, nicht einmal die Anwälte von Romell Broom, dem Todeskandidaten. Man vertraute ihm nicht, es gab die Angst, so ein Film, wie er Verhoeven vorschwebte, könnte eine falsche Stimmung erzeugen und sich letztlich gegen Broom wenden. Irgendwann wollte dann doch eine Verteidigerin mit ihm reden und sagte drei Stunden lang nichts von Belang.

Er hat überlebt - und nun?

Für Michael Verhoeven aber war das gerade Ansporn. Der bekannte Filmemacher, der mit dem Spielfilm Das schreckliche Mädchen immerhin schon eine Oscar-Nominierung vorweisen kann, legte nach. Er verabredete sich mit Staatsanwälten, mit Opfern und mit Ermittlern. Irgendwann gab dann auch Brooms Anwältin ihren Widerstand auf. Sie hatte sich ein paar von Verhoevens Filmen kommen lassen und gesehen, dass sie es da mit einem sehr angesehenen Mann zu tun hatte.

Dreimal war Verhoeven längere Zeit in den USA, hat an die 20 Personen mit der Kamera befragt und fast 100 Stunden Material gesammelt. Herausgekommen ist nun ein 90-minütiger Dokumentarfilm, in dem seine Frau Senta Berger als Sprecherin fungiert und Ulrich Tukur Passagen aus Polizeiprotokollen rezitiert. In seiner Fülle spricht der Film vor allem von Verhoevens Fassungslosigkeit, für die er sich notfalls auch gerne naiv schimpfen lässt.

Er mag nicht glauben, dass die Menschen in den USA die Todesstrafe und all die aus ihr resultierenden Perversionen mit Gleichmut hinnehmen, dass sie ein System ertragen, in dem es nicht so sehr auf die Wahrheit ankommt, sondern darauf, was es für die nächste Wahl des zuständigen Staatsanwalts bedeutet: "Ich will zeigen, dass die Justiz Fälle biegt, weil die Karriere davon abhängt".

In der Tat sät Verhoevens Film große Zweifel daran, dass beim Verfahren gegen Broom alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Besonders emotional wird es, als die Mutter eines Mordopfers einen Brief Brooms vorzeigt. Den hat er kurz vor seiner Hinrichtung geschrieben im Wissen seines sicher nahenden Todes - und er hat darin noch einmal seine Unschuld beteuert.

Man spürt im Gespräch mit Verhoeven, dass ihm dieser Film wichtig ist. Er will das Unfassliche fassen und hat dafür viel eigenes Geld und Engagement investiert. Noch ist das Verfahren um die zweite Hinrichtung Brooms im Gange. Noch könnte dieser Film etwas im wirklichen Leben bewirken.

Verhoeven liegt außerdem das Angebot eines amerikanischen Pay-TV-Senders vor. Sollte der den Film erwerben, könnte am Ende sogar so etwas wie materieller Gewinn herausspringen. Einen ideellen Mehrwert hat er aber jetzt schon zu verbuchen.

Die zweite Hinrichtung - Amerika und die Todesstrafe, WDR, 23.15 Uhr.